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Brief (24-07060)

Graz 24/3 05

Hochverehrter Herr Hofrath!

Bitte, bemerken Sie denn gar nicht, daß ich meine Briefe an Sie mit gerunzeltem Gesicht nach Art einer gekränkten Leberwurst schreibe??[1]

M-L[2] schrieb mir, er hoffe bald einen lustigen Mann an seiner Seite zu haben u. zwar einen Literarhistoriker. An wen er denkt, weiß ich nicht.

Unlängst habe ich in seinem Namen bei Cornuto anfragen müssen, ob dieser W. Wurzbach, großen Literarhistoricus romanischer Art, in Graz habilitieren lassen wolle.[3] Cornutus ist nicht abgeneigt, hat aber momentan keine Zeit, seine Werke zu lesen.

ǀ2ǀ Über das Format Ihrer Schrift wäre ich sehr erschrocken, wenn mich nicht schon Bauer[4] instruiert gehabt hätte.

Aber der vorliegende (u. zurückfolgende) Bogen verräth, daß das ganze schon sehr guten Eindruck machen wird.[5]

Das Heft von BB[6] wird kaum Jemand abgeben, denn die Kuhn’sche[7] u. BB halte ich in Apparat.

Curro als Walze beweist glücklicherweise nichts. Allerdings muss ich den Passus bekämpfen.

Wenn’s gut geht, ist mein kleiner Wagen-Aufsatz bald fertig.[8]

Dann kann die bissige alte „Jungfrau“ Seele Kretschmers wieder sich säuerlich expectorieren.

Der Forestier[9] ist sehr schwer zu verstehen. Was eine roue folle ist, oder eine longrine hat auch Cornu nicht gewußt. Hier hilft die vergleichende Sachenkunde. Heil ihr!

Auch weiterhin mich gekränkt fühlend

Ihr Rud Meringer



[1] An dieser Stelle sind zum ersten Mal in der Korrespondenz gekränkte Töne auszumachen. Was der konkrete Auslöser war, kann in Ermangelung der Briefe Schuchardts an Meringer nicht mehr nachvollzogen werden. Möglich erscheint sowohl eine sachliche Auseinandersetzung zu den unterschiedlichen sachwortgeschichtlichen Auffassungen in Bezug auf das Objekt ‚Wagen‘, wie in Brief 23-07059 anklingt oder aber auch eine ablehnende Haltung Schuchardts gegenüber der ihm von Meringer vorgeschlagenen Übernahme der „Leitung“ bzw. Schirmherrschaft über die geplante Versammlung der Schulmänner in Graz (vgl. Brief 21-07057).

[2] Wilhelm Meyer-Lübke.

[3] Vermutlich geht es um Wolfgang von Wurzbach (1879-1957), österreichischer Romanist, der 1906/07 in Wien habilitierte.

[4] Die Festschrift für Adolf Mussafia (Schuchardt 1905) ist in Großformat erschienen.

[5] Offensichtlich hatte Schuchardt Meringer vorab einen Bogen der Publikation zugesandt.

[6] Vermutlich die von Adalbert Bezzenberger herausgegebenen Beiträge zur Kunde der indogermanischen Sprachen (Bezzenbergers Beiträge).

[7] Gemeint ist die von Adalbert Kuhn begründete Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung auf dem Gebiet des Deutschen, Griechischen und Lateinischen.

[8] Meringer, Rudolf. 1907. 'Zu ἅμαξα und zur Geschichte des Wagens. Ein Beitrag zur Methode der Etymologie'. Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung auf dem Gebiete der Indogermanischen Sprachen. 40. Bd., 2. H. (1907), pp. 217-234.

[9] Meringer bezieht sich hier auf das zuvor mehrfach erwähnte Werk Forestier, Georges. 1900. La roue. Étude paléo-technologique. Paris: Berger-Levrault & Cie.