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Postkarte (074-04073)

[Poststempel: STRASSBURG (ELS.) 15-4-90]

 

Lieber Freund. Die Osterwoche hat mir allerlei Zerstreuung gebracht, so daß ich zum Schreiben nicht kommen konnte. Gegen Ihre Erledigung meiner Bedenken in Bezug auf malvais = malifatius wüßte ich nichts einzuwenden;[1] die Möglichkeit einer Bedeutungsentwicklung von „unselig“ im christlichen Sinne zu „schlecht“ kann ich nicht in Abrede zu [sic] stellen, und wenn noch weiter ein Zweifel an der Richtigkeit Ihrer Ableitung von malvais aus der angenommenen Grundlage bei mir besteht, so kann ich ihn nicht substantialisiren und habe ihn lediglich auf eine Äusserung zurückzuführen, die, wie alles Neue, einem nicht sogleich eingehen will.

Der Satz in Wölfflins Arch. I S. 42, wonach auch Sie und Ascoli in der Annahme von Einwirkungen der Nationalsprachen der röm. Provinzen auf das vulgäre Latein und auf dessen Lautentwicklung mir nicht weit genug zu gehen scheinen, steht mit einer von mir noch immer gehegten Vorstellung in Zusammenhang, wonach ich die autochthonen Sprachen der röm. Provinzen an der roman. Dialektbildung betheiligt glaube, u. wofür ich zur Zeit eine beträchtliche Anzahl roman. Lautentwicklungen [?] für Latein. Grundlagen im Sinn hätte, die mir lautphysiologisch nicht erklärbar zu sein scheinen. Im „Grundriß der Rom. Phil.“ habe ich den Punkt S. 248 berührt. In Bezug auf manche jener Lautentwicklungen bin ich alllerdings in den letzten 6 Jahren (nach Veröffentlichung des Artikels bei Wölfflin) zweifelhaft geworden. Heute geht mir Ascolis Bericht wieder zu weit in jenem Gedanken, da wo er keltische Lauteinwirkungen nachweist, – aber man muß ihm zu folgen suchen. Er entwickelt einen unheimlichen Spürsinn. Mit herzlichen Grüßen

Ihr ergebenster

GGröber.



[1] Schuchardt, „Franz. mauvais; altfranz. mauvé“, ZrP XIV, 1890, 181-183.