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Brief (062-04060)

 

Ruprechtsau-Straßburg i/E. 10.7.86.

 

Lieber Freund.

Die verflossenen beiden Schreibtage gingen mir verloren; der eine durch Besuch, der andere durch die Pilgerfahrt der hiesigen Germanisten nach Friederikensruhe in Sesenheim,[1] wohin alljährlich die hiesige fromme Goethegemeinde wallfahrt. Daher blieb Ihr Brief bis heute liegen, von Berlin aus ist ihm nun auch Ihre Sammlung kleiner Artikel gefolgt, die ich mich freue endlich sämtlich vor mir zu haben. Ich werde, so gut ich es kann, darüber in der Ztsch. berichten.[2]

Daß Windischs Artikel im Allgemeinen[3] Ihre Zustimmung hat, ist mir äußerst willkommen zu erfahren. Von einigen Ihrer Berichtigungen gestatten Sie mir wohl später bei Aufstellungen von Verbesserungen in Nachträgen Gebrauch zum Grdß.[4] zu machen. Sie hätten den Abschnitt jedenfalls ganz anders behandelt und Ihre Bearbeitung war mir natürlich willkommener gewesen, weil Sie den Problemen näher getreten sein würden, als es in W.s Artikel geschieht. Ihre Meinung über die Probleme zu hören würde für die Leser des Grdß. schon von Werth gewesen sein, wenn Sie sie auch z. Th. hätten ungelöst lassen müssen. Wollten wir es alle so gut machen, wie Sie es für den Grdß. in den Ihnen zunächst gelegenen Abschnitten, offenbar im Sinne hatten, als Sie ablehnten sie zu übernehmen, so brächten wir das Buch überhaupt nicht fertig; daß Sie doch selbst aber das nicht wünschen, beweist mir das Interesse, das Sie an dem Buch nehmen, u. das Sie aufs Neue bethätigen, indem Sie einen Ihrer Schüler darauf hingewiesen haben. Hoffentlich kommt mir durch einen Dolmetsch zu Ohren, was er in einer fremden Zunge darüber seinen Lauschenden verkündet.[5]

ǀ2ǀ Der Widerspruch, den Sie bei Windisch bez. des Rätorom. u. Friaulischen (hinsichtlich der sprachlichen Besonderheiten der Ladinischen Mundartgruppe gegenüber den Verschiedenheiten der etymologischen Grundlage) finden, hebt sich wohl damit, daß W. dem von ihm mehrfach angeführten Czörnig[6] folgen, und mit ihm eine Zuwandrung von Rätoromanen des Nordens nach Friaul annehmen wird. – Die Benennung ladinisch, die ich in der Bibliographie der Rom. Ztsch. acceptirt habe, habe ich, nach Meyers Widerspruch gegen Ascolis Francoprovenzalisch,[7] im Grdß. aufgegeben, weil ich in dem Abschnitt „Gliederung der Rom. Sprachen“ (ist im Druck; ich werde mir erlauben, Ihnen einen Correcturabzug zu schicken) nicht zu einer Bestimmung des Begriffs „Sprache“ gegenüber Mundarten gekommen bin; und Rätorom. weniger als Ladinisch einer definitiven Mundartgliederung präjudiciert, bei der wir uns werden begnügen müssen. Spurrells kimr. Wörterbuch[8] hat W. wahrscheinlich deshalb nicht angeführt, weil er (in Ersch u. Gruber)[9] davor warnen zu müssen glaubte. – Rhys‘ Lectures[10] kann nur unabsichtlich unerwähnt gelassen sein, oder vielmehr, W. gedenkt der grammatischen Hilfsmittel (neben den lexikalischen) überhaupt, nicht; denn ich fand W’s irische Gr.[11] auch nicht erwähnt. – Daß neben Cahors Quercy usw. fehlt, hängt wohl mit dem Streben nach Kürze zusammen. – Bei Lyon neben Autun, und der Eklärung des o aus dem Nasal nimmt W., wie es scheint an, daß ein *Lyün bestanden hatte, das zu Lyon geworden wäre, wie ū :ü und ő ergab (une : ununa = ur); aber es wird hierbei natürlich Unvergleichbares zur Erklärung herangezogen. Ebenso ist es bei rom. -et, -ette, und keltischem -net. – Die Stellen aus dem Vok. des Vulgl. zu Antissiodorum (so Longnon, Atlas)[12], gestatten Sie mir wohl in den Zusätzen nachzutragen.

