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Brief (045-04043)

 

Ruprechtsau-Straßburg i/E. 19.1.84.

 

Lieber College.

Ich habe bis jetzt unterlassen Ihnen für Ihr liebenswürdiges Eingehn auf meinen Aufsatz im Wölfflinschen Archiv[1] zu danken, – aus purem Zeitmangel, wenn der Familie gewidmete Weihnachtsferien, wo bei mir die Feder zu ruhen pflegt, als solcher und als eine Abhaltung von Pflichterfüllungen entschuldbaren Characters betrachtet werden dürfen.

Ich durfte jedoch ein paar Zeilen der Erwiderung auf Ihr Schreiben auch verschieben, weil ich Ihnen fast überall zuzustimmen habe, und die simple Bejahung Ihrer Bemerkungen Aussicht hatte, bei einem andern Anlasse ausgesprochen zu werden, der sich allerdings zufällig bis heute nicht dargeboten hat.

Der Aufsatz über Sprach- und Wortquellen,[2] war ein, in Kürze zu erledigender Auftrag. Daher fehlt ihm das, was Sie die Beleuchtung nennen. Er ist im Ganzen lichtlos, weil er das Bedürfniß die Frage zu beantworten viel zu wenig betont, nicht an einer bestimmten Stelle der Einsicht classischer Philologie entschieden einsetzt, nicht entschieden genug bestimmte Auffassungen zur Geltung bringt. So mag es bei der Betrachtung des Schriftlateins speciell der Fall gewesen sein, das Sie noch mehr als ich, als Kunsterzeugniss fassen: von Ihrem Standpunkte würde, wie mir scheint, eine präcisere Antwort auf die Frage nach dem Aufhören des Schriftlateins sich haben geben lassen. Die Anordnung der Sprachen S. 42 (germ. kelt. iber. arab.) ist natürlich ein schlechter Parallelismus; ich beabsichtigte, wie Sie verlangen, die chronologische Aufführung: arabisch sollte vor germanisch stehn: die Verdrehung ist bei der Correctur erst herausgekommen. – Was den chronologischen Einfluss der Barbarensprachen auf ǀ2ǀ das Vulgärlatein angeht, so denke ich mich darüber bei andrer Gelegenheit einmal zu äußern. Der Ausdruck Lautsubstitution will nur eine Andeutung sein, in welcher Richtung ein phonolog. Einfluß von Seiten der Barbarensprachen auf das Latein ausgeübt wurde, oder genauer, in welcher Richtung er beweisbar erscheint. Ich scheide, wie ich glaube, strenger, als üblich ist, zwischen mechanischen Lautveränderungen, und nicht-mechanischen, d.h. nach meiner Auffassung, auf Lautunterschiebung beruhendem Lautwechsel, der Laute an Stelle von Grundlauten setzt, zu denen von diesen aus keine Brücke führt, die nicht wirkliche (dem Articulationsmechanismus nach) Lautverwandte des Grundlautes sind, die nicht auf dessen möglicher (lautmechanischer) Entwicklungsbahn liegen u.s.w. So scheint mir eine mechanische Entwicklung von n zu r unbeweisbar, obwohl angeblich nichts leichter ist, als die Vertauschung der Dauerlaute unter einander (z. B. diacrediaconus u. dgl.); und in gewissen Sprachen ist selbst der Uebergang gleichartig articulirter Laute nicht einmal immer nothwendig ein mechanischer Vorgang (z. B. l zu r: fz. epistle zu epître). Mechanische Lautveränderung hat immer den Character der Allgemeinheit; – aber nicht alle durchgreifenden Lautänderungen sind mechanisch erfolgt; nicht-mechanische (Lautsubstitution) tritt z. Th. sporadisch auf – z. Th. durchgreifend. In beiden Fällen steht (abgesehn von Dissimilation u. dgl.) ein, den zu recipirenden fremden Wörtern, ungeübtes, in seinen Idiomatismus gebanntes Sprechorgan und Ohr gegenüber, das den fremden Lauten nur unvollkommen gerecht zu werden vermag und die relativ ähnlichsten (in der gegebenen recipirenden Sprache) Laute den nachzubildenden Lauten unterschiebt; im erstern Falle handelt es sich gewöhnlich um Fremdwörter, im letztren um Lautdefekte einer, ein fremdes Idiom zu bewältigen suchenden Sprache. Diesen letztren Fall nenne ich speciell „Lautsubstitution durch Idiomatismus“. Ein nahe liegendes Beispiel dafür ist die Unterschiebung des tön. s bei fzös. anl. s, wie man sie bei Norddeutschen wahrnimmt; ein andres, die Articulation der Media fremder Sprachen im Munde der Mitteldeutschen u.s.w. Der Lautwechsel in diesem Falle fußt auf einem Defekt des Lautsystems der recipirenden Sprache (die Sache ist Ihnen ja, nicht erst seit den kreolischen Studien geläufig). – Solche Defekte des Lautsystems und dadurch bewirkte (allg.) idiomatische Lautsubstitution, glaube ich nun viel häufiger auf romanischem Sprachgebiet zu- ǀ3ǀ erkennen, als Andere (Ascolis Lett. glott.