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Brief (09-03158)

Hochverehrter Herr Hofrat!

Es verpflichtet mich zu aufrichtigstem Danke, daß Herr Hofrat die Gewogenheit hatten, mich am 70. Geburtagsgeschenke für Theodor Gartner mit teilnehmen zu lassen.[1] Während ich ihm einen brieflichen Gruß sandte, lag das eigenartige Geschenk auf meinem Tische und mahnte mich zugleich, dankbar seines wissenschaftlichen Wirkens zu gedenken. ǀ2ǀ Merkwürdig und seltsam ist sein Lebensgang gewesen[2], aber reiche Ernte hat er zusammengebracht in seinem nimmermüden Fleiße. Am meisten aber wird ihn die Anerkennung des Mannes gefreut haben, den er mit uns übrigen als den größten Romanisten und Sprachforscher der Gegenwart anerkannt hatte.

Merkwürdig ist auch Ihre Art, ihm zu gratulieren, wenn es dieses fremde Wort zuläßt. So anmutig und elegant sind selten jemals die schwersten sprachwissenschaftlichen Fragen plaudernd und geistreich spielend behandelt worden!

ǀ3ǀ Leider kann ich Ihnen als Gegengabe in nächster Zeit nur Kleines, wenig Wertvolles senden; so einen Aufsatz, der im „Jahrbuch des Hochstifts“ bereits gedruckt, aber noch lange zurückgehalten ist[3] und den altprovenzalischen Minnesang behandelt. Die Sammlung vieler Bände rumänischer Volkslieder mit den Melodien macht viel Mühe, da ich fast allein dran arbeite und mir für die Singweise einen mit unentbehrlichen, aber recht faulen und geltungsbedürftigen Mitarbeiter habe.[4] So zieht sich die Sache hin und die Behauptung oder Meinung, daß ich ǀ4ǀ nichts arbeite, scheint sich zu bestätigen, obgleich ich oft tagelang unsichtbar bleibe. Auch treten hier mancherlei städtische Verpflichtungen zu Vorträgen heran und eben ist jetzt eine neuphilologische Gesellschaft gegründet worden, der ich übermorgen den ersten Vortrag versprach.

So bitte ich, in der Enge des Semesterbeginns, um gütige Nachsicht, wenn ich erst heute herzlichst danke. Durch Herrn Abg. Wastian[5] sandte ich bei der Sitzung des allg. deutschen Schulvereins und der „Südmark“[6] Grüße, die ich auch an Herrn Hofrat Cornu und Loserth[7] gelegentlich weiterzugeben bitten möchte.

Mit ausgezeichneter Verehrung

Ergebenst M. Friedwagner

Frankfurt a.M. 8.11.13



[1] An Theodor Gartner zum 70. Geburtstag (4. November 1913). Deutsche Schmerzen, Graz 1913. [Schuchardt-Werk Nr. 644] – Der Romanist Theodor Gartner (1843-1925) hatte seit 1899 den neu errichteten romanistischen Lehrstuhl in Innsbruck inne.

[2] Gartner war von 1868-85 Mittelschullehrer für Physik und Chemie Ungarisch-Hradisch, wo er, wenn Not am Mann war, auch Französisch unterrichtete, dann Französischlehrer in Linz, später eine Zeitlang Professor in Czernowitz.

[3] „Troubadours und Minnesang“ Aus dem Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts in Frankfurt am Main 1913 (Lommatzsch, 1941, Nr. 55).

[4] Vgl. 01-03149; vermutlich handelt es sich um seinen Mitarbeiter Reinhold Harprecht; Alexandru Voevidca.(1862-1931), Friedwagners bestens qualifizierter musikwissenschaftlicher Berater aus Czernowitz, kann nicht gemeint sein; vgl. Vasile Vasile, „Alexandru Voevidca. Folclor muzical din Bucovina“, Revista MUZICA 8, 2016, 49-79

[5] Heinrich Wastian (1876-1932), Grazer Politiker, 1911-14 Mitglied im österr. Abgeordnetenhaus.

[6] Der „Deutsche Schulverein Südmark“ unterstützte das Grenz- und Auslandsdeutschtum.

[7] Der Romanist Jules Cornu und der Historiker Johann Loserth, beide Professoren in Graz.