Senden hat offenbar funktioniert, aber es wird noch ein Bestätigungsmail verschickt, sobald die Änderungen angekommen sind.
Es hat etwas nicht funktioniert. Bitte den Inhalt in Word (o.Ä.) kopieren und per Mail schicken.

Brief (09-07045)

Graz 6. Aug. 1901

Hochverehrter Herr Hofrat!

M-L.[1] schreibt mir: „Nun müssen Sie mich aber doppelt warm in Ihr patriotisches Graz schicken; ich habe Zürich abgelehnt u. bleibe in Wien“. Ich sehe aus M’L’s Brief klar, daß er wirklich so weit war eine Professur in Wien wegzuwerfen um nach Zürich zu gehen.[2] Meine Vermuthung, die ich Ihnen unlängst schrieb, hat sich als richtig erwiesen, wozu allerdings wenig Menschenkenntnis nötig war. Da schritt aber Gottlob der Minister ein u. verhinderte M-L etwas zu thun, was man wohl nur bei näherer Bekanntschaft mit ihm hätte begreifen können. Etwas Näheres theilt mir M-L nicht mit, doch sehe ich, daß er guter Stimmung ist und ich denke, daß man es v. Hartel[3] hoch anrechnen muss, daß er M-L in Österreich festgehalten hat, was hoffentlich für immer gelingen wird. M-L schreibt aus Schönwald-Baden, wo er noch einige Zeit sein wird.

Von Joh. Schmidt’s plötzlichem Tode haben Sie wohl erfahren.[4] Er wollte zur Leibnitz-Feier der Akademie gehen. Da kommt seine Frau in sein Studio um ihn abzuholen, sie findet ihn röchelnd und in Kurzem ist der todt. Die arme Frau! |2| Ich habe noch Schmidts Briefe über die letzten Ereignisse. Was er über Ihren glorreichen Vortrag von 1870 sagte, lese ich Ihnen gelegentlich vor.[5] Es ist beider Männer wert. Auch über die Grazer Slawistenfrage hat er sich noch geäussert.[6] Ebenso wie er in Prag die Sache von Ludwigs Nachfolgerschaft[7] ordnen half, wie Ihnen ja bekannt sein wird. Es scheint, daß der junge Zupitza[8] auch wirklich nach Prag kommt, was auch nach meiner Meinung die richtige Wahl wäre, zumal da es sich mir um ein E. O. handelt, bei dem z.B. H. Hirt,[9] der eine genialer Kopfe ist, abgelehnt hätte. Die Prager wollten nämlich bei der Gelegenheit auch Winternitz[10] als Sanskritisten unterbringen u. schlugen deshalb zwei E. O vor für einen O.[11]

Ob wir wohl bald von der neuen indog. Sprache, die ein Hörer J. Schmidts gefunden hat, etwas erfahren werden? Sch. schrieb mir vor längerer Zeit, daß man demnächst etwas davon hören werde. Ich bin mit den Zeitschriften wieder etwas rückständig, glaube aber trotzdem nicht, daß schon etwas genaues bekannt ist.

Wo ist die schöne Zeit der Idg. Gesellschaft in Wien? Bühler[12] hat Sie mit mir gemacht, Sie besteht noch immer trotz |3| schwerer persönlicher Geschichten. Aber in Graz war Sie von heute auf morgen umgebracht. Sie wird auch nicht mehr auferstehen, denn es fehlen alle Vorbedingungen. Es ist ein rechtes Elend!

Wissenschaftlich ist doch wieder manches los. Nicht viel aber immerhin. Auch das letzte Heft der Anthropolog.[13] ist sehr gut, vornehm beinahe.

Auch ein Beitrag von Ihnen ist drin enthalten, von dem ich leider nichts verstehe.[14]

Heute war bei uns Kindstaufe. Ich bin völlig herunter werde wohl auch bald auf kurze Zeit das Weite suchen. Aber es ist schrecklich ohne Weib u. Kind ausreißen zu müssen. Das ist die Kehrseite der Ehe. v. Graff u. Loserth sind noch hier. Ich sehe sie zwar nicht aber v Graffs offene Fenster zeigen mir, daß er erst abends sein Institut verlässt.

Wann kommen Sie denn, verehrter Herrr Hofrath, endlich wieder?