[3] kenne ich übrigens bis jetzt erst aus Anzeigen); ja ich glaube sogar, daß sie aufs Innigste zusammenhängt mit der mundartlichen Spaltung auf rom. Gebiete, daß ein verhältnißmäßig gleichartiges (wesentlich nur chronologisch verschiedenes) Vulgärlatein durch den Idiomatismus der Veneter, Gallier Norditaliener, Ligurer etc. zur verschiedenartigen Entwicklung gebracht ist und so die venetische, galloital. Ligurische Mundart etc. zustande gekommen ist, die mehr oder weniger streng sich halten innerhalb der Grenzen, die jene das Latein annehmenden fremden Völker einschlossen. (Ich möchte bez. dieses Punktes auf Nissens Landeskunde Italiens[4] hinweisen, die im letzten Abschnitt diesen Gegenstand berührt, und meinen privatim ihm gemachten Angaben hierüber von der histor. Seite aus Stützen zu gewinnen sucht.* [* am unteren Rand der Seite: Ich bemerke eben in Ihrem Briefe den Satz: „die starke Differenzierung des Lateins gerade in Italien selbst scheint mir mit der bunten ethnographischen dieses Landes in römischer Zeit zusammenzuhängen“. Also lautliche Differenzierung generell der lautlichen Verschiedenheit der Völker in Italien.] Aller Lautwechsel (durchgreifender Art) ist mir des Idiomatismus verdächtig, der sich nicht in eine mechanische Eintwicklungsreihe eintragen läßt, besonders dann, wenn er bestimmt localisirt ist [ist] in den romanischen Sprachen öfters mechanischer Lautwandel; aber natürlich nur dann, wenn mir die recipirende Sprache und ihr Lautsystem bekannt ist und gleichartige Lautverhältnisse darin entgegen treten. Oder auch, wo die Lautlehre Sprünge in der Lautentwicklung statuiren muß, fand idiomatische Einwirkung statt u.s.w. Einzelne Fälle, die mir gegenwärtig sind, hier vorführen und begründen, würde Ihnen Bekanntes sagen heißen; nur dies hier, zur Deutung des von mir gebrauchten Ausdruckes, zu sagen, wollte ich nicht unterlassen. – Den idiomatischen Einfluß, den die Barbarensprachen auf die rom. Sprachen ausübten, halte ich nun nicht für ein Element, das die rom. Sprachen als Mischsprachen aufzufassen gestattet; denn die lautliche Seite ist nur ein secundäres Moment in der Sprache, da der Laut auch in der Berührung mit fremden Idiomen nicht ausgesetzten Sprachen, kein Constantes ist. Constant geblieben aber sind in den rom. Sprachen die Flexionsmittel, die Mittel der Wortbildung, der sprachliche Habitus. Daß analytische Casus- u. Passivbildung an Stelle der lat. flexivischen Decl. u. Passivformen im Rom. getreten ist, mag, wie Sie andeuten, ǀ4ǀ mit der Vielheit der Idiome, die mit dem Lat. in Berührung traten, zusammenhängen; diese Frage aber hat die lat. Grammatik zu entscheiden, denn die Analyse tritt uns nicht nur in der röm. Volkssprache, sondern auch im Schriftlatein entgegen; sie vollzog sich daher schon auf italischem Boden in römischer Zeit und kann nicht von den Barbarensprachen in den rom. Sprachen nicht veranlaßt worden sein; ein morphologischer Idiomatismus ist mir darum etwas zweifelhaft in den rom. Sprachen; jedenfalls scheint er mir weniger beweisbar, als der lautliche, und das lateinische selbst schon genügt die so auffaßbaren Erscheinungen der rom. Sprachen zu deuten. – Aber ich breche hier ab; das Dargelegte ist nicht vollständig, nicht zusammenhängend, nicht stringent und soll nur als eine gesprächsartige Mittheilung gelten.

