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Brief (29-07065)

Graz 21/4 05

Hochverehrter Herr Hofrath!

Die Mängel des brieflichen Verkehrs kenne ich sehr genau u. deshalb liebe ich ihn auch nicht. Wenn er aber schon nothwendig ist, dann möchte ich damit etwas erreichen: Eine advokatorisch praecise Darstellung unserer Standpunkte. Von „Donnern“ war in meiner Absicht nichts vorhanden. Daß ich von einem Briefe keinen öffentl. Gebrauch machen werde, ist wohl selbstverständlich.

Ad 2.) Ich habe nie daran gezweifelt, daß auch Sie in jeder Cultur bloß den Einzelnen wirksam machten. Meine Formulirung von 2 umschließt Fremdes u. Eigenes.

Wir sind auch hier nicht mehr ferne von einander. Wenn sie auch ein papageienhaftes Nachahmen ablehnen, dann führen die Wege zusammen. Man nimmt ein Wort auf, wenn der Sinn, sein Gemütstimbra einem imponiert. So schreibt heute Jeder grob, vor 30 Jahren schrieb jeder „vornehm“.

|2| Die Meister empfinden es heute als lächerlich, „fein“ u. „vornehm“ zu sein. Das liegt alles tief in den Erscheinungen begründet. Bismarck war ein Grobian deutlichster Art, Nietzsche, der Mann, hat ein System aus der bis zur Niedertracht gesteigerten Energie gemacht. Das heutige Ideal ist Kampf. Mommsen verlangte, daß man den Tschechen „den Schädel einschlage“.[1] Man vergleiche eine Rede von Herbst[2] oder Pleuer[3] mit einer von Derschatta[4], Steinwender[5] oder gar Wolf,[6] Schönerer[7].

Ein „Feuilleton“ von Speidel[8] über Kraftel,[9] das unlängst erschien, machte mich einfach unwohl! So süß war es!

Kann man daran zweifeln, daß auch das gesprochene Wort der Heutigen einen ganz anderen Lautwert repraesentiert als das selbe Wort in einer gedrechselten Rede eines „vornehmen“ Altliberalen mit Ansichten à la Marquis Posa? Sie u. ich werden beide energisch Nein! donnern.

Das aber ist Einwirkg der „Muster = Individuen“, ist Charakternachahmung

|3| Ist es möglich, daß so ein albernes Mäh-Schaf wie der Uhlenbeck zu anderer Zeit plötzlich ein Löwengebrüll nachahmen wollte? Mir undenkbar.

Der Gustav Meyerleben[10] hat gewiß auf Sie, Herr Hofrath, auch anders eingewirkt. Ich zweifle nicht, daß Sie in manchem unter seinem Einflusse standen. Sie können in manchem ihm gefolgt haben, ohne das unseren Widerspruch damit sich ganz begraben zu haben. Schließlich sind Sie ja mit ihm ganz fertig geworden.

Bei Gelegenheit mehr über diese Frage – mündlich.

Zu Punkt 5.) „Laut u. Bedeutung“ mache ich weitere Zugeständnisse, weil mir einfiel, daß ich eine kleine Anzahl ganz bestimmter hiehergehöriger Beobachtungen gemacht habe. Diese muß ich aber erst genau formulieren.

Übrigens will ich auch weiter scharf auf diese Sachen achten, soweit ein armer Mann das eben kann.

Hoffentlich schwindet bald ihr Wolkenbehang: „Schwindet Ihr dunklen Wölbungen droben.“ Es ist ja Osterstimmung in der Welt. Also glückliche Feiertage von Ihrem sie schönstens grüssenden

Rud. Meringer

|4| Poestion wirbt […] auf Gudtmundsson mit Bildern. 10 Mark.[11] Darf ich Sie auch drauf schreiben?



[1] Vgl. zu Mommsens Positionierung im österreichisch-tschechischen Sprachenstreit Demant, Alexander. 2005. 'Mommsen gegen Bismarck'. In Demandt, Alexander, Andreas Goltz & Heinrich Schlange-Schönigen (Hgg.). Theodor Mommsen. Wissenschaft und Politik im 19. Jahrhundert. Berlin/New York: De Gruyter, 89-102, 96.

[2] Vielleicht Eduard Herbst (1820-1892), österreichischer Rechtsgelehrter und Politiker

[3] Vielleicht der Präsident des Gemeinsamen Obersten Rechnungshofs Ernst von Pleuer. Vgl. die Suchergebnisse in der zeitgenössischen Presse hier.

[4] Julius Derschatta, Edler von Standhalt (1852-1924), deutschnationaler Politiker, der vor allem in der Steiermark in Erscheinung trat. Vgl. den Eintrag in der Neuen Deutschen Biographie hier.

[5] Vermutlich Otto Steinwender (1847-1921), österreichischer Politiker deutschnationaler Ausrichtung.

[6] Karl Hermann Wolf (1862-1941), deutschnationaler Abgeordneter zum böhmischen Landtag. Vgl. https://www.parlament.gv.at/WWER/PAD_01534/index.shtml.

[7] Georg Ritter von Schönerer (1842-1921), Führer der deutschnationalen Bewegung in Österreich, vgl. die Informationen im Austria-Forum.

[8] Ludwig Speidel (1830-1906), Schriftsteller und Literaturkritiker, der viel in der Neuen Freien Presse publizierte.

[9] Fritz Kraftel (1839-?), Schauspieler, seit 1865 am Wiener Burgtheater. Das Feuilleton Speidels anlässlich des vierzigsten Jubiläums seines Wiener Engagements erschien am 2. April 1905 in der Neuen Freien Presse.

[10] Eventuell Anspielung auf den 1900 verstorbenen Kollegen Gustav Meyer.

[11] Vgl. Anmerkung 1 zu Brief 16-07052.