Ihr Ru. Meringer.

|4| P.S. Meine Actien sind in der letzten Zeit etwas gestiegen. In den Mittheilungen des German. Nationalmuseums ist eine größere Arbeit über Herdgeräthe[15] u. in der Monatsschrift für Psychiatrie u. Neurologie eine Arbeit „zur Psychopathologie des Alltagslebens (Vergessen, Versprechen, Vergreifen) von S. Freud[16] erschienen. Ich finde nicht, daß einer etwas der Rede wertes hinter mir heraus gebracht hätte, aber der unaufmerksame Leser könnte namentlich bei S. F. diesen Eindruck empfangen. Ich bin sehr neugierig, was Sie zu den beiden Arbeiten sagen werden. Besonders chevaleresk ist S.F. gerade nicht: ich finde kaum einen Gedanken, den er nicht schon bei mir gelernt hätte aber er thut so, als ob er schon damals 1895 alles besser gewusst hätte.Na!



[1] Wilhelm Meyer-Lübke (1861-1936), Romanist und Sprachwissenschaftler Schweizer' Herkunft. Meyer-Lübke hatte seit 1890 einen Lehrstuhl in Wien inne. Meyer-Lübkes Briefe an Hugo Schuchardt (Bibl. Nr. 07223-07293) sind in Bearbeitung.

[2] Heinrich Morf (1854-1921) hatte 1901 den Zürcher Lehrstuhl frei gemacht und war nach Frankfurt am Main gegangen.

[3] Wilhelm von Hartel (1839-1907) war von 1900 bis 1905 Unterrichtsminister.

[4] Johannes Schmidt (1843-1901), deutscher Sprachwissenschaftler und Indogermanist. Die Briefe Schmidts an Schuchardt wurden im Hugo Schuchardt Archiv bereits ediert (Hurch/Mücke 2015).

[5] 1900 erschien die im Jahr 1870 gehaltene Leipziger Probevorlesung Schuchardts Über die Klassifikation der romanischen Mundarten (Schuchardt 1900 [HSA 352]). Die von Johannes Schmidt vertretene Wellentheorie steht den in der Probevorlesung vertretenen Gedanken Schuchardts sehr nahe.

[6] Vermutlich ist hier die Nachfolge von Gregor Krek (1840-1905), von 1875 bis 1902 ordentlicher Professor für slawische Philologie an der Universität Graz, gemeint. Zur Geschichte der slawischen Philologie an der Universität Graz vgl. Matl, Josef. 1960. 'Zur Geschichte der slavischen Philologie an der Universität Graz'. Wiener slavistisches Jahrbuch 8, 190-194.

[7] Alfred Ludwig (1832-1912), Indologe und Sprachwissenschaftler, seit 1860 außerordentlicher, ab 1871 ordentlicher Professor an der Universität Prag.

[8] Ernst Zupitza (1873-1917), Indogermanist und Sohn von Julius Zupitza (1844-1895), der den Ruf auf die Lehrkanzel von Alfred Ludwig in Prag erhielt, allerdings ablehnte und nach Greifswald ging (vgl. Schaller, Helmut W. 'Die Geschichte der slawischen Philologie an der Deutschen Universität Prag (1897-1945)'. Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 52 (2003), H.3, 317-346, 320.

[9] Hermann Hirt (1865-1936), Indogermanist.

[10] Moriz Winternitz (1863-1937), Indologe.

[11] Zur Aufteilung der Professur für Vergleichende Sprachwissenschaft auf zwei außerordentliche Professuren, eine für Sanskrit und eine für Vergleichende Sprachwissenschaft vgl. Schaller (2003: 320).

[12] Georg Bühler (1837-1898), Indologe, hatte mit Meringer gemeinsam die Indogermanische Gesellschaft in Wien begründet. http://www.payer.de/dharmashastra/dharmash02a.htm.

[13] Vermutlich ist die Ausgabe 31 der Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien gemeint.

[14] Schuchardt, Hugo. 1901. 'Basken und Romanen'. In Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien 31: 40-42 [HSA 386].

[15] Lauffer, Otto. 1901. 'Herd und Herdgeräte in den Nürnbergischen Küchen der Vorzeit III'. Mitteilungen aus dem germanischen Nationalmuseum 1901, 10-122. Meringer wird hier ausführlich als Referenz herangezogen.

[16] Freud, Sigmund. 1901.' Zur Psychopathologie des Alltagslebens (Vergessen, Versprechen, Vergreifen) nebst Bemerkungen über eine Wurzel des Aberglaubens‘. Monatsschrift f. Psychiatrie u. Neurologie, X. Bd., 1. Heft, 1–13.