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Brief (048-01757)

Staditz bei Türmitz

den 20 März 1888.

Lieber Freund,

Seit dem 17 bin ich hier, wo ich Frühjahrsferien verbringe welche den Weihnachten ähnlich sind. Was unsere Vorschläge betrifft,[1] so sind sie folgendermassen ausgefallen. Für ein Ordinariat wurde Konrath[2] in Greifswald in Aussicht genommen; Für ein Extraordinariat 1) Morsbach in Bonn,[3] welcher ein gutes Buch über die neuenglische Schriftsprache geschrieben hat; dann 2) ex aequo Köppel[4] in München, der über den Einfluss der Italiener auf die engl. Litteratur im 16ten Jahrhundert Arbeiten veröffentlicht hat ǀ2ǀ und der Verfasser der Dissertation Prolegomena ad carmen de Rollando anglicum und Herausgeber des Ivain und Gavain, dessen Name im Augenblick mir nicht einfallen will.[5] Von allen den Vorgeschlagenen kommt mir L. Morsbach in Bonn als der bedeutendste vor. Schade, dass Ihr Brief nicht 14 Tage früher ankam; ich hätte auf Ihr Urtheil hin alles daran gesetzt, damit Dr Pogatscher in den Vorschlag komme.[6] Ist Dr Pogatscher ein Österreicher? Wenn ja, so könnte dies für ihn sehr vortheilhaft sein. Denn er könnte sich an das Ministerium selbst wenden und um Berücksichtigung bitten, trotzdem unser Vorschlag schon am 15ten die Fakultätssitzung passirt hat.

ǀ3ǀ Ich schreibe noch heute an meinen lieben Freund Brandl[7] und theile ihm Ihr Urtheil über Dr Pogatscher mit. Vielleicht lässt sich für ihn noch etwas machen.

Ich werde mich mit Ihnen nie zerzanken. Die Verehrung, welche ich Ihnen von jeher entgegenbringe, würde mir es verbieten, auch wenn Sie in irgend etwas Unrecht haben sollten, was ich nicht erwarte. Das baskische gozo mit seinen Bedeutungen macht mir meine Deutungsversuche sehr zweifelhaft.

Sie haben jetzt wohl schon das Spanische von Baist in den Händen.[8] Was sagen Sie dazu? Ich hatte mehr erwartet.

ǀ4ǀ Ich vergass leider Ihren längeren Brief, den ich vor der Abreise nicht beantworten konnte, mitzunehmen. Denn niemals noch kamen mir die Ferien so erwünscht wie dieses Frühjahr.

Die Adresse von Gonçalves Vianna ist Rua do Carrião 21, 3° d° Lissabon.

Welche sind die besten und zuverlässigsten Spanischen Wörterbücher? Ich besitze nur eine ältere Ausgabe desjenigen der Akademie, welche mir zu meinen künftigen Arbeiten nicht genügt.

Ich wünsche Ihnen schönes Wetter und angenehme Ferien in Montreux,[9] wo liebe Erinnerungen an den doyen Bridel,[10] der mich als Kind durch seine Erzählungen sehr gefesselt hat, Ihren Aufenthalt verschönern werden.

Ihr ganz ergebener

J. Cornu



[1] Es geht um die Besetzung eines anglistischen Lehrstuhls (anglistische Professur) an der deutschen Universität in Prag.

[2] Matthias Konrath (1843-1925), aus Imst/Tirol stammend, wurde 1882 nach Greifswald berufen, wo er bis zu seinem Tod, d. h. über seine Emeritierung im Jahr 1914 hinaus, blieb.

[3] Lorenz Morsbach (1850-1945), seit 1884 Bonner Privatdozent, lehnte den an ihn ergangenen Ruf nach Prag ab und wirkte später in Göttingen.

[4] Emil Ferdinand Johann Koeppel (1852-1917), Breymann-Schüler in München, wurde dort Professor und ging 1896 als Anglistik-Ordinarius nach Straßburg.

[5] Gustav Erdwin Schleich (1856-1939), in Berlin promovierter Anglist, machte keine akademische Karriere, sondern ging in den Schuldienst (Andreas-Gymnasium Berlin, danach Friedrichs-Realgymnasium).

[6] Alois Pogatscher (1852-1935), gebürtiger Grazer, hatte 1886 bei ten Brink in Straßburg promoviert, wurde 1888 in Graz habilitiert und zum 30.4.1889 nach Prag berufen, wo er bis 1908 blieb. Vgl. HSA 08889-08959; des weiteren seine PK 08905 (Prag, 24.10.1889) an Schuchardt: „Verehrter Herr Collega, Zu meinem grossen Bedauern war es mir nicht vergönnt, Sie vor meinem Wegzuge aus Graz noch zu sehn, da Sie noch nicht zurückgekehrt waren; ich hätte Ihnen gerne Lebewohl gesagt; doch hoffe ich Sie zu Weihnachten zu sehn. Heute habe ich nach mancherlei Aufenthalten endlich meine Vorlesungen begonnen, die nicht gerade schlecht besucht sind. Mit Cornu war ich bereits mehrmals zusammen und freue mich, an ihm einen so liebenswürdigen und tüchtigen Fachnachbar zu haben. Sylt hat Ihnen hoffentlich wohl bekommen? In ergebenster Hochachtung APogatscher“.

[7] Alois Brandl (1855-1940), bedeutender österr. Anglist, nach Professuren in Prag, Göttingen und Straßburg wurde er 1895 nach Berlin berufen.

[8] Gustav Baist, „Die spanische Sprache“, Grundriss der romanischen Philologie, ed. Gustav Gröber, Bd. I, Strassburg: Karl I. Trübner, 1888, 689-714.

[9] Schuchardts Reise fand im April 1888 statt.

[10] Philippe-Sirice Bridel (1757-1845), gen. „le doyen Bridel“, ref. Geistlicher, Schweizer Heimat- und Naturforscher, Großonkel Schuchardts.