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Brief (041-03387)

Verehrter Herr Professor!

Das ist eine freudige Überraschung und ein herrliches, ganz unverdientes Neujahrsgeschenk![1] Nehmen Sie vor allem meinen herzlichsten Dank entgegen!

Da ich Sie zu Weihnachten nicht gesehen hatte und ich ein wenig zu fürchten anfieng, es könnte Ihr Befinden daran schuld sein, dachte ich eben diese Tage nach, ob Sie denn eine Anfrage nicht übel aufnehmen würden. Nun hatten Sie die Güte, mich darüber theilweise zu beruhigen – leider nur theilweise!

Daraus dass ich erst heute erwidere, werden Sie schliessen, dass ich das Buch wenigstens schon durchflogen hätte. Wie gerne hätte ich es gethan! Aber ich musste mir die Sisyphus-Pein auferlegen, es 2, 3 Tage ungelesen zu lassen: ich musste nämlich endlich meinen Beitrag zu Gröbers „Grundriss“ vollenden;[2] seit ein paar Stunden ist das geschehen, und nun beeile ich mich, Sie von dem richtigen Eintreffen Ihrer Sendung zu benachrichtigen.

Übrigens habe ich doch gleich beim Empfange Ihres Buches einen Blick hineingethan und dabei zwei Dinge gesehen: das eine (š = s sei nicht urvenedisch) begreife ich vorläufig noch nicht, das andere – ǀ2ǀ habe ich sofort in meinem Ms. zum „Grundriss“ citiert![3] Das ist die Vermuthung, dass anlautendes s + Voc. einst auch im Süddeutschen z gelautet habe. Daran hatte ich schon selbst gedacht, aber erstens fehlte es mir an Kenntnissen und daher an Muth, es auszusprechen, zweitens dachte ich, es könnte vielleicht nicht altbair. sondern langobardisch sein. Das ist nun freilich gar mislich, unbekanntes durch unbekanntes zu erklären; denn über das langob. weiss man ja gar nichts.

Meine Liste slaw. Elem. im Friaul. haben Sie reduciert? Das ist mir ganz recht; ich stand unter dem Einflusse des landläufigen Vorurtheiles, als ich jene Liste möglichst lang herstellte.

Durchklopfen = durchbringen + verklopfen, mag sein; aber wenn verklopfen nun österr. ist (was ich bisher nicht gewusst habe), so ist vielleicht Verklopfen = potepsti[4] + verthun (vergeuden, verprassen …); denn die Militärgrenze war immer für die östr. Civil- und Militärbeamten die Schule des Verklopfens.

Österreichische Lehrer könnten allerdings manches beitragen, aber nicht alles: denn, wie Sie wissen, muss sogar ich alter Silbenstecher noch immer wieder Redensarten und Wörter als Austriacismen erst kennen lernen, weil ich sie bisher für gut deutsch gehalten. Es müssen ǀ3ǀ also doch immerhin die Fremden das meiste leisten; nur sollen sie es nicht leichtsinnig thun, wie der Lewi[5] (dessen Halatschka erwähnt), welcher ganz falsche Beschuldigungen aus der Luft greift.

Über die Höhe Ihrer pecun. Opfer bin ich erschrocken, aber wenn ichs überlege, so begreife ich, dass die Herstellung eines solchen Prachtwerkes so hoch kommt.

Dass Ihnen irgend jemand, der Sie einmal gesehen hat, der Schmutzerei beschuldigt, nein das brauchen Sie nicht zu fürchten.

Mussafia ist es in diesen Ferien ausnahmsweise gut gegangen (sonst kommen nämlich gerade in solchen Tagen gerne die Schmerzen); ich werde ihn Freitag abd. sehen.

Zwei etymol. Nüsschen zum Nachtisch, von mir angeknackt:

tadlár, táidla (horchen) = *tacitulare (tacitulus ist schon im lat. Wortschatze; wegen des Begriffes vgl. gred. škutę[6] = horchen und schweigen), nicht *titulare, nicht *attentulare (Asc.)

sper (neben) = s-pario (vgl. grd. impęa[7] zusammen, mit, und it. appajare), nicht ex-per (Asc.)[8]; es ist ja auch rum. despre nicht (wie Asc. glaubt) = de-ex-per, sondern de-supra.

Mit hochachtungsvollem Grusse und innigstem Danke

Ihr

ergebener

Gartner

Wien, 8. Jan. 85.



[1] Schuchardt, Dem Herrn Franz von Miklosich zum 20. November 1883. Slawo-deutsches und Slawo-italienisches. Graz: Leuschner & Lubensky, 1884.

[2] Vgl. Brief 03884.

[3] In Grundriss I, 1884, 478-479 fehlt Schuchardts Name.

[4] Miklosich, S. 13.

[5] Hermann Lewi, Das österreichische Hochdeutsch. Versuch einer Darstellung seiner vorstechendsten Fehler und fehlerhaften Eigenthümlichkeiten, Wien: Bermann und Altmann, 1875.

[6] Mit Accent aigu auf dem ę.

[7] Mit Accent aigu auf dem ę und zwei Punkten unter dem a.

[8] Ascoli.