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Brief (001-01710)

Prag, Krakauergasse 11,

den 23 März 1878.

Geehrter Herr College,

Sie werden wohl von Ihrem Collegen, Herrn G. Meyer,[1] meine Grüsse erhalten haben. Im Augenblicke, wo Ihr werther Brief mir anlangte, war ich durch die lästigen Übersiedlungsbeschäftigungen in Anspruch genommen[2] und, obgleich ich meine Pflicht nicht vergass, so muss ich mich doch schämen, dass ich Sie so lange auf eine Antwort habe warten lassen. Nachdem ich so lange gezögert habe, kann ich Sie mit erfreulichen Nachrichten beschenken. Es lässt sich auch gut in der österreichischen Monarchie leben. Von den Schreckbildern, welche die Deutschen von den Verhältnissen in Prag entwerfen, habe ich seit meiner Ankunft wenig gespürt. Ich kann sogar sagen, dass ich hier glücklich gelebt habe. Zu einigen Collegen habe ich die angenehmsten Beziehungen, welche ich mir nur wünschen kann und, was die Colleginnen anbetrifft, sind einige allerliebst. Die Palme gehört aber Ihrer Freundin, Frau Prof. Kremer-von Auenrode,[3] welche mir oft von Ihnen gesprochen hat.

ǀ2ǀ Was den Erfolg der Diezstiftung in der Schweiz anlangt, habe ich mit Freude gelesen, dass Gisin in Solothurn[4] mehr erzielt hat als ich durch meine Erlasse in verschiedenen Blättern.[5] In der romanischen Schweiz ist sicher weniger zu erreichen als in der deutschen.

Oft und viel habe ich in der letzten Zeit Ihren reichhaltigen Vokalismus in den Händen gehabt.[6] Dadurch bin ich angeregt worden in der Zukunft einmal ein Colleg über das Spätlatein zu halten, welches die meisten klassischen Philologen so vernachlässigen als wenn es nicht da wäre. Seit Ihrer epochemachenden Leistung sind insbesondere über das Bibellatein eine Reihe Arbeiten erschienen,[7] welche über manche Punkte der Grammatik Aufklärung bringen und eine systematische Darstellung verlangen. – In der Romania werde ich nächstens gegen Ihre Ansicht über i = ê im Fr. polemisiren.[8] Ich habe dieselbe zwar einmal bei einer früheren Arbeit angenommen, bin aber, wie ich glaube, zu einer richtigeren Erklärung gelangt.

Werden Sie, geehrter Herr College, in Graz oder in Wien die Ferien verbringen? Es würde mich sehr freuen, Sie in dieser letzten Stadt zu treffen, wo ich mich vierzehn Tage aufzuhalten gedenke.

Mit besten Grüssen Ihres ergebenen

Cornu.



[1] Gustav Meyer (1850-1900), Indogermanist in Graz und Kollege Schuchardts.

[2] Von Basel nach Prag.

[3] Lidvina / Lidwina / Lidwine Edle von Kremer-Auenrode, geb. Delia / Deligath (1848-?), Frau des Juristen Hugo Kremer von Auenrode (1833-1888); vgl. HSA 05792-05818 (Wolf, Nachlaß, 40 schreibt Lodvina Kremer von Auerrode).

[4] Nicht identifiziert; möglicherweise ein Mitglied der Familie Gysin?

[5] Vgl. Anne-Marguerite Fryba-Reber, „Gruss aus Steiermark an den Leman-See. La correspondance Hugo Schuchardt-Eugène Ritter (1875-1900)“, Romanische Studien Beiheft 4, 2018, 157-182, bes. Brief 3: „M. le professor Cornu m’avait écrit pour me demander de recueillir les souscriptions genevoises pour la fondation Diez. J’ai fait insérer à ce sujet, dans le Journal de Genève, au printemps dernier, un article qui n’a produit absolument aucun effet; je n’ai à envoyer à M. Cornu que ma modeste souscription personnelle“ (168).

[6] Schuchardt, Der Vokalismus des Vulgärlateins, Leipzig: Teuber, 1866-68, 3 Bde.

[7] Hermann Rönsch, Itala und Vulgata; das Sprachidiom der urchristlichen Itala und der katholischen Vulgata; unter Berücksichtigung der römischen Volkssprache, Marburg: Elwert, 21875.

[8] Cornu, „Glanures phonologiques“, Romania 7, 1878, 353-368.