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Brief (05-07575)

Wien 5. März 1887

 

Verehrter Herr College!

Besten Dank für die Zusendung Ihrer überaus lehrreichen Recensionen.[1] – Ihre Anfrage anlangend was Sie für das Baskische, wenn Sie ihm auf Ihrer Reise[2] näher kommen, thun sollen, möchte ich Sie bitten linguistische Literatur, Anthropologie und alles andere vor der Hand bei Seite zu lassen, da dies hinreichend ausgequetscht worden ist und der ǀ2ǀ Phonetik sowie dem Accent Ihre Aufmerksamkeit zu widmen.[3]

Dabei bitte ich Sie ja das Standardalphabet anzuwenden. Eine in dieser Richtung von einem Nicht-Franzosen und Nicht-Spanier unternommene Arbeit scheint mir vor allem nothwendig zu sein.

In Betreff der Anthropologie werden Sie wenig leisten können, da Broca und seine Schüler[4] sowie auch Virchow[5] gerade mit den Basken sich viel beschäftigt haben.

ǀ3ǀ Die Arbeit von Broca: „Sur l’origine et la répartition de la langue Basque“ (mit einer Karte) werden Sie kennen. Sie ist ein Separatabdruck aus der Revue d’Anthropologie.

Wenn Ihnen daran gelegen ist, die bisherige Literatur über die Basken zu studiren, so werden Sie wohl am besten thun in Paris Prof. Jul. Vinson[6] aufzusuchen, der alles was in dieser Richtung überhaupt existirt, kennt.

ǀ4ǀ Indem ich Ihnen zu der schönen Reise, um die ich Sie beneide, recht viel Glück wünsche, verbleibe ich mit herzlichem Gruß Ihr

ganz ergebener

F. Müller



[1] Vermutlich [Rez. von:] „Gombo Zhèbes”. Little dictionary of Creole proverbs, selected from six Creole dialects. Translated into French and into English, with notes, complete index to subjects and some brief remarks upon the Creole idioms of Louisiana. By Lafcadio Hearn“, LB f. german. u. roman. Philol. 7, 1884, 72-74; [Rez. von:] Ásbóth Oszkár, Szlávság a magyar keresztény terminologiában; Volf György, Kiktől tanúlt a magyar írni, olvasni? (A régi magyar orthographia kulcsa)“, ebd., 152-157.

[2] In diesem Jahr fand Schuchardts einzige Reise ins Baskenland statt, wo er vier Monate im nordbaskischen Pyrenäendörfchen Sara (Lapurdi, Hegoalde) verbrachte, um Sprachstudien zu treiben, vgl. HSA, Homepage: Vita.

[3] Schuchardts Studien zum Akzent im Baskischen, insbesondere in seiner Arbeit aus dem Jahre 1922 "Zur Kenntnis des Baskischen von Sara", im Verlag der Berliner Akademie der Wissenschaften, (Brevier/Archiv Nr. 748) sind bis heute gerade wegen der Akzentstudien von großer Aktualität.

[4] Paul Broca (1824-1880), französischer Arzt, Anatom und Anthropologe, Verf. von „Sur l’origine et la répartion de la langue basque: Basques français et Basques espagnols“, Paris 1875 (extrait de la Revue d’anthropologie).

[5] Rudolf Virchow (1821-1902), Die Urbevölkerung Europas, Berlin 1874: „Die Sprache der Basken aber, welche noch lebt, hat einen ähnlichen agglutinativen Bau, wie die Sprache aller jetzt noch existirenden finnischen Stämme. So ist denn die Meinung entstanden, daß diese drei Völker zusammengehören, daß also auch die Basken und die Ligurer finnisch oder, anders ausgedrückt, mongoloid oder turanisch seien“ (28).

[6] Julien Vinson (1843-1946), franz. Baskologe. Schuchardt unterhielt mit Vinson zwischen 1882 (also Jahre vor dem Hinweis Müllers) und 1921 einen nicht unwesentlichen Briefwechsel, der 59 Korrespondenzstücke umfaßt.