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Brief (005-03352)

Verehrter Herr Professor!

Mit großem Vergnügen werde ich Ihre Anfragen über das Wienerdeutsch beantworten.[1] Gestatten Sie mir nur, dass ich, wenn nöthig, statt einer Correspondenzkarte einen Brief schicke. Was ich nicht selbst mit Sicherheit sagen kann, werde ich jedenfalls und sehr gerne bei einem Amtsbruder und bei einer Schwester von mir erfragen[2]. Die letztere lebt seit ihrer Geburt, also seit mehr als ½ Jahrhundert, in Wien und kommt sehr oft mit Leuten der niedrigsten Stände zusammen. Eine Sammlung über das Tschechisch-Deutsch ist mir leider nicht bekannt, und ich glaube nicht, dass ich unter meinen Bekannten eine erforschen kann.

Die Sache selbst interessiert mich sehr lebhaft, und ich werde mir erlauben, Ihnen Slavismen mitzutheilen; es liegt ja nichts daran, wenn Sie einige oder alle schon kennen. Heute fällt mir eben folgendes ein:

Povidl (eingesottene Pflaumen); Kren (Meerrettig; kroatisch oder slovakisch?: denn tschech. křen; übrigens schon mhd., s. Lexer Wtb.); Strizi (der ein Freudenmädchen begleitet und von ihr „ausgehalten“ wird; verächtlich: Bursche). „Sich“ für die 1. P. Pl. (wir ärgern sich) hört man jetzt öfters in Wien; aber wenn ich es von einem Schüler hörte, so war es immer einer dessen Mutter nicht in Wien aufgewachsen war. „Es steht nicht dafür“ (es ist nicht der Mühe wert) war ǀ2ǀ mir auf dem Gymnasium, als ich es von dem Sohne eines tschechischen Schneiders zum ersten male hörte, ganz fremd; jetzt ist es in Wien ganz alltäglich, ich habe das alte „s’is net drummawert“ schon Jahre lang nicht gehört.

Nun zu Ihren Fragen.

Großmächtig ist in Aller Munde, bis in die gebildetsten Kreise. Ich sage auch so. Daneben bildet man, wenngleich seltener, ganz frischweg langmächtig (lungo lungo), weitmächtig (lontano lontano) und so mit anderen einsilbigen Adj. und Adv. Aber nie klein-, kurzmächtig o. dgl., wie begreiflich.

Potizen ist, wie mir scheint, nicht wienerisch (Ich werde nachfragen). Ich wenigstens habe es erst von Verwandten kennen gelernt, die sich in Galizien und in Steiermark aufgehalten hatten. Eines meiner Eltern schrieb mir (mit Anspielung auf diese Verwandten) vor etwa 20 Jahren dieses Wort, u. z. Budizen. Die putítsn ist eine Art Strudel, Honig ist drin.

Mit Wiener Idiotikon werden Sie versehen sein. Ich habe das von Hügel (Wien, 1873);[3] darf ich es Ihnen schicken?

Den Inhalt Ihrer werten Postkarte vom 2. d. habe ich dem Halatschka mitgetheilt; es wird ihn ǀ3ǀ recht gefreut haben. Ich habe noch keine Nachricht von ihm.

Mit dem Ausdrucke der innigsten Verehrung

Ihr

ergebener

Gartner

Wien, am 5. Dec. 83.

Zur Conjugation:

Der Schuldiener schrieb mir vor einigen Tagen: „Šüller B… Ghomte nich“ (Der Schüler B. kommt nicht.)



[1] Diese Anfrage hängt mit der folgenden Schrift Schuchardts zusammen: Dem Herrn Franz von Miklosich zum 20. November 1883. Slawo-deutsches und Slawo-italienisches. Graz: Leuschner & Lubensky, 1884. Dort heißt es auf S. 18: „zuguterletzt hat auch Herr TH. GARTNER in Wien auf mancherlei Anfragen rasche und fördernde Antwort ertheilt“. Gartner wird zudem mehrfach zitiert.

[2] Unklar, wer gemeint ist; Gartners einzige Schwester Hermine (1846-1905), war eine bekannte Malerin, die zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht mehr in Österreich lebte.

[3] Franz Seraphin Hügel, Der Wiener Dialekt: Lexikon der Wiener Volkssprache

 = Idioticon Viennese, Wien; Pest; Leipzig: Hartleben's Verl., 1873.