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Brief, Maschinschrift mit handschriftlichen Korrekturen und Ergänzungen, Unterschrift Ferdinand Hestermann (5-04700)

Wien, am 29. September 1916.

XII Graf Seilerng.22/II

 

Hochgeehrter Herr Hofrat!

Ihre so überaus freundliche Sendung ist gestern hier eingetroffen.[1] Ebenfalls am Tage vorher Ihr so liebenswürdiger Brief. Beiden Aeusserungen Ihres gütigen Wohlwollens sage ich meinen herzlichen Dank. Wenn Herr Hofrat bemerken, dass ich sichtlich überrascht sein würde, so ist das in der Tat eingetroffen, aber in der besseren Richtung, indem ich, wie ich von Professoren und ihren Werken nach Erfahrung wusste, ich mir viel weniger vorgestellt hatte. Sind doch jetzt über 60 Nummern durch diese Sendung in meiner Hand, zusammen also über 70 Ihrer werten Arbeiten. Wenn ich etwas bedauern darf, so ist es nur das Eine, dass die „Karthwelische Sprachwissenschaft“ nur in Nrn. I (283) und III (297) vertreten ist, während die Nummer II (284) nicht übergekommen ist, was gewiss in einem Manko seinen Grund hat. Doch besitze ich von dieser Arbeit schon lange meine Excerpten. Es freut mich das in meiner Not an Büchern um so mehr, da ich so armselig daran war, und hier in Wien besonders in der reichsten Anthropologischen Abteilung die erschwerendsten Umstände vorliegen.

Ich schliesse mich des weiteren Ihrem geschätzten Schreiben an, und bemerke zunächst, dass ich mich mit dem Lykischen schon seit Jahren beschäftigt hatte, ich eine ganze Arbeit über das Lykische und seine Entzifferung fertig hatte, aber nicht in Druck bringen kann, wegen des Krieges. So muss ich sie in Bruchstücken verausgaben, der zweite Teil ist eben von Wiklund[2] für den Le Monde Oriental in Uppsala angenommen. ǀ2ǀ Damit bin ich schon in eine weitere Beantwortung Ihrer Frage eingetreten, nämlich dass ich mich beschränken möchte. Ich bin so überzeugt, dass Herr Hofrat mit diesem Hinweis vollständig das Beste für mich treffen, wie es viele gesagt haben, und ich es auch lebhaftest empfinde. Ich will aber Einiges zur Erklärung dieser meiner Notlage hinzufügen. Das Lykische, um gleich bei dem Thema zu bleiben, ist eine Folge meiner etruskischen Arbeit, die ich die Jahre zuvor gemacht habe. Die Arbeit umfasst die ersten 5000 Inschriften des Corpus, die ich in 14 Tagen und Nächten kopiert hatte. Die Arbeit erstreckt sich auf eine Unmasse von Kleinigkeiten, die beiläufig ca 1000 Folioseiten ausmachen mögen. Es war meine erste Arbeit überhaupt in diesen Gebieten, denn das erste, was ich im Leben auf der vierten Gymnasialklasse studierte, war Bruppacher’s Versuch einer Lautlehre des Oskischen,[3] die aus meiner Vorliebe fürs Latein entsprang. P. Schmidt hat dann später immer meinen Hang zu dem Europäischen getadelt, bis er am Schluss bekannte, dass er die nächsten 5 - - 6 Jahre auch wieder dazu übergehen wolle. So habe ich mich persönlich, - - ich meine ausserberuflich! immer stark mit Indogermanisch-Semitisch und Enklaven-Gebieten beschäftigt. Ich habe schon im Jahr 1898 mit dem Hettitischen begonnen, da ich einen Hang zu den Komplizierungen hatte. So gelang es mir, die Geheimschrift der Yezidibücher in einer Viertelstunde zu entziffern.[4] Das war meine persönliche Seite, die ich gewiss bald abgeschliffen hätte, wäre nicht eine berufliche erschreckend dazwischengetreten.

