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Brief (042-04040)

 

Ruprechtsau – Straßburg, 29. Juni 1883

 

Verehrtester Herr College

Herr K. Trübner[1], der die Absicht hat, nach umstehendem Plane[2] eine Encyclopädie der Romanischen Philologie[3] von den Hauptvertretern ausführen zu lassen, um dem Studirenden des Faches, daneben aber auch allen für Romanische Philologie sich Interessirenden einen Ueberblick über das Wissenschaftsgebiet, über den Inhalt der einzelnen Disciplinen, über die in ihnen erlangten Haupterkenntnisse, sowie über Ziele und Methode der philologischen Forschung im Gebiete der roman. Sprach- u. Litteraturkunde zu gewähren, hat mich beauftragt, diesem Werke und für jedes seiner Theile competente Mitarbeiter zu gewinnen. Ich erlaube mir deshalb Sie um Ihre Mithilfe bei diesem Werke, das von förderlichstem Einflusse auf unsere Studien sein kann, zu bitten und zu ersuchen, von dem beigefügten Entwurf[4] Kentniß zu nehmen und nach Ihrer Wahl diejenigen Kapitel zu bezeichnen, die Sie mit Vorliebe bearbeiten würden. Insbesondre möchte ich Sie bitten sich des Capitels: A des 1. Abschnitts des „realen Theiles“: Sprachen der Autochthonen der Rom. Länder[5] und des Anhangs zu diesem Abschnitte: Creolisch anzunehmen, da ich dafür wohl Niemand außer Ihnen zu gewinnen im Stande sein dürfte; aber ich würde mich sehr freuen, wenn Sie sich entschließen wollten dem Buche darüber hinaus Ihre Theilnahme zu beweisen: die Wahl ist völlig frei, da noch an Niemand Anfragen ergangen sind.

Der Umfang des Artikels „Sprachen der Autochthonen“ ist auf 1½, d. Creolisch“ auf 1 Bogen gegenwärtigen Formats veranschlagt. Diese Ziffern haben keine absolute Bedeutung, ǀ2ǀ es kann je nach Umständen etwas mehr Raum zur Verfügung gestellt, oder der Gegenstand auch kürzer behandelt werden. Zum Gesetz sollen sich die Mitarbeiter jedoch größtmöglichste Knappheit und Beschränkung auf die Hauptsachen machen; bei beiden von Ihnen erbetenen Artikeln würde es sich um Quellen unsrer Kenntniß der betr. Sprachen, um ihre Stellung unter den Sprachen, um eine Charakteristik nach Laut, Form, etc., um ihre geschichtliche Bedeutung und ihre Beziehungen zu anderen Sprachen (Keltisch u. Romanisch zB.) handeln. Diese Andeutungen dürften die Absicht des Buches, in jedem Kapitel den Inbegriff eines Forschungsgebietes zu gewähren, schon hinreichend erkennen lassen; zu weitrer Auskunft bin ich natürlich jederzeit bereit; eine Mittheilung über die Anordnung der Artikel im Einzelnen (zB. bezüglich Anführung der Litteratur), die, soweit es angeht, gleichartig bei gleichartigem Gegenstand bearbeitet werden sollen, würde Ihnen später zugehen.

Herr Trübner bietet den Mitarbeitern an Honorar 75 Mk pro Bogen bei der ersten, 50 Mk bei den folgenden Auflagen an. Der Druck soll spätestens Anfang 1884 beginnen. Bis dahin, oder wenig später, in Besitz des Manuscripts der beiden Abschnitte, für die wenigstens auf Ihre Hilfe bestimmt gerechnet wird, zu gelangen, dürfte ich wohl hoffen.

Einer freundl. baldigen Antwort entgegensehend

Ihr ergebenster

GGröber.

  P.S. Bei Mussafia will ich anfragen wegen der Ital. Sprache, bei Gartner wegen der Ladinischen, bei Jarník wegen des Rumänischen, bei Cornu wegen des Portugiesischen. Ehe die Briefe geschrieben sind, hoffe ich ein paar Zeilen von Ihnen zu haben.[6]

[1] Karl Ignaz Trübner (1846-1907), Buchhändler, Verleger, Sammler, Gründer des Verlags Karl I. (J.) Trübner in Straßburg, der wesentlich von der dortigen Universität abhing und von 1872-1918 bestand.

[2] Vgl. Lfd.Nr. 043-04041.

[3] Der spätere Grundriss der romanischen Philologie erschien in vier Teilen als I. Band (Gröber [Hrsg.] 1888, 21904-1906), II. Band, 1. Abteilung (Gröber [Hrsg.] 1902), II. Band, 2. Abteilung (Gröber [Hrsg.] 1897), II. Band, 3. Abteilung (Gröber [Hrsg.] 1901). [Vgl. https://de.wikisource.org/wiki/Grundriss_der_romanischen_Philologie, vgl. darin das „Vorwort“.

[4] S. den Anhang zu Brief Lfd.Nr. 043-04041. Im Druck ist nicht von „den Sprachen der Autochthonen“, sondern von „Die vorromanischen Volkssprachen der romanischen Länder“ die Rede.

[5] Schuchardt hat weder ein allgemeines Kapitel zu den Sprachen der Autochthonen noch das Kapitel Kreolisch geliefert, wie sich im weiteren Verlauf der Korrespondenz ergibt, vgl. z.B. Lfd.Nr. 04064.

[6] Italienisch wurde von Francesco D’Ovidio und Wilhelm Meyer(-Lübke), Ladinisch (=Die rätoromanischen Mundarten) von Theodor Gartner, Rumänisch (=Die rumänische Sprache) von Hariton Tiktin, Portugiesisch von Julius Cornu verfaßt.