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Brief (035-04034)

 

Breslau, 30. März 1880

 

Verehrtester Herr College,

ich bedauere lebhaft auf meinem Wunsche nach Abänderung oder Unterdrückung der auf Bartschs Polemik gegen A[rbois] d[e] J[oubainville][1] bezüglichen Aeußerung in Ihrer Recension von Windischs Gr[2] bestehen zu müssen, da diese Aeußerung zugleich einen Tadel, der mich trifft, involvirt, und ich, was doch unmöglich angeht, öffentlich u. ausdrücklich würde erklären müssen, daß ich Bartschs Verhalten billige, wenn ich Ihre Rüge zum Abdruck bringen würde. Daß ich es thatsächlich billige, habe ich Ihnen schon erklärt, wenn ich den Ton auch etwas weniger grob gewünscht hätte; ich kann es aber doch nicht unparlamentarisch finden, wenn Jemand vom Andern behauptet, er verstünde von einer Sache nichts, wofern nur, wie im gegebenen Falle geschehen, der Beweis angetreten wird! Bezüglich des parlamentarischen Characters einer solchen Aeußerung berufe ich mich auf unsere Parlamentsverhandlungen. Daß Bartsch[3] in einen auch ihm durchaus nicht geläufigen groben Ton im vorliegenden Falle verfiel, findet seine völlige ausreichende Begründung in den Provocationen, die die Romania durch Paris‘ wie Meyers Mund wiederholt gegen Bartsch sich gestattet hat, – (und sie bleiben nicht auf ihn beschränkt: Meyers Abhdlg. über Ramon Ferraud[4] ist ein neues Pröbchen seiner Geschäftigkeit gegen deutsche Fachgenossen, die wir nicht ruhig mit ansehen können). Auch besagt der Ausdruck, den Paris von Bartsch gebraucht, das s’aventurer, doch etwas mehr, als das blose „wagen“, und der Tenor von Paris‘ Note gegen Bartsch ist für Jedermann doch nur der, d[a]ß Bartsch, der vom Keltischen nichts verstünde, es doch bleiben lassen solle, über Beziehungen zwischen Keltischer und rom. Metrik sich zu aeußern. Daß die, dieses Urtheil enthaltenden Worte, weniger deutlich das Nichtverstehen der Sache, um die es sich handelt, zum Ausdruck bringen, gebe ich zu, indessen der Sinn ist kein andrer, und auf den Sinn kommt es an.

Am meisten hat mich gewundert zu sehn, daß Sie Paris‘ Gereiztheit gegen Bartsch wegen seiner Betheiligung an den Uebersetzungen des Kutschkeliedes[5] gerechtfertigt, und es in der ǀ2ǀ Ordnung finden, wenn Paris dieser Gereiztheit bei einem mit diesen Uebersetzungen absolut in keinem Zusammenhange stehenden Sache Ausdruck giebt. Kennen Sie das Schlütersche Buch[6] (oder ähnliche Publicationen) über die französ. Revanche-Poesie? Was der Franzose in mehr als Taktlosigkeit, die Sie Bartsch nunmehr vorwerfen mögen, gegen Deutsche und deutsches Wesen zu leisten vermag, und wozu sich Männer in Frankreich, die der Ehre der Mitgliedschaft der Academie würdig gefunden werden, in poetischen Geschmacklosigkeiten und in weit mehr als dem, – mir liegt nichts daran, es hier nach meinem Gefühl zu qualificiren – zu bekennen im Stande sind, läßt sich aus jenem Buche in hinreichender Deutlichkeit sehen, und gegen diese Dinge ist Bartschs geschäftige Theilnahme an dem geschmacklosen Eberhardschen[7] Buche das Werk eines unschuldigen Einfalls. Ich kann Sie überdies versichern, daß Paris diese Dinge längst vergessen hat und sich noch in gutem Einvernehmen mit B. wähnte. Ich darf aber auch hinzufügen, daß wissenschaftliche Discussionen des persönlichen Elements durchaus entrathen sollten, und daß, wenn P., wie Sie meinen, durch B.s Theilnahme an dem Kutschkeliedbuch, bewogen, sich veranlaßt sah, seinem Unwillen gegen B[artsch] aufs Neue zum Ausdruck zu verhelfen, er mit Recht von Bartsch sich eine Zurechtweisung hat gefallen lassen müssen.

Ich will natürlich mit alledem Ihren Empfindungen in keiner Weise zu nahe treten; aber ich möchte Sie bitten A[rbois] d[e] J[o]ubainville lieber in einem an ihn gerichteten Briefe zu vergewissern, daß Sie B.s Aeußerung misbilligen; ich würde, falls ich Gelegenheit hätte, A[rbois] d[e] J[oubainville] zu schreiben, gern gleichfalls bekennen, daß ich bedauere daß sein Artikel mit einer Provocation von G. Paris, der B.s Aeußerung dann zur Folge hatte, erschienen sei, und daß ich überzeugt wäre, daß Bartsch ohne jede Provocation sich nicht zu einem harten Urtheil über das Ganze des Aufsatzes, wie er es gefällt, bewogen gesehn haben würde. In der Zeitschr. indessen diese Dinge des Breiteren auseinanderzusetzen scheint mir nicht angemessen.