Das war meine Berufung an den Anthropos. Der war so vielseitig, und so mangelnd an Kräften, dass man Alles mögliche daran versuchte. Ich hatte mit Ostasiatisch angefangen, da ich ein Jahr lang mit gutem Erfolg Chinesisch bei einem unserer Missionare gelernt hatte. Das begann also ǀ3ǀ zuerst, daher meine Lolo-Studien, die ich in der WZKM veröffentlicht hatte, nachdem mir eine grössere vom Berliner Museum zweimal verboten wurde, da das Manuskript dort im Museum lag, das ich aber mit Erlaubnis kopierte. Dann kam ich zur Südsee, weil wir darin keine Vertreter hatten, und hier unsere Missionare in Neuguinea wie vernagelt dastanden, man bekam nichts. Das blieb nicht lange, da meldete sich der Amerikanistenkongress, - - ich hatte aber meine Papuagrammatik noch nicht einmal heraus! - - also hinein! Ich war in Verzweiflung, was zu machen sei, denn das Renommée verlangte doch Betätigung. Ich stand zwischen verschiedenen Feuern: Das Guarani-Problem brannte mir auf der Seele, die Kariben nach von den Steinen,[5] das Araukanische, das mir schon lange als zum Guarani verwandt erschien, Herr Hofrat sehen die Spuren davon in der Karte, die Schmidt in Berlin Z. f. E.[6] veröffentlichte. Er riet mir, mit dem Südpunkte zu beginnen, und so Amerika einfach sprachlich abzurollen. Aber das ging für den Kongress nicht. So entstand meine Pano-Arbeit. Die erstreckte sich auf 32 Sprachen, deren Wörterbücher ich vergleichend zusammenstellte, aber je wenn ich glaubte, fertig zu sein, tauchte ein neues Vokabular auf, und am Ende kam ein neues Werk, das Grösste, und der Autor ersuchte mich, zu warten und seine Studie über das Kaschinaua (in Portugiesisch) miteinzubeziehen.[7] Der Verfasser schickte sogar mehrfach den Sekretär des Konsuls zu mir, ich liess mich bewegen, bis eines guten Tages die ganze Druckerei in Rio de Janeiro niederbrannte. Da sass ich mit meinem Warten. Ich habe auch diesmal gezögert, kam aber doch dazu, es fertigzustellen, schickte es an Reinisch[8] in die Wiener Sprachenkommission, die die Sache zuerst hinnahm, dann eine Erweiterung verlangte, (die aber wohl als unfertig gedacht war,) ich schickte mich an, die Erweiterung, die fertig für alle 32 Sprachen vorlag, einzusenden, als Reinisch mir mitteil- ǀ4ǀ te, er wisse garnichts mit dem Manuskript anzufangen, es fehle ja die Grammatik. Ich war darüber nicht gerade sehr erbaut, da mir scheint, die Sprachen-Bibliothek[9] ist wohl nur für Hamitistik gegründet, da man von ihr sogar ein halb fertiges Buch veröffentlichte, und ausser dem von mir verfertigten Neengatu (Guarani-Tupi), das aber „aus Ordensrücksichten nicht meinen Namen tragen durfte“,[10] erschien, durch Schmidt durchgedrückt. So liegt das Riesenmanuskript bei mir, und - - vermodert. - - Unterdessen war das Manuskript über das Yagan (Feuerländisch) aufgetaucht, auf dem Kongress, das niemand zu veröffentlichen sich getrauen wollte. Man fragte in unserer Redaktion an, ich war der einzige, der unten aufzurollen begonnen hatte. So liegt auch das Lexikon bei mir, 32000 Wörter, die ich umschrieben und bearbeitet habe. Aber der Krieg hälts zurück.

Dann begann der Protest gegen die Afrikanistik. Ich hatte Schmidt schon aufmerksam gemacht als Meinhofs erster Riss der Bantu-Grammatik herauskam,[11] der er es uns als „Muster“ schilderte. Ich breche ab, denn die Sache begann unerquicklich zu werden, denn ich habe mehr gearbeitet, als man von mir gesehen hat.

Nun zum Kaukasischen. Ich habe die gesamten Manuskriptkataloge vereint, verglichen, einheitlich zusammengestellt, sie alle ins Deutsch gebracht, alle, auch aus dem Sbornik,[12] aus Paris, Athos, Jerusalem, usw. Publikation unmöglich. Das Corpus des Georgischen liegt in vielen Bruchstücken, auch unpublizierten, vor. Das Manuskript, - - wenn ich nicht vertrauensbrüchig werde - -, ist im Besitz des Hofrates Neumann in Mödling,[13] Palimpsest, griechisch oder syrisch unterschrieben. Freilich wäre zunächst die Uebersetzung des Svanetischen[14] Wörterbuches notwendig, an der ich seit einem Jahre sitze, aber publizieren! Im Uebrigen teile ich ganz Ihre Meinung über das Georgische, doch scheint seit vorgestern auf poli- […][15] ǀ5ǀ schem und wirtschaftlichem Wege ein Ansatz vorhanden zu sein, ich war selber innerhalb der Versammlung, - - aber als Stenograph, um mein Brot zu verdienen, so weiss ich es nur privat. Es wird ja Herrn Hofrat bekannt sein, dass Herr Prof. Dr Pöch[16] phonographische Aufnahmen in den Kriegsgefangenenlagern gemacht hat,[17] darunter Kaukasische und Tatarische Sprachen.

