Senden hat offenbar funktioniert, aber es wird noch ein Bestätigungsmail verschickt, sobald die Änderungen angekommen sind.
Es hat etwas nicht funktioniert. Bitte den Inhalt in Word (o.Ä.) kopieren und per Mail schicken.

Postkarte (64-05636)

 

Verehrtester Kollege!

Seit dem 1. Okt. 19 lebe ich in der Tat in unfreiwilligem Ruhestand: die Errungenschaft der Revolution für mich. Ich bin in der Tat jetzt in eine schwere Notlage versetzt, da mein Ruhegehalt viel zu klein zum Leben ist. Ich trete jetzt aus allen Vereinen, auch aus den wissenschaftlichen aus, weil ich das Geld nicht erschwingen kann. – Im Literaturblatt 1917 hat Spitzer ein Feuilleton von mir in der Frankfurter Zt. über germanisches Reckentum zum Gegenstand einer Polemik gemacht,[1] weil ich frz. garçon auf ein mutmaßliches lat. waracio zurückgeführt habe. Er ahnte nicht, daß ich dieses waracio auch wirklich belegen kann: der Beleg bei Förstemann unter Warachio ist auch der meinige. Spitzer hat mich nicht überzeugt, oder hat er Sie vielleicht überzeugt? Meine Sprachgeschichte wird im Januar fertig u. Ihnen alsbald zugehen. Baists Nachfolger Heiß ist ǀ2ǀ ein tüchtiger Literaturhistoriker, aber vor allem ein vorzüglicher Redner u. ein sehr guter Lehrer – beide Eigenschaften fehlten unserem Baist leider. Hoffentlich wird Ihnen der Winter erträglich. Unsere Stimmung wird so bald nicht besser. Mit herzlichen Grüßen u. Wünschen

Ihr getreuer

Kluge



[1] Spitzer, Literaturblatt für german. u. roman. Philologie 38, 1917, Sp. 302; vgl. dazu Kluge, „Germanisches Reckentum“, Modern Language Notes  37, H. 7, 1922, 385-390. Kluges Beitrag war in der Frankfurter Zeitung vom 21.6.1916 veröffentlicht worden. Er schreibt S. 388: „Es ist vielleicht das einzige Mal gewesen, dass das Literaturblatt f. germ. u. roman. Philologie hrsg. von Behagel und Neumann eine Rezension über ein Feuilleton gebracht hat, als Prof. Leo Spitzer darüber das Wort ergriff (1917, Sp. 302). Aber nachdem ich nunmehr in einem neuen Artikel der Zeitschrift f. rom. Phil. 41,684 meine Etymologie fachlich begründet habe, warte ich noch immer vergebens darauf, dass das gleiche Fachblatt auch über meine wissenschaftliche Begründung der neuen Etymologie berichten würde. Und weil auch Meyer-Lübke Rom. et. Wb. meine Deutung nicht einmal der Erwähnung wert achtet, darf ich auf das wichtige Problem hier wohl zurückkommen, um zu verhindern, dass meine neue Etymologie weiter unbeachtet bleibt“. Kluge führt jetzt allerdings keinen Beleg aus Förstemann, Altdeutsches Namenbuch (2 Bde. 1856/59) an [unsere Durchsicht der Register Förstemanns ergab keinen Eintrag!], sondern aus dem Verbrüderungsbuch von St. Gallen, das Prof. Piper 1884 in den MGH herausgegeben habe.