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Brief (083-04082)

Ruprechtsau-Straßburg i/E, d. 23.4.93.

 

Lieber Freund.

Ich habe mich bemüht, als ich Ihren Brief, dem nun die Karte aus Graz gefolgt ist, beantwortete, in Ihren Zuschriften aus der Zeit der Veröffentlichung der Vulg.-lat. Substrate eine Äußerung über die Vocalbezeichnung in den Substraten zu finden, jedoch umsonst. Dadurch ist meine Antwort verzögert worden.

Es erscheint mir nun als das Nächstliegende, daß ich Ihnen mittheile, in welcher Weise ich mich in Wölfflins Archiv über Ihre Bemerkung zu den Substr. zu äußern gedenke. Zuvor nur einige Worte über Punkte Ihres letzten Briefs; möglichst kurz, da Ihre wie meine Zeit zu kostbar ist, um eine Sache bis zum Tüpfelchen auf dem i zu Ende zu führen, wozu unendlicher Austausch nöthig erscheint, das corpus delicti in der Hand.

Es kommt Ihnen wie eine Indiscretion vor, was ich über den Mangel an Zeichen in der Druckerei für die Vocale Ihnen mittheile. Ich habe dieses Mangels nur gedacht, um klar zu machen, warum von dem Gebrauch der verbundenen Zeichen [es folgen Zeichen für Länge und Öffnung bzw. Kürze und Öffnung (FRH)] u. dgl. in den Substraten hätte abgesehen werden müssen, wenn ich sie im Ms. gebraucht hätte. Ich bin hiermit nur einem möglichen Einwand begegnet, habe aber weder für mich noch für den Setzer eine Entschuldigung aussprechen wollen: ich wollte ja, abgesehen vom Quantitätswechsel, die Quantität gar nicht bezeichnen.

Ich kann Ihnen zugeben, daß die Wahl von ˘ und ¯ im qualitativen Sinn „gefährlich“ sein kann; unsre Empfindung gibt Ihnen ja Recht. Ich kann aber nicht zugeben, daß meine Aeußerungen in der Einleitung zu den Substraten mir nicht das Recht ǀ2ǀ gäben die Quantitätszeichen als Qualitätszeichen zu verwenden, wie ich gethan, und des Glaubens zu sein, der interessierte Leser werde, wo ihm Zweifel an der Berechtigung der Zeichen kämen, sich Aufschluß in der Einleitung holen, wo solche Dinge besprochen zu werden pflegen. Aber weil diese letzte Annahme irrig sein kann, werde ich um eine ausdrückliche, nachträgliche Erklärung in Wölfflins Archiv nun nicht herumkommen.

Uebrigens beruhigt es mich durchaus, daß Sie sich im Briefe dahin aussprechen, daß Sie sich nur auf die „Darstellungsweise“ der Vocale in den Substraten in Ihrer Bemerkung bezogen haben, während dieselbe „meiner Erkenntnis der Lautentwicklung nicht zu nahe treten sollte“. Ich besorgte namentlich ein Misverständnis Ihrer Leser nach dieser Seite und habe dem auch Ausdruck in den nachfolgenden Zeilen (auf der 3./4. Seite) gegeben.

Ich hoffe, daß Sie denselben werden zustimmen können, und daß Sie erkennen, daß ich weit entfernt bin Ihnen ein sacrificium intellectus zuzumuthen. Ich glaube ganz mit Ihnen, daß es sich um die Frage der Darstellung der Vocalqualitäten bei mir, in unserer Discussion, handelt. Ginge dies eindeutig auch aus Ihrer Bemerkung im Litbl. hervor, so würde es meiner Aeußrung zu Ihrer Bemerkung nicht bedürfen, aber da ich meinerseits beim Leser hier ein Misverständnis, vielleicht nur subjectiv dazu veranlaßt, befürchte, so werden Sie nichts dagegen haben, wenn ich den Sinn Ihrer Bemerkung in dieser Weise zu präcisieren und mich gegen weiter gehende Folgen zu verwahren suche, die Andre daraus ziehen könnten.

Mit herzlichem Gruß

Ihr GGröber.

