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Brief (096-03444)

Verehrter Freund!

Herzlichen Dank für Ihren höchst interessanten Brief vom 17. d. Also dass eine frz. Arbeit zu meiner ewigen Seeligkeit nothwendig sei, ist nur M.s Meinung. Übrigens hat er ganz recht, dass ich der frz. Spr. u. Litt. ferner stehe, als es sich bei deren Bedeutung ziemt, und daher habe ich auch sofort seinen (vermeintlich Ihrer beider) Rath als einen väterlichen, gut gemeinten erkannt und mich entschlossen, statt nach Süden, wie ich gewollt hatte, nach Westen zu ziehen. Und dabei muss es nun bleiben: iacta alea, denn ich habe mein Gesuch schon abge- ǀ2ǀ geben. (Wenn es übrigens im Sommer in Paris politisch ungemüthlich wird,[1] so gehe ich doch sofort über die Alpen.) Eine Arbeit zu übernehmen, die mir keine Freude macht, fällt mir natürlich nicht ein, wie wohl ich an mir selbst erfahren habe, dass auch da l’appétit vient en mangeant: wenn man sich in eine wissenschaftliche Sache vertieft, und wäre es auch nur „der Schatten einer Kugel auf die Coordinatenebene“ (Hausarbeit 1869), so gewinnt man sie lieb. Heuer brachte ich die paar Regentage zu Freistadt[2] im Stadtarchiv zu um die Schriften des 12.-16. Jhs. ein wenig zu studieren und zu erfahren, was man denn eigentlich in solchen Archiven für Urkunden finden kann. Auch das hat mich schließlich so interessiert, ǀ3ǀ dass ich mir vornahm, die Archive Venetiens zu durchstöbern. Doch in Paris gibt es so viel zu studieren, dass meine Verlegenheit ein embarras de richesse ist: nur in diesem Sinne wäre ich gern mit einer gewissen Directive ausgezogen. Auch würde ich von Ihnen gerne gehört haben: „Bleiben Sie bei Ihrem Steckenpferd, der Mundartenkunde, u. tragen Sie da neue Bausteine zusammen!“ oder „Machen Sie um Gottes Willen endlich etwas Litteraturgeschichtliches oder etwas Alffranz. oder Spanisches, damit Sie der Welt ein bisschen Vielseitigkeit zeigen!“ Vielleicht hätte ich meine Fragestellung präciser fassen sollen. Doch, wie gesagt, ich bin Ihnen für Ihre Antwort sehr dankbar und mit ihr ganz zufrieden.

ǀ4ǀ Warum ich nicht von Borussismen spreche? 1. weil mir dazu die nöthigen Erfahrungen abgehen, 2. weil die norddt. Eigenthümlichkeiten meist als gut gelten u. durchdringen. Vgl. Halatschka[3] S. 4: … „dass überhaupt immer nur von Austriacismen die Rede ist, nie von preuß. Eigenarten. Woher kommt das? Daher, dass die Nordd. befehlen und wir gehorsam zuhören und glauben.“  … (dann kommt die Geschichte von A. Brandl.)[4]

Dass transitives nützen auch außerhalb Österr. irgendwo gebraucht ist, war mir wohl bekannt (O. Behagel!); aber ich weiß nicht wo, und da konnte ich das doch nicht anders denn als Austriacismus bezeichnen. Für uns in Östr. ist es das auch; denn die Grammatiken predigen unausgesetzt, dass es falsch ist, und die meisten nicht-österr. Schriftsteller haben ǀ5ǀ für den trans. Gebrauch nur nutzen.

Mittels ist also Ihnen fremd?*) Das macht ja nichts: die Mehrheit wird entscheiden. Aber über jetzt ist schon entschieden.

Ich brauche dasselbe (st. es) nicht und gebrauche es daher auch nie; weiß auch nicht, warum dasselbe deutlicher sein soll. Entweder genügt das Pronomen (also es), oder das Nomen ist zu wiederholen. Die Wiederholung scheut man, meine ich, zu sehr.

Was die Interpunction betrifft, ist es mir lieb, dass Sie mir Gelegenheit geben, Ihnen zu sagen, dass ich bei der Lesung Ihrer Schriften immer u. immer wieder über Ihre franz. Interpunction stolpere. Ich gehe zu einem Manne über den ich … Wohin gehört „über“? Ich muss erst weiter lesen, um es nachträglich zu erfahren; das ist nicht gut: für die deutsche Wortstellung die deutsche Inter- ǀ6ǀ punction! Die feine und nützliche Unterscheidung zwischen gramm. nothwendigen Relativsätzen (ohne Beistrich) und anderen müssen wir Deutsche – wo sie nicht ohnedies jeder Leser ohneweiteres versteht – durch andre Mittel klar machen (Diejenigen st. die; ein eingestreutes ja u. dgl.).

Nochmals meinen besten Dank!

Mit den herzlichsten Grüßen

Ihr

Gartner

Cz. 19. Januar 93.

*) Ich erinnere mich gut, schon in den Volkschulclassen beide Formen gelernt zu haben. Volksthümlich ist keine von beiden (wenigstens bei uns).



[1] Es gab eine Welle von anarchistischen Anschlägen und eine starke Agitation der Gewerkschaften.

[2] Stadt in Oberösterreich, 17 km südlich der tschechischen Grenze.

[3] Vgl. Brief 03350.

[4] „Es soll einen am Inn geborenen Privatdocenten geben, der sich auf seinem wenige Monate langen Aufenthalte in Berlin allerlei Berliner Eigenthümlichkeiten, so in der Haltung des Nackens, im Gebrauche von Interjectionen, in der Aussprache besonders der dort am meisten verzerrten Laute (z. B. g) angeeignet hat – aber leider ohne manche syntaktischen Austriacismen, z. B. Conditional im Bed.-Vorsatze, abzulegen)“ [Alois Brandl (1955-1940) war Innsbrucker. Zum besseren Verständnis ist anzumerken, dass Halatschkas Buch 1883 erschienen ist. Brandl war zu diesem Zeitpunkt noch Wiener Privatdozent und wurde ein Jahr später zunächst nach Prag, dann nach Göttingen, Straßburg und 1892 nach Berlin berufen, wo er 1878/79 studiert und sich offenbar einen Berliner Tonfall angewöhnt hatte].