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Brief (042-03388)

Verehrter Herr Professor!

Als ehemaliger Turner bin ich zwar schwindelfrei; aber mir scheint, ich habe nun eine Idee vom Schwindligsein bekommen, als ich nämlich den ersten Theil Ihres werthen Briefes durchlas. So unerwartet war für mich die grosse Ehre, die Sie mir, wie Sie mir gütigst mittheilen, erwiesen haben.[1] Und die Ehre wird dadurch nicht geschmälert werden, dass etwa (aus was immer für einem Grunde) der Erfolg ausbleibt. Ich sehe darin vor allem auch ein Zeichen Ihrer Zuneigung zu mir, und das erfüllt mich mit besonders innigem Danke. Sie werden denken: wenn es dem Mann bei dem Gedanken an das Amt schwindelig wird, so wird dieses für ihn doch zu hoch sein. Das war natürlich auch mein erster Gedanke, und ich kann mich dessen nur dadurch erwehren, dass ich überlege, wie ungerecht ich gegen mich selbst wäre, wenn ich mich mit Gelehrten wie Schuchardt, Miklosich, Mussafia, Böhmer vergliche statt z.B. mit Budinski.[2] Prof. Budinski habe ich zwar seit 27 Jahren nicht gesehen, kenne ihn also eigentlich gar nicht; aber an linguistischem Wissen übertrifft er mich vielleicht nicht einmal.

ǀ2ǀ Ein lautliches Analogen zu *tacitulare kenne ich nicht,[3] auch widersprechen einander die Reflexe von *tacitulare aus verschiedenen Zeiten und Orten; daher ist mir ein kurzes, überzeugendes Belegen der lautlichen Entwicklung unmöglich. (Am meisten leitete mich das Beispiel von *placitare – plidar, placitum – plaid auf die Fährte von *tacitulare.)

Mit der ersten Durchsicht Ihres jüngsten Werkes bin ich heute zu Ende gekommen. Ich musste dann erst den Eindruck Ihrer Schlussbetrachtung ein wenig verblassen lassen, um Muth und Lust zu finden zu den kleinen oder kleinlichen Bemerkungen, die ich hier zusammenstelle (s. folg. Seite).[4] Manche davon werden Sie gewiss interessieren; vergeben Sie mir die übrigen.

Mit der innigsten Verehrung und Dankbarkeit

Ihr 

ergebener

Gartner

Wien, 11. Jan. 85.

ǀ3ǀ

S. 5   Zu Anbeginn: nun ist mir auch Anbetracht klar (vgl. Ansehung) und anbetreffen (vgl. angehn).

15   ü neben i auszusprechen fällt nicht nur unseren „schwerfälligen Organen“ nicht leicht sondern auch den anderen (z.B. venetischen) denen das ü nicht geläufig ist. Ferner scheinen mir die frz. Organe ebenso „schwerfällig“ zu sein, wenn sie z.B. „nichts“ articulieren sollen.

51   š+i = s+i mag schon auch für Cormons gegolten haben, aber jetzt ganz einfach š = s. – Dass Maniago péiš sagt, kommt daher, dass dieses Wort dort (und an anderen Orten z.B. Görz, Rovereto péžo), als Krämerwort, nicht volksthümlich ist. – Dass dort, wo š = s, auch tš = ts (tj) sein müsse, glaube ich nicht; es ist auch thatsächlich in der Regel nicht so. – Wenn Sie š = s für ein Kind der friaul. Ebene erklären, dann wird das Kind doch nicht rätoromanisch; denn gerade phon. ist die frl. Ebene vielmehr ven. als rät. (gehörte auch nie zu Rätien, wie Asc. und viele Gymnasiasten wissen).

69   kärnt. tetschen: in Wien gibt es Tetsch’n f. (Schlag)

70   zarz. Tschetsche: gehört hieher nicht auch das wien. Zez’n f. (schwächliche Person), Zézerl n. (Dirne)? oder vielleicht Zasch’n f. (liederliches Weibsbild, nach Hügel)?[5]

77   patúš halte ich nicht mehr für slaw.; aber woher kommt es? (Schmellers Etymologie[6] ist nicht gut, da sie obl. patgitsch erheischte.)

87   schles. dréschacken; ist nicht die Tonstelle verfehlt? In Wien sagt man drischák’n. 

98   übertragen …; auch überspielte Karten, Claviere … sagt man bei uns (und ich weiss nicht, wie anderswo).

ǀ4ǀ 103   Absterbens Amen; an das Ave hängen die Katholiken immer noch das Gebet: Hl. Maria bitt für uns jetzt u. in der Stunde unseres Absterbens. Amen. Bei den Leichenbegängnissen sagen die Leute: Hl. Maria bitt für ihn (sie) jetzt und in der Stunde unseres (!) Absterbens. A.

110   sich beleidigen (sich beleidigt fühlen) ist nicht nur polno-deutsch (warum nicht wenigstens polono-deutsch? da man ja graeco-italisch, nicht griecho-italisch sagt); auch in Wien sagen viele Leute (ganz deutsche?) so.

117 u.ö.   Triestiner halte ich für mundartlich (Triester Deutsch), ich hätte nur Triester zu schreiben gewagt.

118   Es ist nach der Hochzeit: in Mähren sagt man: Ich bin schon nach dem Frühstück (d.h. ich habe schon gefr.)

123   ich mocht gehen wird gewiss ein Druckfehler sein; „möcht“ (mecht) sagt man; selten „wurd“ (auf dem Lande vielleicht öfter); „that“ ist sehr gebräuchlich. Also 1. i möcht gehn 2. i that gehn 3. i gehat. 4. i gangat 5. i wurd gehn.

124   „ich war gesessen“ dürfte böhm.-mähr.-schles. sein; bair. (östr.) ist „ich bin gsessen“.

126   „die in meiner Hand sich befindlichen Briefe“ kann ebenso gut ein Westphale einmal geschrieben haben wie ein Wiener; ein Austriacismus ist das keineswegs. Es thut mir leid, dass ich Ihnen nicht eine Berichtigung jenes weisen Lewi geschickt habe; ich glaubte, Halatschkas Warnung würde genügen.[7]



[1] Schuchardt hatte Gartner entweder für Czernowitz in Vorschlag gebracht oder sogar über ihn begutachtet.

[2] Gem. wohl Alexander Budinszky (1844-1900), 1876-84 Prof. d. rom. Phil. u. der hist. Hilfswissenschaften in Czernowitz.

[3] Vgl. Brief 03387.

[4] Es handelt sich um Anmerkungen zu Schuchardt, Dem Herrn Franz von Miklosich zum 20. November 1883. Slawo-deutsches und Slawo-italienisches. Graz: Leuschner & Lubensky, 1884.

[5] Vgl. Brief 03352.

[6] J. Andreas Schmeller, Sammlung von Wörtern und Ausdrücken, die in den lebenden Mundarten sowohl, als in der ältern und ältesten Provinicial-Litteratur des Königreichs Bayern, besonders seiner ältern Lande, vorkommen, und in der heutigen allgemein-deutschen Schriftsprache entweder gar nicht, oder nicht in denselben Bedeutungen üblich sind: mit urkundlichen Belegen, nach den Stammsylben etymologisch-alphabetisch geordnet, München: Oldenbourg, 1872-77.

[7] Vgl. Brief 03387.