 

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ǀ3ǀ 

Im[1] Litteraturblatt für Germ. u. Rom. Phil. 1893 Sp. 103 äußerte Schuchardt, daß ich in den hier veröffentlichten Vulgärlat. Substraten (wie Körting im Latein. rom. Wörterbuch) „auf dem allzu breiten Wege – (der Nichtbestimmung der Quantität der vulgärlat. Vocale, für die die rom. Vocalqualität zu Hilfe zu ziehen sei, oder in der Aenderung der überlieferten Quantität der lat. Vocale aus Rücksicht auf die roman. Vocalqualität), – nach Foerster und Marx fortgewandelt“ und so mit Veranlassung gewesen sei, daß nach allen Seiten hin unsichere, unwahrscheinliche, unmögliche Quantitäten ausgeflogen seien, die auch bei Nichtromanisten sich einzunisten und zu mehren begännen.

Wenn dies der Fall sein sollte, so würde meine Schuld zwar nicht in einem Vorkommen der Bezeichnungen der romanischen Vocale zur latein. Vocalquantität, sondern sich in der Anwendung der Zeichen ˘ und  ¯ bestehen können, die ich gebrauchte, um die aus den romanischen Vocalen erschließbare Qualität der lat. Vocale (Offenheit und Geschlossenheit ihres Klanges) zu bezeichnen, wozu ich mich nach meinen Erklärungen in Arch. I 218 über roman. Qualität und lat. Quantität (s. auch das. I 222) für berechtigt halten durfte. Die Zeichen ˘ und  ¯ (z.B.ĕ ē) für die im Romanischen, nicht aber im Lateinischen üblichen Qualitätszeichen , und · (z.B. ę ẹ) zu gebrauchen, empfahl sich aus Gründen der Einfachheit. Es wäre sonst nicht nur z. b. zu schreiben gewesen brttus (statt brūttus) = brūtus; bọcca (st. bucca) = būca; bọcịna (st. bucīna) u. dgl., sondern es hätten auch alle Wörter mit freiem i und u, jene mit , diese mit (z.b. bẹbere = bibere, gọla = gǔla) aufgeführt werden müssen, was ǀ4ǀ nach Arch. I 232 unter IV dem Leser und Verfasser erspart bleiben konnte und sollte. Ich kann mithin den Benutzer der Lat. Substrate nur bitten in dem von mir angezeigten Sinne die Zeichen der Vocallänge und -kürze aufzufassen.

Bezieht sich Sch.s Ausstellung außer auf die Zeichenwahl auch darauf, daß an den Substraten die lat. Quantität nach der roman. Qualität hätte bestimmt werden sollen, so muß ich darauf hinweisen, daß ich darüber hinaus, daß von der Hochbetonung und Qualität der romanische Diphthong (z.b. frz. oi in croire aus credere, boire aus bibere), frz. eu in fleur aus florem, gueule aus gula) bedingt, also ein Rückschluß vom Romanischen Diphthonge auf lat. Vocallänge nicht berechtigt sei, nicht zu wissen bekannte (Arch. I 222), und somit systematisch die Quanitätsbezeichnung der vulgärlat. Vocale nicht vornehmen konnte. Die Fälle, wo ich, nach der Auffassung Andrer, durch Doppelzeichen (Qualität durch die rom. Zeichen , oder  · , Quantität durch die lateinischen Zeichen ˘ und ¯ , z.B. pręndere angedeutet) eine Klang- und Dauerbezeichnung vornehme, betreffen vermutete Quantitätswechsel. Mit der lat. Quantität willkürlich umzuspringen mußte mir um so ferner liegen, als ich in Arch I 222 auf die Bestimmtheit der Messung der Vocale vor einfachem Consonanten in der lat. Dichtersprache hinweise, die, wo Zeugnisse und berechtigte Schlüsse mangelten, von der überlieferten lat. Quantität abzugehen nicht gestatte.



[1] Der folgende Text ist, vor allem zu Beginn, weitgehend deckungsgleich mit Gröbers Richtigstellung „Zu den vulgärlateinischen Substraten“, Archiv für lat. Lexikographie 8, 1893, 451-452.