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Lieber Freund – diese Woche endlich werde ich den Rest meines Aufsatzes über die sprachwiss. Forschung[1] Ihnen senden können. Die erste Correctur war wegen der zahllosen Druckfehler noch nicht präsentabel; die zweite wird hoffentlich würdig genug sein, um gesehen werden zu können. Das Heft (17. Bogen) wird in 14 Tagen fertig sein. Inzwischen ist Frau Michaelis[2] erkrankt, und ich muß einen neuen Bearbeiter für die portug. Sprache u. portug. Litteratur suchen;[3] d‘Ovidio[4] hält uns hin mit seiner Augenkrankheit, Baist[5] bringt Morel-Fatio[6] an seine Stelle; ich hätte nicht für möglich gehalten, daß noch im letzten Moment Aendrungen eintreten würden u. das Prospect ein andres Gesicht bekäme.Die „besondre Methodenlehre“, die Paul in seiner, dem Rückzug ziemlich ähnelnden Entgegnung im Auge hat,[7] ist jene berühmte Einsicht in das Wesen und das Leben der Sprache, von denen die, die sich ihrer berühmen, am wenigsten zu wissen pflegen, woher sie kommt; aprioristische Ansichten, denen der Character des Dogmas aufgedrückt, statt daß sie als Leitfaden und ein durch die Erkenntnis a posteriori der Berichtigung unterliegender Wegweiser gilt. P[aul] spricht Ihnen offenbar diese Einsicht ab. Wie sein Versuch sich durch eine Characteristik Ihrer Denkweise Ihrer zu erwehren, so mißfällt mir diese verschleierte Grobheit, deren ich P. nicht fähig gehalten hätte. Bei wem soll sie seiner Sache nutzen? – Sie haben recht; ich habe Ihre píeta u. piéta mit vieni und vĕni vermischt. Bei letztrem und seinem Einfluß auf die sonstigen e (ie) denken Sie jedoch zunächst nur an das theoretisch mögliche, und schließen die Auffassung nicht aus, wonach der Accent ie aus ĕ, ohne Rücksicht auf den nachfolgenden Vocal, hervorbringen konnte; oder wenn i in der nachtonigen Silbe Ursache des ie, warum dann nicht ie in credi, *vĕrmi-s u. dgl., u. dieses nur südital. u.s.w.? Bestens grüßend Ihr GGr.



[1] Grundriss I, 1888,II. Abschnit. Die Behandlung der Quellen. A. Methodik und Aufgaben der sprachwissenschaftlichen Forschung“, 209f.

[2] Über ihren labilen Gesundheitszustand schreibt Carolina Michaëlis de Vasconcellos z.B. am 21.7.1886 (Lfd. Nr. 22-7324) an Schuchardt: „Es ist mir seit Jahren, besonders aber seit Dec. 85, recht schlecht gegangen. Schlaflosigkeit u. eine hochgradig peinigende Nervosität haben mich zu einem so bedenklichen Schwachzustand gebracht, daß ich alle u. jede Arbeit ruhen lassen mußte – um ein bewegungsloses, stilles Pflanzenleben zu führen. – Seit Wochen reise ich hier von Bad zu Bad – und gedenke demnächst (im Herbst) bei meiner Familie in Berlin für einige Zeit zu rasten“.

[3] An ihre Stelle trat Jules Cornu; Grundriss I, 1888, 715-803.

[4] Francesco d’Ovidio, Romanist, Prof. in Neapel. Das Kap. „Die italienische Sprache“ wurde von D’Ovidio und Wilhem Meyer-Lübke gemeinsam verfasst: Grundriss I, 1888, 489-560.

[5] Gottfried Baist, Romanist in Freiburg i. Br. Vgl. Baists Briefe an Schuchardt.

[6] Alfred Morel-Fatio, Romanist, Hispanist, u.a. Sekretär an der École nationale des chartes in Paris. Vgl. die Korrespondenz zwischen Morel-Fatio und Schuchardt.

[7] Paul fügt in die 2. Aufl. (1886) der Principien der Sprachgschichte ein grundlegendes Kap. „Entstehung der wortbildung und flexion“ (zur Wortbildungslehre) ein.