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Brief (04-07040)

Graz, 3/3 1900

Sehr verehrter Herr Professor!

Hunziker[1] hat geantwortet. Er gibt zu, daß die figg. 33e u f vertauscht sind[2] u desgleichen, daß fig. 33i auch nicht richtig ist.[3] Auf S. 73 steht ferner das Bild auf dem Kopfe![4] Soviel ich sehe, hätte er eine große Freude, wenn es Ihnen gefiele, eine Anzeige des Buches zu schreiben, damit er weitere Staatsunterstützung zur Fortsetzung erlangen könnte.[5] Das sei Ihrer wohlwollenden Seele hiermit im Vertraun mitgetheilt.

Richtig ist daß [Zeichnung] Bett, [Zeichnung] Schrank, [Zeichnung] Tisch bedeute.

Über Wettung etc. macht er ausführliche Mittheilung, die ich verwenden will oder Ihnen, wenn Sie wünschen zur Verfügg stelle.

Ich mache wieder aufmerksam auf Manolescu Igiena Teranului,[6] das ich zu verschaffen trachten werde.

Lucreţia Panaitescu „zur Ethnologie |2| der heutigen Rumänen. Züricher Diss. Altenburg.[7] R R Haas war so gütig, es mir aus dem Bücherschatz der kais. Bibl. zu reservieren.

Luick[8] hat aus der N. fr. Pr. Ament Entwicklung von Sprechen u Denken beim Kinde“[9] herausgefunden. Ich habe das Büchlein durchgemacht. Es ist genial u. dumm zu gleicher Zeit. Er besitzt aber das ganze bisherige Material, auch Perez, Sully im Auszuge[10] – Vor mehreren Tagen gab ich es Prof. Escherich,[11] der heute um 6 h zur Besprechung mich aufsucht.

Die Sitzung kann also in 14 Tagen mit dem richtigen Material ausgestattet sein.[12]

Ich lese daß Sie bei Kluge über Stube, Kuchen, Wirtel handeln wollen[13]

Hoffentlich ist es Ihnen nicht unangenehm, wenn ich mir erlaube, auf das aufmerksam zu machen, was man vom Standpunkte der Bauernhäuslerei gegen die roman. Herkunft der Wörter anführen kann:

|3|

Das roman. Haus (Italien, Dalmatien etc., Frankreich, Spanien) hat keine Stube sondern nur einen Feuerraum, gewöhnlich mit Kamin, der Herd u Ofen zugleich ist.

2.) Das deutsche („oberdeutsche“) Haus hat ein Nebengebäude, die „Badstube“ an der das Wort „Stube“ fest haftet und wo von Kulturübertragungen schwer die Rede sein kann. Da hier zugleich die Dampfbäder genommen wurden, ist der Zusammenhang mit „stieben“, den Martin ohne Kenntniss dieser Thatsache aufstellte,[14] sehr einleuchtend.

Die „Badstube“ dient in erster Linie zum Brechen dh.früher Rösten des Flachses. Vgl. Zappert Badewesen[15] u die Lit, die ich Mitth Anthr. Ges. 23 Bd S. 166[16] gegeben habe.

Vgl. diese Abhandlung s. 168 oben. Lex Alem: Si quis stubam, ovile.. domum alicuius concremaverit,[17] wo stuba nur |4| die Badestube bedeuten kann.

Damit will ich nicht sagen, daß Stube deutsch sein muss. Aber es handelt sich bei Entlehnung um Erklärung dieser Thatsachen, die ihrer freundliche Erwägg. anheimgestellt sein mögen.

Vgl. auch M. Heyne s. 45![18] u. In […]. ‚Stube‘, ‚Badstube‘

In diesem Monate soll noch eine Sitzng der Anthrop. Ges. in Wien stattfinden. Man hat mich aufgefordert zu sprechen. Ich thäte es sehr gerne, um alte Positionen neu zu vertheidigen.

Eine Frage: Hätten Herr Professor auch Lust zu einer Fahrt um diese Zeit? Man würde Ihnen großen Dank wissen, wenn Sie das Wort in der Angelegenheit „Stube“ ergriffen.[19]

Mit den ergebensten Grüssen

Ihr Rudolf Meringer



[1] Jakob Hunziker (1827-1901), Schweizer Volkskundler (vgl. Marti-Weissenbach, Karin: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D11664.php). Hunzikers chtbändiges Werk mit dem Titel Das Schweizerhaus nach seinen landschaftlichen Formen und seiner geschichtlichen Entwicklung. Aarau: H. R. Sauerländer wurde zwischen 1900 und 1914 publiziert.