Mit caricta, S. 60, wollte ich nur darauf hinweisen, daß Virgilius Kenntniß der volksmäßigen Aussprache des Wortes (caręcta) verräth;[5] ich legte ihm die Auffassung unter, carecta bei Virgil sei mit gesprochen worden. Das ist vielleicht auch richtig; denn ich kann mir nicht denken, daß i in caricta je i gesprochen worden sei und Virgilius einen andern Gegensatz als den zwischen ę und hier habe andeuten wollen. Aber ich habe mich jedenfalls mißverständlich ausgedrückt und den Schein erweckt, als unterschiede ich nicht zwischen tẹ̄ctum und lĕ̮ctum.

Nehmen Sie diese, in Eile und unter Unruhe in meinem Hause geschriebenen Zeilen als ein Zeichen meines Dankes für Ihr freundliches Eingehen auf meinen Aufsatz mit Nachsicht auf. Der Artikel über „Vulgärlat. Substrate aus rom. Wörtern“[6] wird im 2. Hefte des Archives erscheinen; möge er sich Ihrer Billigung ebenfalls zu erfreuen haben.

Ein Paket Dissertationen sandte ich Ihnen vor c. 14 Tagen; meist Bruchstücke von Dissertationen, die vollständig bei „KuK fzös. Studien“[7] erschienen sind. In der Dissertation von Franz[8] hätte öfter auf den „Vokalismus des Vlglateins“[9] verwiesen werden sollen; ich bin erst später, nach Prüfung der Arbeit, auf die betr. Stellen aufmerksam geworden. Mit herzlichen Grüßen

Ihr ergebenster

GGröber

[1] Vgl. Lfd.Nr. 044-04042.

[2] Gröber, „Sprachquellen und Wortquellen des lateinischen Wörterbuchs“, Arch. f. lat. Lex. 1884, I, 35-67.

[3] „Lettere glottologiche di G. I. Ascoli. Prima lettera“, Rivista di filologia e d'istruzione classica 10,1, Turin, 1882

(https://archive.org/stream/rivistadifilolo04unkngoog#page/n15/mode/2up).

[4] Heinrich Nissen, Italische Landeskunde, Bd. 1: Land und Leute, Berlin 1883.

[5] Vgl. Gröber, „Sprachquellen“, 60: „die Anführung von circulus (it. circolo, frz. cercle etc.), das das alte circus verdrängt habe; oder die als jünger wie (Vergilisches) carecta bezeichnete Form caricta, deren Fortleben im Italien. carẹtta […] ihre Zugehörigkeit zur Volkssprache beweist“.

[6] Gröber, Archiv für lateinische Lexikographie 2, 1885, 276-288, 3, 1886, 188f., 264f., 507-531.

[7] Körting / Koschwitz (Hrsg.), Französische Studien.

[8] Wilhelm Franz, Die lateinisch-romanischen Elemente im Althochdeutschen, Strassburg 1874 (Phil. Diss.).

[9] Schuchardt, 3 Bde., Leipzig 1866-1868.