Senden hat offenbar funktioniert, aber es wird noch ein Bestätigungsmail verschickt, sobald die Änderungen angekommen sind.
Es hat etwas nicht funktioniert. Bitte den Inhalt in Word (o.Ä.) kopieren und per Mail schicken.

Brief (003-03350)

Verehrter Herr Professor!

Die offene Sendung vom 26. d. M. ist gestern abend in meine Hände gelangt. Ich danke verbindlichst für das Zeitungsblatt, das Sie dem Sonderabdrucke gütigst beigelegt hatten.[1] Ich habe daraus nicht nur manches gelernt, sondern leite aus dieser Aufmerksamkeit von Ihnen überdies das Recht ab, Sie mit einer Erwiderung zu belästigen, zu der ich sonst nicht das Herz gehabt hätte. Ein Feuilleton – vermuthlich haben nicht Sie diesen behaglichen Winkel im Blatt ausgewählt – lässt übrigens kaum eine andere als eine briefliche Erwiderung zu; auch kann ich in einem Briefe vieles sagen, was ich unter gar keinen Umständen veröffentlichen dürfte. Lassen Sie mich also anfangen, und legen Sie den Brief immerhin beiseite, wenn er Sie zu unbedeutend oder allzu freimüthig dünkt.

Vor allem muss ich einen großen Theil Ihres Tadels auf meine Schultern nehmen. Die Sammelzettel waren ja von mir und für mich geschrieben; sie enthielten ferner nicht nur offenkundige Sprachfehler, sondern auch Beispiele, die ich erst hätte überprüfen wollen, und Beispiele zu Nebenzwecken aber ohne Angabe darüber. Welch reichliche Fehlerquelle für einen Arbeiter, der in den Sammler zu viel Vertrauen setzte! So mag Halatschka[2] vieles apodiktisch für falsch erklärt haben; nicht aus Unbescheidenheit, sondern weil er meinte, ich hielte es so sicher für falsch, und weil er in seiner Bescheidenheit eine zu hohe Meinung von mir, seinem ehemaligen Lehrer, hatte. Von Bescheidenheit triefende Redensarten wären freilich billig gewesen, wie Brombeeren.

Ihrem Wunsche, dass Halatschka alle fehlerhaften und verdächtigen Ausdrücke, Flexionen, Constructionen u.s.w. bis auf ihren Ursprung zurück geschichtlich hätte verfolgen sollen, schließe ich mich an. Aber es muss ja nicht einer alles machen; und mancher andere, z.B. Andresen,[3] hat das auch versäumt, ohne dass ihm deshalb ein Kritiker sagt: Du hast wohl davon gar keine Ahnung, dass Du mit einem sprachgeschichtlichen Stoffe hantierst.

ǀ3ǀ „Von Zeitungsdeutsch“ zu sagen fällt Halatschka nicht ein; es ist ein Setzfehler (st. Vom), wie wohl die meisten Leser sofort denken werden. (Für den indeclinablen Gebrauch des Wortes „Deutsch“ einen norddeutschen Gewährsmann: K. Sachs, dt.-frz. Wtb.)

À la minute“ ist absichtlich und scherzweis gesagt; auch das dürften die meisten Leser sofort herausgefunden haben.

Genug groß“, sagen Sie, „macht mir den Eindruck von einem Provincialismus, ja von etwas Undeutschem“ (ich würde gesagt haben „macht auf mich den Eindruck eines Prov., ja des Undeutschen“). Aber ich kenne, so wie Sie, keine deutsche Gegend, wo „genug groß“ gewöhnlicher, geschweige ausschließlich gebraucht wird. Es ist dies vielmehr eine, wie ich meine, auch richtige, ja die logisch bessere Stellung (vgl. sehr groß, zu groß, genügend groß). Sanders[4] weist sie bei Lessing, Jacobi, Voß, Goethe u. A. nach (Wtb. d. dt. Spr.); und derselbe Sanders (der übrigens kein sonderlich guter Gewährsmann ist: vgl. Litt.-Bl. f. g. u. r. Ph., 1883, Spalte 341-344) behauptet an der von Ihnen angeführten Stelle seiner Deutschen Sprach-Ukase nicht mehr, als dass „genug“ gewöhnlich dem dadurch bestimmten Worte nachgestellt werde.

In dem Satze „Niemand wird es wundernehmen“ („wundernehmen“ in dem Schulprogramme nach der k. k. a. pr. öst. Schulorthographie pflichtschuldigst zusammengeschrieben) ist „niemand“ ein Accusativ, und somit trifft Ihre Vermuthung, dass es Affectation sei, nicht zu. „Niemand“ ohne Flexikon im Dat. und im Acc. ist ja geschichtlich begründet, von den Grammatikern theils gebilligt, theils sogar verlangt und bei Schriftstellern nicht unüblich (s. K. Sachs, dt.-frz. Wtb.).

