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Brief (024-01733)

Prag, den 21. Januar 1883.

Werther Freund,

Die Bücher gingen einen Tag später ab als ich gedacht hatte.[1] Das Postbureau liegt eine Viertel Stunde weit von meiner Wohnung und es war am angegebenen Tage keine Möglichkeit das Packet hin zu befördern.

Das Buch Sittls habe ich bei meinem Freunde Jung[2] flüchtig durchgeblättert und habe die überraschende Erklärung gefunden, dass fundóra von fundôrum abzuleiten ist.[3] Hoffentlich ist das Übrige besser. Ich freue mich auf Ihre und G. Meyers Kritik.[4]

Was ich mit Gröber gehabt habe? Ihm sowohl wie Suchier, wie Förster habe ich in meinem Leben nie etwas zu leid gethan.[5] Wenn Sie etwas wissen wollen, so bin ich die schlechteste Quelle Sie darüber aufzuklären. Was die ǀ2ǀ Kritiken von Baist anbetrifft,[6] könnte ich ihm sehr triftige Antworten geben, welche beweisen würden, dass er über Dinge urtheilt, die er nicht aus dem Grunde kennt. Er hat aber tüchtige Kenntnisse, ist anständig und das genügt mir.

Sie werden heute vielleicht besser verstehen, warum ich wünsche, dass unser kleiner Felix (so heisst mein Sohn) kein Philologe werde.

Eine gewisse Manier der Z. für rom. Philologie werde ich, einmal vielleicht, in der Romania berühren. Ich habe nämlich gefunden, dass bravo barbarus ist und besitze sichere Beweise dafür.[7] Wenn ich diese Etymologie mittheile, will ich dabei bemerken, dass ich dieselbe seit der Erschaffung der Welt meinen Studenten vortrage, um gewisse Angaben, die sich fortwährend wieder holen zu parodieren. Bei wie vielen Dingen könnten Sie nicht sagen, dass Sie dieselben seit so und soviel Jahren vortragen und Sie thuen es nicht.

ǀ3ǀ Wenn ich Ihnen am Tage geantwortet hätte, wo ich Ihren vorletzten Brief erhielt, so hätte ich Ihnen meine Tribulationen von Seite des Hofrathes von Birk[8] in einer lustigen Weise geschildert:

Als ich nach Österreich kam, hegte ich die Hoffnung, dass ich die kk. Hofbibliothek leicht würde benützen können. Diese Aussicht hatte mich zum Theile bestimmt die hiesige Professur anzunehmen. Ich sollte aber höchst unangenehm enttäuscht werden. Als ich vor vier Jahren, während des Faschings mich dem Herrn Hofrath von Birk vorstellte und ihn ersuchte die Benützung der Handschrift des port. Graal[9] mir in Prag zu ermöglichen, wurde ich so grob angefahren, dass ein Mann von Bildung eines solchen Auftretents sich schämen sollte. Ausserdem wurde ich von ihm belehrt, dass für mich in der Handschrift nichts Interessantes stecke. Als Sie aus Spanien zurückkamen, trafen Sie mich ǀ4ǀ in Wien, wo ich mich aufhielt, um diesen Text zu exzerpiren. Über altsp. Mundarten habe ich manches mitzutheilen und ich hätte andere Arbeiten noch veröffentlicht, wenn mir die dazu nöthigen Bücher zu Handen gewesen wären, um sie fertig zu stellen. Mit Hülfe sp. Urkunden wollte ich die Texte des Fuero juzgo[10] von München und Paris localisieren. Ich liess im Mai nach Wien schreiben, bekam die Bücher knapp vor den Ferien und konnte sie nicht mehr benützen. Heute, wenn ich etwas brauche, schreibe ich an die k. Bibliothek in Berlin und bekomme Bücher und Antwort in einer Woche. Soll ich jetzt den alten Grimm aufwärmen? In der Romania hatte ich in dem Artikel über den Einfluss der Labialen geschrieben: „Plût à Dieu que le ms. du Graal fût à Lisbonne, il me serait plus aisé de m’en servir qu’à Vienne“.[11] Die Redaction strich diese harmlosen Worte.

Entweder werden Sie zu Ihrem Wunsche gelangen die kkHB besser benützen zu können oder Sie können vielleicht auch das Andere erreichen erst recht schlecht bedient zu werden. Es hängt dies, meiner unmassgeblichen Meinung nach, ganz von dem Ansehen ab, welches der Hofrath von B. bei Hofe geniesst. Bei dem Schritte und bei allen Andern wünsche ich Ihnen das Beste.

J. Cornu.

[1] Vgl. Brief 01732 (Ende).

[2] Julius Jung (1851-1910), österr. Althistoriker in Prag.

[3] Karl Sittl, Die lokalen Verschiedenheiten der lateinischen Sprache; mit besonderer Berücksichtigung des afrikanischen Lateins, Erlangen: Deichert, 1882. Vgl. auch Karl Sittl, „Zur Beurteilung des sogenannten Mittellateins“, Archiv f. lat. Lexikographie 2, 1885, 550-580, hier 570.

[4] Schuchardt [zusammen mit G. Meyer], „Rez. von: K. Sittl, Die lokalen Verschiedenheiten der lat. Spr.“, ZrP 6, 1882, 608-628. – Sittl (1862-1899) wurde am 4.3.1882 in München promoviert, 1889 habilitiert und 1899 für Klass. Philol. u. Archäologie nach Würzburg berufen. Vgl. auch Brief 01736.

[5] Cornu spielt hier auf Rezensionen an, z. B. von Gröber in ZrP 2, 1878, wo ihm auf S. 182f. u. 184 kleinere Fehler bzw. Unachtsamkeit attestiert werden.

[6] Gottfried Baist, „Rez. von J. Cornu, Etudes de phonologie espagnole et portugaise“, ZrP 4, 1880, 471-473; Ders., „Noch einmal -ioron“, ebd., 586-590.

[7] Cornu, „Bravo“, Romania 13, 1884, 110-113.

[8] Ernst von Birk (1810-1891), Historiker und Bibliothekar, seit 1871 Präfekt der Wiener Hofbibliothek. Vgl. Briefe 07133 u. 01760.

[9] Wie aus Cornus Beitrag „Études de grammaire portugaise“ (Teil I), Romania 10 1881, 334-345 hervorgeht, handelt es sich um Ms. 2594 der damaligen Hofbibliothek „Demanda do Santo Graal“. Die Hs. ist inzwischen digitalisiert unter dem Titel „A historia dos cavalleiros da mesa redonda e da demanda do santo“ und wird Spanien (1400-1499) zugewiesen! Sie vermerkt in Bleistift auf Bl. 7 den Hinweis: „Nicht versendbar 10. Januar 1912 bravo! Entl. Journ. 10ex. 1912“.

[10] Altspanische Übersetzung des Liber Iudiciorum (Lex gothica); die Hss. sind München, BSB Cod. hisp. 6 und Paris, BN Espagnol 256.

[11] Cornu, „Études de grammaire portugaise.  I. De l’influence des labiales sur les voyelles aigües atones“, Romania 10, 1881, 334-345. Offenkundig hat die Red. diesen Satz gestrichen, denn er findet sich nicht im gedruckten Text.