ǀ3ǀ Das Albanische, das Sie im Grundriß berücksichtigt zu haben wünschen, wird, aber in ungenügender Weise, berührt in dem Artikel von Gaster, bei Besprechung der Elemente des Rumänischen.[13] Wer hätte die Aufgabe wohl übernehmen können? Würde es G. Meyer vielleicht noch thun? An Miklosich[14] hatte ich mich, glaube ich, seiner Zeit wegen des von Gaster ausgeführten Abschnitts gewandt, grade auch wegen des Albanischen, aber ich erhielt auch von ihm einen Korb. –

Die Recensionen wollte ich allerdings in der Rom. Ztschr. fallen lassen. Von mehreren Seiten bin ich jedoch aufgefordert worden, das Programm der Ztsch. aufrecht zu erhalten, u. sowohl Buchbesprechungen, wie die aus Bd. 9 schon gänzlich verschwundenen Berichte über die Zeitschriften wieder aufzunehmen. Wenns nur mit der Aufforderung gethan wäre. Neumann wird zu gut bedient,[15] als daß für die langsam erscheinende Zeitschrift viel übrig bleiben könnte. Aber ich wills nochmal versuchen.

Würden Sie nicht auch dadurch Ascoli veranlassen können, sich über Ihre Schrift von den Lautgesetzen zu äußern, daß Sie in der Ztsch. über Merlo’s und Ascolis Beiträge zu den Caix-Canello Miscellanea[16] sich äußerten? Ich möchte über den ganzen Inhalt des Bandes verschiedene Mitarbeiter der Ztsch. berichten lassen.

Pogatscher[17] will in der letzten Woche des Juli dem Colloquium sich unterziehen. Seine Arbeit, über die wir viel miteinander gesprochen haben ist zwar, wie er sagt, noch nicht abgeschlossen, bietet aber soviel Interessantes, daß sie für seinen nächsten Zweck mehr als ausreicht.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr ergebenster

GGröber.

[1] In Sesenheim (heute Sessenheim) verliebte sich Goethe in die Pfarrerstochter Friederike Brion. Auf einem bewaldeten Goethe-Hügel, den dieser selber als Friederikenruhe bezeichnete, stand damals wie heute ein kleiner Pavillon, in dem das Paar sich traf.

[2] Schuchardt, Romanisches und Keltisches. Gesammelte Aufsätze, Berlin 1886. Gröbers Rez. steht in ZrP 10, 1886, 597-599.

[3] Ernst Windisch, „Keltische Sprache“, Grundriss I, 1888, 283ff.

[4] In Grundriss I, 21904-06, 371f., ist darüber nichts vermerkt.

[5] Um wen es sich handelt, konnte nicht erschlossen werden, da Schuchardts Brief nicht erhalten ist.

[6] Carl Frhr. von Czoernig, Die alten Völker Oberitaliens: Italiker (Umbrer), Raeto-Etrusker, Raeto-Ladiner, Veneter, Kelto-Romanen; eine ethnologische Skizze, Wien 1885.

[7] Wilhem Meyer-Lübke, der im Grundriss gemeinsam mit Francesco D’Ovidio das Kap. „Die italienische Sprache“ verfasste.

[8] William Spurrell, A dictionary of the Welsh language with English synonymes and explanations Geiriadur Cymraeg a Saesonaeg, ynghyd a Grammadeg o iaith y Cymry. A grammar of the Welsh language, Camarthen 1853.

[9] Johann Samuel Ersch / Johann Gottfried Gruber, Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste II, 35, Leipzig 1884, 132f.

[10] John Rhys, Lectures on Welsh philology, London 1879.

[11] Ernst Windisch, Kurzgefasste irische Grammatik mit Lesestücken, Leipzig 1879.

[12] Auguste Lognon, Atlas historique de la France depuis César jusqu’à nos jours, Paris 1885-1889.

[13] Moses Gaster, „Die nichtlateinischen Elemente im Rumänischen“, Grundriss I, 1888, 406-410; Gustav Meyer, „Die lateinischen Elemente im Albanesischen“, ebd., 804-821.

[14] Vgl. Lfd.Nr. 044-04042.

[15] Der Heidelberger Romanist Fritz Neumann war Hrsg. des Literaturblatt[s] für germanische und romanische Philologie.

[16] Miscellanea di filologia e linguistica In memoria di Napoleone Caix e Ugo Angelo Canello, Florenz 1886. Eine Rez. Schuchardts ist nicht nachweisbar.

[17] Alois Pogatscher (1852-1939), österr. Anglist, promovierte am 2.8.1886 in Straßburg bei B. ten Brink mit der Arbeit Zur Lautlehre der griechischen, lateinischen und romanischen Lehnworte im Altenglischen, Sraßburg 1886. Der 2. Teil bildete zwei Jahre später die Grundlage der Grazer Habilitation. Vgl. seine Korrespondenz mit Schuchardt, Bibl.Nr. 08889-08915.