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Brief (23-07059)

Graz, 23/3 05

Hochverehrter Herr Hofrath!

G. Forestier La roue Paris

Berger-Levrault u Co 1900 (nur 3.60 Kron)[1]

Daß Sie die These von der Herkunft des Wagens aus der Walze annehmen, ist mir geradezu fatal, denn ich will deswegen über Kretschmer[2] herfallen u. nun finde ich gar Sie zwischen meinem Dolch und dem Missethäter. Jetzt muß ich conciliant sein oder ihre Meringerphobie wird ganz zur stabilen Einrichtung, womit mir allerdings – wenn auch nicht verdient ein Lichtpunkt des Lebens endgültig verdeckt wird.

Aber wir werden sehen. Sie kennen ja meine Ansichten: Der Ursprung der einfachen Instrumente liegt so tief in den Ursprüngen der menschlichen Cultur, in den Anfängen des menschlichen Geistes, daß wir Spätgeborenen da nicht mehr leicht vielleicht nie mehr – uns werden hineindenken können ǀ2ǀ Ich glaube auch, daß wir aus rein methodischen Gründen vorläufig gegen alle solche Versuche Stellung nehmen sollen – sonst wird man von uns sagen Sie haben den Quell ausgegraben und mit derselben Schaufel wieder verschüttet. Das thun wir, wenn wir zur Sachenforschung aufmuntern und sie wieder durch Hypothesen überflüssig machen.

Scabies etc. zu schaben, W. skabh nicht *skab, wie Kluge mit gewaltigem Danebenhauer verkündet.[3] Aber die W. kommt auch als skap vor u. ist kaum undeutlich zu erfassen.

Luick ist in Wien mit 26 gegen 12 Stimmen vorgeschlagen für eine zweite englische Professur.[4] Meine Hypothese ist, daß man das Gehalt von Reinisch[5] dabei im Auge hat. Dabei würde sich auch die ziemlich auffallende Gegnerschaft von 12 Stimmen erklären. Mir ist unzweifelhaft, daß die Sache bald perfect sein wird. Für unsere Universität ist die Geschichte einfach ein Unglück.

ǀ3ǀ Die latein. Etymologie ist der alte Jammer des Indogermanischen.

Aber wir werden einmal folgende Frage aufwerfen: Ist es nicht auffallend, dass wir mit unseren Lautgesetzen so wenig etymologisch erklären können? Regt das nicht zum Nachdenken an? Allerdings ist auf italischem Boden schauderhaft gemischt worden, noch viel mehr als wir ahnen wollen.

Mit ergebensten Grüssen

Rud Meringer



[1] Meringer hatte im vorangehenden Brief dieses Buch angesprochen. Es ist anzunehmen, dass Schuchardt um die genauen bibliographischen Angaben bat. Vgl. 22-07058.  

[2] Paul Kretschmer (1866-1956), deutscher Sprachwissenschaftler und seit 1899 Ordinarius in Wien. Seine Briefe an Schuchardt (Bibl. Nr. 05824-05832) sind noch nicht bearbeitet. Kretschmer hatte 1906 in der Ausgabe 39/4 der Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung auf dem Gebiete der Indogermanischen Sprachen (Kuhn’s Zeitschrift) einen Beitrag mit dem Titel „Wortgeschichtliche Miszellen“ veröffentlicht. In der folgenden Ausgabe von Kuhn’s Zeitschrift (40/2, 217-234) veröffentlichte Meringer seine eigene, darauf Bezug nehmende Arbeit „Zu Ἅμαξα Und zur Geschichte des Wagens. Ein Beitrag zur Methode der Etymologie.” (Meringer 1907).

[3] In der sechsten Auflage des Etymologischen Wörterbuchs der deutschen Sprache (1899, 2. Abdruck 1905) führt Kluge unter dem Lemma schaben als germ. Wurzel skab aus vorgerm. Wurzel skǎp an.

[4] Karl Luick ging erst 1908 nach Wien. Zum Kontakt Luick-Schuchardt vgl. die Edition Hausmann 2017.

[5] Simon Leo Reinisch (1832-1919), österreichischer Ägyptologe, der 1903 von der Universität Wien emeritierte.