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Brief (14-07050)

Graz, 12/i 03

Hochverehrter Herr Hofrath!

Die S.A. Ihrer Arbeit in der Allg. Ztg. sind noch nicht da.[1] Erst vor wenigen Tagen ist I im Beiblatte erschienen, was die Sache erklärt.

Hier gibts nichts Neues, als daß ich mich unlängst mit Skraup[2] wegen einer äußerlichen Angelegenheit, die volkst. ku. Curse betreffend, sehr geärgert habe. Man macht immer dieselben Erfahrungen hier.

Mu[3] ist aus Wien zurückgekehrt, mit allerlei Nachrichten, aber wenig wichtigen. Heinzel[4] u- Detter[5] sind mit der Edda fertig[6] und Detter hat sich von seiner Krankheit sehr erholt. Das ist das Erfreulichste. Sämtlichen unbefriedigten Titel-A.O wird im Min. erklärt, daß zuerst für v. Reš.[7] etwas geschehen müßte. Aber der tapfere v. Reš. verlangt als A.O. seinen gesammten bisherigen Gehalt (als Redacteur d. kroat. Ag. d. RG bl.) und auf Belassung seiner gegenwärtigen Honorars für Erfüllung eines Lehrauftrags. Das ist also alles zusammen, mindestens der Gehalt eines Ord.!

Aber ob die Sache gelingen wird. Der Zwirn ist für die Nadel etwas groß.ǀ2

Dagegen soll Vondrák[8] durchfallen, dh. mit dem Titel A.O. abgespeist werden, worüber er außer sich ist. Natürlich. Er hat nie Jemand die Thür vor ihm passieren lassen wollen u. jetzt passiert es ihm, daß sie gerade vor seiner Nase zugeschlagen wird. Wäre er früher netter gewesen, Es hätte sich alles langsam und sicher machen lassen. Jetzt weiß er wohl selbst schon Bescheid.

Unseres Freunds Cornu seine Frau[9] packt nicht aus. „Es ist zu kalt dazu“. Sie war unlängst beim Rohrer,[10] wo ich sie eigentlich zufällig traf, denn ich konnte wegen einer Influenza abends nicht fort. Wir haben uns damals sehr unterhalten. Sie war königlich. Sobald Cornu etwas sagte, was ihr nicht passte, fuhr sie ihm mit einem Taschentuch mitten ins Gesicht hinein. Es zeigte von großer Übung, diese Handbewegung. Frau C soll eine Prager Gesellschaftsbraute gewesen sein u alle Welt soll sich gewundert haben, daß Sie den „rustand‘ geheiratet habe. Das hat Frejmond[11] dem Meyer-L. erzählt. Ich habe die Frau sehr lieb u. freue mich sehr, sie bald wieder zu sehen. Sie hat Raçe. Sie wird gewiß bald wieder kommen, denn Sie hat sich köstlich unterhalten. Das kam daher, daß wir sehr lustig waren, woran wieder die himmlische Astramanie Hillebrands[12] schuld ist. Der Mann ist wirklich eine Perle, namentlich für uns.

Es war sein zweiter Ausgang, den ihm sein Weiblein, die Tochter des Ihnen ǀ3ǀ wohlbekannten Hfr. Weiss, der die Leoniden[13] nicht erfunden hat, gestattete.[14] Meine Alte sehnt sich schon sehr die junge Frau kennen zu lernen, was in den nächsten Tagen geschehen soll. Die Wiener sind in mancher Beziehung wie die Freimaurer.

In Wien gibts bei dem massenhaften Zulauf zur phil. Fac. soviel zu thun, daß mir M-L. schreibt, er komme zu keiner Arbeit!!

Das muss dann allerdings arg sein, wenn M-L schon keine Zeit mehr findet.

Am nächsten Montag ist wieder Fac. Sitzung, die letzte hat Haberlandt[15] mit den Worten, „ich sitze die Schließung“ beendet.

Dasmal steht Kirste[16] auf der Tagesordnung mit dem Antrag der Errichtung eines „Orientalischen Cabinets“.[17] Eigentlich ein unschicklicher Antrag, aber bei dem, was er sich denkt, hat er ja Recht. Ich bin neugierig, was da wieder alles geredet werden wird. Namentlich den großen Mann mit dem großen Hute studiere ich jetzt.[18] Er selbst ist mir gleichgiltig, aber die Schicksale sind merkwürdig.

Wenn Sie nur, hochverehrter Herr Hofrath, in recht viel elende Bauernhütten hineingingen! Ein Königreich für einen Feuerbock aus Aegypten![19] Es wird keiner zu finden sein, außer etwa ein 3-beiniger italienischer Kaminfeuerbock.

ǀ4ǀ Und ein runder Tisch, groß, ohne Füße! Das gibt’s gar nicht. Ich habe immer die fixe Idee, daß wir mehr als wir ahnen aus Aegypten haben.

