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Brief (094-03442)

Verehrter Freund!

Den Tadel, nichts oder fast nichts Neues zu bringen und überflüssig erbost zu sein, habe auch ich über Wustmann allen gegenüber ausgesprochen,[1] mit denen ich über ihn gesprochen habe. Auch darin stimme ich mit Ihnen überein, dass sein Decret über den Gebrauch der Conjunctive – wie mir scheint, ein Originaldecret – zu weit geht, dass der Conj. in dem Satze „Ich glaube nicht, dass dem so sei“ undeutsch ist, und darin, dass die Sprache vor allem dazu da ist, dass die Menschen einander verstehen können. Im Übrigen aber muss ich, wie gewöhnlich, mehr oder weniger widersprechen.

Zunächst muss ich gestehen, dass ich Wustmann ganz und gar verzeihe. Er wendet sich offenbar hauptsächlich an einen Kreis von Lesern, denen es ganz gleichgiltig ist, ob und von wem dieser oder jener Fehler etwa schon gerügt worden ist; er trägt sehr verständlich vor, bringt eine Menge neuer ǀ2ǀ Beispiele, das Büchlein ist recht handlich und nett – es wird seinen Weg durch die ganze Welt machen und vielleicht zehnmal so viel gutes wirken, als Andresen,[2] Sanders,[3] Schopenhauer,[4] Wilhelm,[5] Lehmann,[6] Keller[7] oder Halatschka (oder der mir unbekannte Bekämpfer des papierenen Stils). Dass er mit seinen übertriebenen Forderungen durchdringt ist ja doch nicht zu fürchten, aber manche Ziererei und manche Nachlässigkeit u. andre Sprachsünden wird er wohl aus der Welt schaffen helfen. Wer aber die Geschichte der Grammatik oder die der Sprachreinigung studiert, wird auch so Wustmanns Quellen entdecken.

Dass er die Logik der Aesthetik unterordnet (S. 32) ist nur eine übereilte, zu allgemein hingestellte Phrase, etwa giltig für Fälle wie Schwim(m)meister, Schif(f)fahrt … aber gerade Wustmann ficht stets so wacker für die Logik im Sprechen u. Schreiben.

Haben Sie ihn nicht missverstanden, wenn Sie meinen, er stelle seine Regel über die Wahl ǀ3ǀ zwischen den Conjunctiven deshalb auf, „um eine alte Conj.-Ruine zu retten“? Er poussiert ja im Gegentheil die merklich differenzierten Conj.-Formen zu ungunsten der anderen alten, aber nicht mehr unterscheidbaren Conj.-Formen (z.B. ich hätte, statt ich habe). Ich gestehe übrigens, dass auch ich schon manchmal gegen alle Consecutio temporum kenntliche Conjunctive gewählt habe, um gewiss verstanden zu werden.

Mit dem frz.-engl.-plattdeutschen Plural-s kann ich mich nicht befreunden; es ist mir ganz fremd, und bei mir zuhause fällt es keinem Menschen, der nicht vom Gouvernantendeutsch oder von der Berlinismensucht angekränkelt ist, je ein, an irgend ein deutsches Wort ein Plural-s zu setzen. Von Hoch bildet man den Plural Hochrufe, wie von Unglück Unglücksfälle; von N, Wenn, Aber heißt der Plural wie der Singular (vgl. Jäger u. a. Wörter ohne Pluralzeichen). Ich bleibe bei meiner deutschen Declination.

Ebenso ist mir ein Suffix sch gänzlich fremd; ich kenne nur ein Suffix isch, und davon apostro- ǀ4ǀ phiere ich selbstverständlich jedes Endungs-e und alle Endvocale, die nach dem Gefühle meiner Landsleute nichts weiter als Endungen sind. Und dabei habe ich immer die mir bekannten Grammatiken auf meiner Seite. Grader u. gradisch[8] wage ich nur wegen der Verständlichkeit oder vielmehr Unverständlichkeit nicht; statt dessen sage ich einfach „von Grado“: das beleidigt kein deutsches Ohr, ist verständlich und nur um eine Silbe länger. Gradoer oder gradoisch widerstrebt mir, weil ich weiß und fühle, dass das -o nach den Gesetzen des Wortbildes hinaus muss. (Grador und) gradosch sind für mich und meine Landsleute unverständlich und undeutsch, und keine Grammatik, kein Wörterbuch, kein Schriftsteller hat mich bisher auch nur auf den Gedanken gebracht, mir derlei anzugewöhnen. Bloß „Böhmer’sche Transcription“ „Weber’sche Opern“ u.ä. ist für meine Augen nichts ungewöhnliches mehr; aber geschrieben oder gesprochen habe ich das nie, sondern als mir einmal so etwas ein Setzer brachte, machte ich aus dem „…er’sche“ ein „…ers“, weil ich fürchtete, es möchte etwa der norddt. Herausgeber mein „…erische“ nicht goûtieren. (Die Gothaer haben so viel Recht auf ihr „gothasch“, wie die Wiener auf ihr „weanerisch“.)

Mit den herzlichsten Grüßen

Ihr

Gartner

Cz., 21. Dec. 1891.



[1] Gustav Wustmann, Allerhand Sprachdummheiten, kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen. Ein Hilfsbuch für alle die sich öffentlich der deutschen Sprache bedienen, Leipzig: Grunow, 1892. - Wustmann (1844-1910), Bibliothekar in Leipzig, Sprachpfleger.

[2] Karl Gustav Andresen, Sprachgebrauch und Sprachrichtigkeit im Deutschen, Heilbronn: Henninger, 1890.

[3] Daniel Sanders, Wörterbuch der Hauptschwierigkeiten in der deutschen Sprache, Berlin: Langenscheid, 1880 (immer wieder aufgelegt).

[4] Arthur Schopenhauer, Ueber die, seit einigen Jahren, methodisch betriebene Verhunzung der deutschen Sprache,

[5] Nicht identifiziert.

[6] Josef Lehmann, Deutsche Schulgrammatik: für Lehrerbildungsanstalten und zum Selbstunterricht, Prag: Dominicus, 1883 (mehrfach aufgelegt).

[7] Nicht identifiziert.

[8] Dies und das folgende sind auf die Stadt Grado (Adria) bezogene Bildungen oder Ableitungen.