Warum lassen Sie Halatschka sagen, „er könne nicht zugeben, dass sich die Sprache denkwidrig weiterbilde u.s.w.“? Er schreibt ja, „wir können nicht …“ und meint, da er zu bescheiden ist im Plur. maj. zu reden, nicht sich, sondern das deutsche Volk.

ǀ3ǀ Sie sagen, dass der Trieb, der das Zeitungsdeutsch erzeugt naturgemäß sei; fahren aber gleich so fort: „Manche krankhaften Auswüchse treten dabei zu Tage.“ Hat denn Halatschka etwas anderes behauptet? Er hält nur eben manches für krankhaft, was Sie nicht dafür halten, und er würde Ihnen (wie ich) für die bloße Nennung all dieser Fälle recht dankbar gewesen sein.

Wenn „heuer“ zufällig im Norddeutschen erhalten wäre und wir Süddeutsche das schreckliche Gebilde „diesjährig“ auf dem Gewissen hätten (vgl. „diesbezüglich“), wie würde man da an der Spree hohnlachen, weil wir das deutsche Wort verlernt und ein undeutsches Ungeheuer neugebildet hätten!

Nachdem“ dürfen wir deshalb nicht causal werden lassen, weil wir sonst unseren Überfluss an causalen Conjunctionen noch steigern würden und für après que gar kein Wort hätten.

Gar sehr interessierte es mich zu hören, dass die Spanier aus freien Stücken el mismo als Personalpronomen missbrauchen sollen. Allein ich wartete vergeblich auf ein vorsedanisches Beispiel; ich möchte daher (trotz meinen dürftigen Kenntnissen im Spanischen) noch immer die Meinung behalten, dass die Zeitungsjuden jene europäische „Seuche“ verschulden. (Ich brauche wohl nicht zu versichern, dass ich kein Antisemit bin.)

„Die Besedas“ muss man sagen, weil Sie sonst in jenem Citate nicht den Plural erkennen? Das kann nicht Ihr Ernst sein. Das hieße ja das creolischeste Kauderwälsch gutheißen! Nein, so scherzen sie nur „unter dem Striche“.

„Ich suche ihn nach rechts“ wird durch den ganz anderen Fall „Ich forsche ihm bis nach den entferntesten Gegenden nach“ durchaus nicht gerechtfertigt; dieses ist richtig (Bis wohin forschest du nach?), jenes falsch (Wo suchst du?)

Um etwas auf einen späteren Augenblick zu verschieben, sagen die Tschechen „Až potom!“, nicht nur „Potom“, und so, wenn sie ǀ4ǀ deutsch reden „Bis später!“ statt „Später!“ Diesen Gebrauch des Wortes „bis“ (als pleonastischen Hinweises auf die Zukunft) in Österreich erklärt, wenn ich nicht irre, schon Schleicher in Herrigs Archiv für einen Slavismus.[5] In Thüringen mag der Missbrauch ohne slav. Einfluss aufgekommen sein.

Dass eine Sprachbehörde wie die Académie Française für Deutschland nicht passt, gebe ich zu; aber dass sich Akademiker auf die Seite der Zeitungsschreiber schlagen und „ein frisches Drauflossündigen“ predigen, das kann doch auch bei uns nicht heilsam sein, es muss diejenigen, denen die deutsche Schriftsprache lieb und heilig ist und die für deren Reinhaltung – nach ihren Kräften – kämpfen, betrüben und entmuthigen, besonders einen so jungen Mann wie Halatschka.

Ich hoffe zuversichtlich, verehrter Herr Professor, dass Sie mir, den Sie kennen, den Eifer für die gute Sache und – ich gestehe es gerne – für den guten Freund nicht übel deuten werden, und verbleibe mit immer gleicher Hochachtung

Ihr

ergebener

Gartner

Wien, am 29. November 1883.

(V., Wimmergasse, 2)



[1] Schuchardt, „Zeitungsdeutsch”, Deutsche Zeitung (Wien), 24. November 1883. Es handelt sich um eine Rez. von Halatschkas Zeitungsdeutsch (s. u.), in dem auch Gartner erwähnt wird: „Ich finde bei Herrn Halatschka ,genug beschränkt‘ (Seite 40), eben so wie ,genug groß‘ bei Herrn Gartner, der die Materialien zu dieser Veröffentlichung geliefert hat“.

[2] Raimund Halatschka, Zeitungsdeutsch, Wien: Pichlers Wwe u. Sohn, 1883. Das Buch ist Gartner gewidmet.

[3] Karl Gustav Andresen, Sprachgebrauch und Sprachrichtigkeit im Deutschen, Heilbronn: Henninger, 1880 (immer wieder aufgelegt).

[4] Daniel Sanders (1819-1897), deutscher Lexikograph, Sprachforscher, Dichter und Übersetzer. Er gab gemeinsam mit Eduard Muret (1833-1904) u. a. ein viel benutztes und immer wieder aufgelegtes Enzyklopädisches engl.-dt. u. dt.-engl. Wörterbuch heraus.

[5] Nicht nachgewiesen; vgl. aber Brief 03351.