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Brief (28-07064)

[oben auf dem Kopf stehend]: Andrian[1] wird hoffentlich sehr bald in Graz sein. Er bricht schon seine Zelte ab: Ein ἁμαξόβιος![2]

 

Graz 19/4 05

 

Hochverehrter Herr Hofrath!

So kommen wir schon vom Flecke. Gestatten Sie noch weitere Praecision:

zu i) Hier sind wir also schon identischer Meinung[3]

zu 2.) Hier sind noch größere Differenzen. Eine Erklärg aus einem Volkstemperament, Volkscharakter – wie man diese Dinge sich gewöhnlich denkt – lehne ich für mein Theil ab.

Man lässt gewöhnlich mit dem sprachlich selbstständig machen eines Volkes seinen Charakter sein Temperament entstehen. Dann soll seine Sprache der Ausdruck dieses Charakters sein u. bleiben, wie seine Kunst (namentlich seine „Volkspoesie“), sein Haus, seine Tracht.

Das lehne ich (in der Form gedacht) ab.

Jede Neuerung in der Cultur geht von einzelnen Individuen aus u. wird vom Verkehre weitergetragen. Gleiche Sprache begünstigt den Verkehr, ungleiche hebt ihn aber noch nicht auf. Es entstehen von Einzelnen ausgehend Sprachwellen u. Sachwellen[.] Die Art zu reden ist bei solchen begabten Individuen eine besondere, nach ihrer Art zu reagieren, nach ihrem Charakter. (die Beobachtungen von Sievers[4] erklärt nach Darwin.)

Melodie der Sprache etc. sind secundäre |2| Erscheinungen, keine primären,

Der Charakter dieser Muster = Individuen“ wird nachgeahmt von ihrem Kreise, dann von den Kreisen, die unter dem Einflusse des ersteren stehen.

An eine bloße Nachahmung der Sprache glaube ich nicht. Die Unterschiede sind zu gering u. klein. Aber eine ganze Art ist nachzuahmen. Und was soll denn der Grund sein, daß bloß die Sprache nachgeahmt wird? Das Muster= Individuum hat doch überhaupt Gewalt über die anderen, sonst wird es eben in gar nichts nachgeahmt.

Ad 3.) Hier sind auch noch bedeutende Differenzen.

Sie sagen : “Bedeutgsänderung gehört zur Culturänderung“.

Ich sage Nein! Bedeutgsänderung ist der Ausdruck einer Culturänderung. ǀ3ǀ Aber ich frage: Gibt es eine Culturänderung ohne sprachliche Änderung?

Viele werden sagen: „Ja! Wie jeder Streit beweist, der mit derselben Sprache geführt wurde.

Ich sage: „Jeder Streit um neue Cultur gieng Hand in Hand mit großer sprachlichen Veränderungen.

Ad 4.) Lautgesetze

Das ist der Punkt, wo ich von Ihnen beeinflusst wurde. Aus Ihren und auch eigenen Gründen (vgl. Punkt 2) bin ich Ihrer Ansicht. Ich sage so: Wenn die Lautgesetze das wären was wir von ihnen halten, dann wäre es unverständlich, daß wie so wenig erklären können. Folglich kennen wir wahrscheinlich etwas viel Wichtigeres, als es diese sind, bis heute nicht. Oder aber, wir kennen nur die Lautgesetze ganz ǀ4ǀ weniger Wellencentren, keineswegs aber die anderer. Man müßte aber in viel höherem Maße mit der Sprachmischung resonieren- Die Ausnahmen von den Lautgesetzen wären dann aber nur die Lautgesetze anderer Wellencentra. Das Oberste wäre die Mischung. Wodurch ist diese vorgegangen?

5.) Zusammenlegung von Laut u Begriff habe ich immer geleugnet. Aber die Fälle der Schallnachahmung scheinen mir unleugbar zu sein u. alle derartigen Fälle lautgesetzlich erklären zu wollen halte ich für Don Quijotiade. In diesem Punkte schließe ich mich also – den Fall auf die Schallnachahmung beschränkt – ganz Ihnen an.

Ich bin auch ganz rabiat. Offenbar wieder etwas in der Luft. Haben Sie gehört, daß der Lausbube Kraus mich in der Fackel angestänkert hat.[5] Ich lese es nicht. Es genügt wenn Andere dabei Lustgefühle haben.

Mit schönsten Grüßen

R Meringer



[1] Ferdinand von Andrian-Werburg (1835-1914), Geologe und Anthropologe. Seine Briefe an Schuchardt sind ediert in Egger/Schwägerl-Melchior (2015).

[2] Angehöriger eines skythischen Nomadenvolks (cf. http://www.koeblergerhard.de/wikiling_1/node/1037536). Meringer bezeichnet den Anthropologen Ferdinand von Andrian-Werburg wohl aufgrund von dessen intensiver Reisetätigkeit als solchen.

[3] Meringer nimmt hier offensichtlich Bezug auf den Inhalt eines Briefes von Schuchardt. Da die Briefe Schuchardts an Meringer trotz intensiver Recherche nicht gefunden werden konnten, können die inhaltlichen Bezüge nicht mehr nachvollzogen werden.

[4] Eduard Sievers (1850-1932), Junggrammatiker, der insbesondere durch seine Arbeiten zur Lautphysiologie bekannt wurde. Seine Briefe an Schuchardt sind in Mücke (2015) ediert.

[5] Karl Kraus kritisierte in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Die Fackel, Ausgabe 179 vom 15. April 1905, 17-19, Meringers in der Neuen Freien Presse vom 07. April 1905 erschienene Nachruf auf Richard Heinzel aufs Schärfste.