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Brief (074-03421)

Verehrter Herr College!

Ein grün-weisser Faden wäre mir aufgefallen, auch hätte er auf dem Sonderabdrucke aus der Zs. f. ö. Gym.[1] unten und oben oder rechts und links eine Druck- oder Reibspur hinterlassen, wenn er die weite Reise mitgemacht hätte; es muss also schon im grün-weissen Lande[2] ein Verstoss vorgekommen sein. Wenn Sie kein Ex. zu vergeben haben, so könnten Sie mir vielleicht eines leihen: hier in Linz habe ich nämlich an meiner Mutter[3] u. meiner Tante gute Hilfen zur Übersetzung.

Bei der Besichtigung des genannten Sonderabdruckes finde ich die Striche am Rande, die ich bei der Lesung gemacht habe; sie bedeuten Folgendes:

|2| (Diese Seite lasse ich leer, damit Sie, wenn es beliebt, meine Notizen ausschneiden können.

Eine andere Angelegenheit mag hier Platz finden.

Halten Sie „kaum mehr“ (wie Sie S. 324 sagen) statt „kaum noch“ für gut deutsch? Ich glaubte, dass das nicht außerhalb Öst.s vorkomme.

„Prof. R. belehrt mich dahin, dass …[“] (S. 328 4. Zeile) gehört zu Halatschka S. 16 unten; billigen Sie wirklich diesen sonderbaren Gebrauch?

S. 350 Zeile 12 hat Ihnen der Setzer „vieler falschen“ gesetzt, aber in derselben Zeile „vieler wahrer“; offenbar hier durch seinen (auch meinen) Gebrauch verleitet. Dagegen zweifle ich, ob S. 351 Zeile 9 „Bewanderten“ von Ihrer Feder stammt. Ich würde „dem als sehr Bewandertem“ schreiben, oder vielmehr „dem als einem sehr Bewanderten“.)

ǀ3ǀ S. 324 (zu S. 21, 16) „Herr P. war mich besuchen“ ist eine mir, als einem Wiener, ganz geläufige Construction. „Wo ist er denn hin (sc. gegangen)?“ „Er ist Karten kaufen (sc. gegangen, d.h. er beschäftigt sich jetzt mit dem Ankaufe der Fahrkarten)“. „Ich war in der Bibliothek nachschauen.“ U. ä.

S. 333 sprechen Sie von tonloser Lenis; was ist das? Ich habe dieses Gespenst zwar schon oft in Büchern genannt gesehen, aber nie in natura, d.h. ich kenne keine Sprache, in der zwei Cons. unterschieden würden, die sich zueinander wirklich nur wie fortis zu lenis verhielten. Selbst wo man z.B. 3 t-Laute hat, wie im Zakonischen (nach Deffner) und im Armenischen, liegen die Unterschiede anderswo (stimmhaft d, stimmlos t, behaucht th).

|4| S. 340 (zu S. 70, 44) Kaluppe (khalúpm), = Haus pej., kenne ich seit meiner Kindheit; übrigens haben Sie es vielleicht ohnedies auch als wien. angeführt. (Ich habe Ihr Slawo-dt. nicht zur Hand.)

S. 342 (zu S. 81, 1) Pomeibock übersetzen Sie mit „hilf Gott“; kann es nach der Syntax des Elbeslawischen nicht „Helfe Gott“ heissen? Das letztere gilt auch bei den deutschen Bauern in Czernowitz als Grussformel.

S. 345 (zu S. 101, 36) Ähnliche Wiederholungen des pron. pers. (wenn betont) sind mir als mundartl. deutsch gut bekannt (auch aus Österr. ob d. Enns).

– (zu S. 101, 37) „wird’s ausgegangen“ o. dgl. habe ich in meinem Leben nicht gehört

S. 346 (zu S. 112, 10) „in“ statt „in den“ ist eine der Marotten, durch die Scheffel seinen Ekkehart entstellt hat.

|5| S. 347 (zu S. 115, 69) „Geld auf Brot“ scheint mir ebenso urdeutsch wie das norddeutsche „Kalender auf das Jahr 1886.

– (zu S. 117, 44) „Witwe, Erbe … nach N.N.“ gehört vielleicht nur dem öst. Juristendeutsch an.

– (zu S. 118, 23) „auf jmd. bellen“ ist gewiss sehr verbreitet und so gut deutsch wie „auf jmd. schiessen“.

S. 348 (zu S. 126, 16) „Wander“ ein Magyarismus? Wie kommt der nach Böhmen? Ich glaube Wander : wandern = Reise : reisen. -schaft schien ungehörig bei einem Worte für Bewegung oder Zeit.

Mit dem freundlichsten Grusse

Ihr

Gartner

Linz a. D. (Mariahilfg., 28), 27. Juli 86.



[1] Schuchardt, „Zu meiner Schrift ,Slawo-deutsches und Slawo-italienisches‘ II'“, Zeitschrift für die österreichischen Gymnasien 37, 1886, 321-352.

[2] Steiermark.

[3] Gartners Mutter Therese geb. Zellenka war in Pest geboren und hätte ihm Schuchardts Aufsatz aus dem Magyar Nyelvőr übersetzen können.