Ich bitte Sie, Herr Hofrat, schreiben Sie mir Ihre Adresse, wo Sie ein Schreibebrief erreichen kann. Ich möchte doch manchmal Ihnen schreiben u, vor einen eine Zeile erhalten. Danke für Ihre zwei Karten, die mich sehr erfreut haben. Zum Khediva[20] werden Sie ja wohl gehen. Ob er sich noch meiner erinnert? Selbstverständlich, aber ob er will? Kann man ihn nicht schön grüßen lassen? Ich will ihm bestimmt einmal meine Aufwartung machen.

Möge es Ihnen wohlergehen, hochverehrter Herr Hofrath!

Ihr treu ergebener

Rudolf Meringer



[1] Vermutlich ist gemeint Schuchardt, Hugo. 1903. 'Zur internationalen Fischerei-Ausstellung in Wien (6. bis 21. September 1902)'. In Beilage zur Allgemeinen Zeitung (Augsburg, München) (8. Jänner 1903) [HSA 454].

[2] Zdenko Hans Skraup (1850-1910), Chemiker und 1903/04 Rektor der Universität Graz.

[3] Eventuell Mathias Murko.

[4] Richard Heinzel (1838-1905), österreichischer Mediävist, der ebenfalls mit Schuchardt in Briefkontakt stand (Bibl. Nr. 04543-04553).

[5] Ferdinand Detter (1864-1904).

[6] Heinzel, Richard & Ferdinand Detter (eds.).1903. Sæmundar Edda. Leipzig: Wigand.

[7] Milan Rešetar (1860-1942), serbokroatischer Slawist und seit 1891 Redakteur der kroat. Ausg. des „Reichsgesetzblattes“ in Wien. Daneben seit 1895 Privatdozent, ab 1904 außerordentlicher Professor an der Universität Wien (http://www.biographien.ac.at/oebl_9/86.pdf). Im Schuchardt-Nachlass sind fünf Schreiben Rešetars erhalten (Bibl- Nr. 09380-09384).

[8] Václav Vondrák (1859-1925), tschechischer Slawist und ab 1903 außerordentlicher Professor in Wien.

[9] Therese Cornu-Kluckauf, Gattin von Schuchardts Nachfolger Julius Cornu, die seit 1902 rege mit Schuchardt korrespondierte (Bibl. Nr. 01844-01955).

[10] Bezug konnte nicht gerklärt werden.

[11] Emile Freymond (1855-1918), deutscher Romanist, seit 1901 Ordinarius an der Universität Prag. Von Freymond sind drei Schreiben im Schuchardt-Nachlass erhalten (vgl. die Edition von Hausmann 2016).

[12] Vermutlich Karl Hillebrand (1861-1939), Astronom und Professor an der Universität Graz.

[13] Im November beobachtbarer Meteorstrom.

[14] Vermutlich ist gemeint Edmund Weiß (1837-1917), österreichischer Astronom, der im März 1903 einen Votrag unter dem Titel „Über die Ursache des Ausbleibens der Leoniden nebst Notizen über Yey-Sings Sternwarten“ hielt (veröffentlicht unter demselben Titel).

[15] Gottlieb Haberlandt (1854-1945), österreichischer Botaniker und 1903/04 Dekan der philosophischen Fakultät der Universität Graz. Die von Gottlieb Haberlandt im Schuchardt-Nachlass vorliegende Korrespondenz (Bibl. Nr.04259- 04295) wurde noch nicht bearbeitet.

[16] Johann Kirste (1851-1920), österreichischer Indologe und seit 1892 außerordentlicher Professor für Orientalische Philologie an der Universität Graz, der ebenfalls mit Schuchardt korrespondierte (Bibl. Nr. 05555-05573).

[17] Das Protokoll der Sitzung der philosophischen Fakultät vom 19.01.1903 verzeichnet als Tagesordnungspunkt 3 den Antrag des Prof. Dr. Kirste betr. Errichtung eines orientalischen Cabinets, der einer Commission bestehend aus den Herren Prof. Kirste, Meringer und Hofrath Schönbach überwiesen wird (Dekanat Haberland, Sitzungsprotokoll über die am Montag den 19. Januar 1903 abgehaltene III. ordentliche Sitzung des Professoren-Collegiums der philosophischen Fakultät, EX 1902/03, Z. 546) Daneben findet sich in den Akten ein Bericht der Commission  vom 3. Februar 1903 (EX 1902/03, 599), in dem detailliert die mangelhafte Ausstattung der Orientalischen Philologie mit Büchern dargelegt wird.

[18] Bezug konnte nicht geklärt werden.

[19] Von Februar bis April 1903 war Schuchardt in Ägypten.

[20] Unter Umständen meint Meringer hier den letzten Khediven der osmanischen Provinz Ägypten Abbas II.