Ich erneuere deshalb meine frühere Bitte und hoffe auf Ihr Entgegenkommen. Die kleinen Zusätze, die Sie noch für den Druck der Recension haben, können Sie vielleicht ohne dem Setzer die Arbeit allzu schwer zu machen, noch bei der Correctur nachtragen. ǀ3ǀ Daß Sie auch der Aeußrung über Foersters Aufsatz im Rhein. Mus.[8] eine andre Wendung geben wollen hat meinen vollen Beifall.

Den Heimweg aus Italien nach Breslau habe ich über München genommen, weil ich in Halle die Redactionsgeschäfte übernehmen mußte, und meine Zeit mir nicht mehr erlaubte, – wie ich beabsichtigt hatte, durch Oesterreich nach Hause zu fahren.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr ergebenster

GGröber.

[1] Karl Bartsch, „Keltische und romanische Metrik“, ZrP 3, 1879, 359-384; vgl. dazu die weiteren Einzelheiten in: Karl Bartsch – Gaston Paris, Correspondance, entièrement revue et complétée par Ursula Bähler à partir de l’édition de Mario Roques, Florenz 2015 (L’Europe des Philologues; Correspondances, 2), 108: „Bartsch essayera, contre le spécialiste celtisant, de rattacher certains vers français, tels ceux de neuf et de onze syllabes, aux principes métriques irlandais. […] Tant d’Arbois de Jubainville que G. Paris y réagiront assez violemment dans ,Romania‘ 9 (1880), pp. 177-91“.

[2] Schuchardt. „Rez. von: Ernst Windisch: Kurzgefasste Irische Grammatik mit Lesestücken“, ZrP 4, 1880, 124-155. Es geht um Fn. 1 auf S. 127. Offenbar hat Schuchardt einen Satz gestrichen (vgl. den folgenden Brief , doch zu Beginn des Artikels (S. 124, Fn. 1) schreibt er: „Den ungeschmälerten Abdruck dieser Besprechung danke ich einer besonderen Gefälligkeit des Herrn Herausgebers“.

[3] Karl Bartsch (1832-1888), Romanist u. Germanist in Heidelberg.

[4] La vida de sant Honorat de Raymond Féraux; publiée pour la première fois en son entier, avec de nombreuses notes explicatives, par A. L. Sardou, Nizza 1874; vgl. dazu Paul Meyer, Romania 8, 1879, 481-508. Der Artikel enthält eine Kritik an Siegfried Hosch, Untersuchungen über die Quellen und das Verhältniss der provençalischen und der lateinischen Lebensbeschreibung des Hl. Honoratus, Berlin 1877.

[5] S. die übernächste Anm.

[6] Joseph Schlüter, Die französische Kriegs- und Revanchedichtung. Eine zeitgeschichtliche Studie, Heilbronn 1878.

[7] Franz Wilhelm Ehrenthal, Das Kutschkelied auf der Seelenwanderung: Forschungen über die Quellen des Kutschkeliedes im grauen Altertume nebst alten Texten und Übersetzungen in neuere Sprachen, Leipzig 1871. Zu Ehrenthal und den Einzelheiten seiner hochgelehrten mehrsprachigen Parodie vgl. Karl Bartsch – Gaston Paris, Correspondance, 2015, xxx-xxxix. Paul Meyer, der die Sache ernst nahm, empörte sich in der Revue critique 6, premier semestre, 1872, 286-287: „Le traducteur provençal [=Bartsch] est un des romanistes allemands les plus connus, que nous avons été péniblement surpris de figurer dans cet écrit. Nous regrettons pour lui qu’il ait manqué une aussi belle occasion de garder un silence prudent; car sa piece est pleine de fautes“ (xxxiii). Der provenzalische Teil umfasst die S. 34-35: „Aus Rostock endlich erhalte ich durch Herrn Professor Karl Bartsch aus seiner Sammlung provençalischer und mittelhochdeutscher Lieder zwei köstliche Perlen mittelalterlicher Poesie: ,Lo chans de Cucheco‘ in der süßen Sprache der provençalischen Troubadours, und ,Daz liet von Kutscheken‘ in den herrlichen Tönen Walter’s von der Vogelweide“.

[8] Wendelin Foerster, „Bestimmung der lateinischen Quantität aus dem Romanischen“, Rheinisches Museum 33, 1878, 291f., 639f.