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Brief (15-07051)

Graz 18/3 03

Hochverehrter Herr Hofrath!

Dank für Ihre fr. Karte aus Assuan.

Der große Teller, Discus, auf dem Stockerl weist mit Nothwendigkeit auf die Existenz des runden hölzernen Bretts hin, das in ärmeren Verhältnissen auf den Boden gestellt wird. Eine weit nach abwärts gehende Erscheinung wird das arabische Tabouret,[1] das ich allerdings nur in höheren Culturformen kenne, kaum sein.

Hier gibt’s nichts Neues, als das Alte.

Dem man wenn möglich aus dem Wege geht.

Der Druck der 3. Aufl. meines Göschen-Büchleins[2] geht ziemlich rasch vorwärts u. nach dieser wird dann eine englische Übersetzgg. in den Schriften der Vanderbilt University für die amerikanischen Studenten erscheinen.[3] Ich habe natürlich gerne zugestimmt.

Im October ist Philologentag in Halle.[4] O. Schrader[5] hat mich auch im Namen Brugmanns[6] in einem schreck|2|lich schönen Brief eingeladen einen Vortrag, am liebsten über Sachliches zu halten. Ich habe sehr gerührt zugesagt.[7]

Wenn ich nämlich kann.

Meine Etymologie von Wand : winden hat sich unterdessen glänzend bestätigt. Es kam nämlich im ags. das Verbum winden im Sinne von ‚bauen‘ zum Vorschein. Damit ist die Sache wohl endgiltig erledigt.

Vor einigen Tagen haben wir geschlossen. Das Wintersemester war schrecklich. Alles ist sehr ermüdet. Sogar der robuste Cornu.

Bei uns im Hause sind Kriegszeiten. Die Kinder, auch ich, kränkeln fortwährend, die kleine Martha, 1 ½ Jahre alt, ist schwer krank – Lungenentzündung – u. noch immer ist nicht sicher, daß wir sie mit dem Leben davon bringen werden.

Ich bitte Sie, verehrter Herr Hofrath, um Ihre neue Adresse, sobald Sie wieder stabil sein werden.

In Verehrung

Ihr ergebenster

Rudolf Meringer



[1] Hocker.

[2] Gemeint ist Meringer, Rudolf. ³1903. Indogermanische Sprachwissenschaft. Leipzig: G. J. Göschen Verlagshandlung.

[3] Die angesprochene Übersetzung konnte nicht gefunden werden.

[4] Vom 7. bis 10. Oktober 1903 fand in Halle an der Saale die siebenundvierzigsten Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner statt.

[5] Otto Schrader (1855-1919), deutscher Indogermanist und seit 1890 außerordentlicher Professor in Jena.

[6] Karl Brugmann (1849-1919), deutscher Indogermanist und seit 1887 ordentlicher Professor in Leipzig. Vgl. die Edition der Korrespondenz mit Schuchardt in Seldeslachts & Swiggers 2014.

[7] In den 1904 erschienenen Verhandlungen der siebenundvierzigsten Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner in Halle a. d. Saale vom 7. bis 10. Oktober 1903. Leipzig, wird kein Vortrag Meringers erwähnt. Unter Umständen wurde das Vorhaben nicht umgesetzt.