Lassen mich Herr Hofrat noch hinzufügen, dass also eigentlich meine Verzweigtheit nur ein Nachklang aus meiner bisherigen Arbeitsmethode ist, der ich im Zwang unterstand, so stark, dass mir eigentliche Arbeiten daraus, wie das Feuerländische, trotz der behördlich konzessionierten Annahme am Schlusse verboten wurden, weil Graebner[18] in Köln eine furchtbar hämische Bemerkung gegen meinen früheren Chef gemacht hatte.

Ich sage nur das Eine: Es war am Schluss unmöglich, und so gehe ich meine Wege. Aber ich bin Herrn Hofrat dankbar für den lieben Wink, dass ich mich beschränke. Ich werde mein Bestes daran tun.

Soll ich noch mehr über meine Sachlage schreiben? Ich glaube, es verlohnt sich nicht, denn dass es schwer ist, das weiss ohnedies jeder. In den nächsten Monaten hoffe ich mein Doktorat zu machen, dann bin ich einen kleinen Schritt weiter!

Zum Schlusse danke ich Herrn Hofrat nochmals in aller Verbindlichkeit für Ihre so wohlwollende Teilnahme an meinem wissenschaftlichen Geschick, wie ich es vielen Herren in dieser meiner schwersten Zeit danke. Ich danke Ihnen auch für die so überaus freundliche Uebersendung der vielen Schriften, nicht zum wenigsten aber auch für Ihren mir so angenehmen Brief. Möge eine reiche Arbeit meinerseits jedes Ihrer geschätzten Geschenke lohnen.

 

Unter diesen besten Wünschen bin ich

Herrn Hofrat ergebenster

Ferd. Hestermann.



[1] Vgl. Brief 4-04699.

[2] Karl Bernhard Wiklund (1868-1934), Finno-Ugrist in Uppsala.

[3] Heinrich Bruppacher, Versuch einer Lautlere der oskischen Sprache, Zürich; Höhr in Komm., 1869.

[4] Vgl. Khanna Omarkhali, The Yezidi religious textual tradition : from oral to written : categories, transmission, scripturalisation and canonisation of the Yezidi oral religious texts with samples of oral and written religious texts and with audio and video samples on CD-ROM, Wiesbaden: Harrassowitz, 2017.

[5] Karl von den Steinen (1855-1929), deutscher Mediziner und Ethnologe, Diccionario sipibo castellano-deutsch-sipibo; apuntes de gramática; sipibo-castellano; Abdruck der Handschrift eines Franziskaners, mit Beiträgen zur Kenntnis der Pano-stämme am Ucayali, Berlin: Reimer, 1904.

[6] Zeitschrift für Ethnologie 45. Jg., 1913, 242, s. Brief 04697.

[7] J. Capistrano de Abreu, rā-txa hu-ni-ku-ï ; a lingua dos Caxinauás do rio Ibuaçu, affluente do Muru (prefeitura de Tarauacá) ; ra-txa hu-ni-ku-i, Rio de Janeiro: Leuzinger, 1914.

[8] Leo Reinisch (1832-1919), Ägyptologe und bedeutender Sprachwissenschaftler, ab 1868 Professor in Wien.

[9] Schriften der Sprachenkommission // Kaiserliche Akademie der Wissenschaften, Wien: A. Hölder.

[10] P. Constant Tastevin, La langue Tapïhïya dite Tupï ou Ńeẽṅgatu (Belle Langue); grammaire, dictionnaire et textes, Wien: Hölder, 1910 (Schriften der Sprachenkommission; 2).

[11] Carl Meinhof, Grundzüge einer vergleichenden Grammatik der Bantusprachen, Berlin: Reimer: 1906.

[12] Sbornik Imeratorkago Russkago Istoričeskago Obščestva: The collections oft he Imperial Russan Historical Society, 1, 1867-148, 1916.

[13] Vermutlich Wilhelm Anton Neumann (1837-1919), Archäologe, Bibelwissenschaftler, Kunsthistoriker, seit 1874 Professor in Wien, mehrfach Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät, 1899 Rector magnificus, gestorben in Mödling.

[14] Südkaukasische Sprache.

[15] Hier scheint eine Seite zu fehlen, auch wenn man „auf poli[ti]schem … Wege“ ergänzt.

[16] Rudolf Pöch (1870-1921),österr. Ethnograph und Anthropologe, seit 1913 ao. Prof. in Wien; er war Hestermanns Doktorvater.

[17] Diese befinden sich heute im Wiener Phonogrammarchiv (PhAÖAkWiss; 141 Treffer).

[18] Robert Fritz Graebner (1877-1934), deutscher Ethnologe, 1911 in Bonn habilitiert.