[2] Im ersten Band von Hunzikers Schweizerhaus sind bei den Abbildungen 33e und 33f die Bildunterschriften vertauscht (Hunziker 1900: 32)

[3] Die hier angeführte Abbildung befindet sich in Hunziker (1900: 33). Welchen Fehler Meringer hier meint, konnte aufgrund des Nichtvorliegens der Korrespondenz zwischen Hunziker und Meringer nicht eruiert werden.

[4] Gemeint ist die Fig. 68 in Hunziker (1900: 73), auf der ein Ausschnitt aus dem Provisionssaal aus dem Schloß von Granges zu sehen ist.

[5] Schuchardt hat keine Rezension zu Hunziker verfasst.

[6] Manolescu, Nicolae. 1895. Igiena ţĕranului : locuinţa, iluminatul şi incălḑitul ei imbrăcămintea, incălţămintea ; alimentaţiunea ţĕranului in deosebitele epoce ale anului şi in deosebitele regiuni ale ţĕrei. Bucuresci: Göbl.

[7] Die in Zürich eingereichte Dissertation von Lucreţia Panaitescu erschien1897 in Altenburg bei Bonde (Panaitescu 1897).

[8] Karl Luick (1865-1935), Anglist und Professor in Graz und Wien. Luick stand zwischen 1897 und 1926 in Korrespondenz mit Hugo Schuchardt (Bibl. Nr. 06672-06709, vgl. die Edition von Hausmann 2017).

[9] Ament, Wilhelm. 1899. Die Entwicklung von Sprechen und Denken beim Kinde. Leipzig.

[10] Vermutlich meint Meringer hier die Arbeiten zur Kindersprache von Bernard Perez (1836-1903) und James Sully (1842-1923). Beide Autoren werden von Ament angeführt (Ament 1899; 18, 20).

[11] Theodor Escherich (1857-1911), Kinderarzt und Professor an den Universitäten Graz und Wien.

[12] Es konnte nicht eruiert werden, um welche Sitzung es sich handelt.

[13] Gemeint ist Schuchardt, Hugo. 1900. 'Stube - Kuchen - Wirtel'. In Zeitschrift für deutsche Wortforschung 1: 66-67 [HSA 373] Die Zeitschrift für deutsche Wortforschung wurde von Friedrich Kluge herausgegeben, mit dem Schuchardt ebenfalls in Briefkontakt stand (Bibl. Nr. 05584-05640).

[14] Martin, Ernst. 1887. Badenfahrt von Thomas Murner. Neudruck nach der Ausgabe Strassburg 1514. Strassburg (= Beiträge zur Landes- und Volkskunde von Elsass-Lothringen II). Martin bringt die Etymologie von Stube mit 'stieben' in Verbindung (S. XI).

[15] Zappert, Georg. 1858. 'Ueber das Badewesen mittelalterlicher und späterer Zeit'. Archiv für Kunde österreichischer Geschichtsquellen.

[16] Meringer, Rudolf.  1893. 'Studien zur germanischen Volkskunde'. Mitteilungen der anthropologischen Gesellschaft in Wien 23, 136-181.

[17] Meringer (1893:168): "In dem Sinne wird das Wort in der Lex Alemannorum gebraucht (vgl. Zappert, S. 16, 69, Martin, S. X). Dort heisst es: Si quis stubam, ovile, porcaritium, domum alicuius concremaverit, d.h. 'wenn einer die Badestube, den Schafstall, den Schweinestall, das Wohnhaus anzündet'."

[18] Heyne, Moriz. 1899. Fünf Bücher deutscher Hausaltertümer von den ältesten geschichtl. Zeiten bis zum 16. Jh. Bd. 1: Das deutsche Wohnungswesen von den ältesten geschichtlichen Zeiten bis zum 16. Jahrhundert. Mit 104 Abb. im Text. Leipzig: Hirzel, S. 45: "Für ausgiebige körperliche Reinigung durch warmes Bad, die auch Tacitus bezeugt, ist, wohl allgemein in den besseren Hofhaltungen, ein besonderes Haus bestimmt, die Stube. Die Deutschheit und ursprüngliche Bedeutung dieses gemeingermanischen Wortes, das nur gotisch nicht überliefert ist, sonst altnord. stufa, stofa, ags. stofa, ahd. stuba, stupa lautet, ist völlig siche: es gehört zu ahd. stiuban, stioban stieben und zu ahd. stoup Staub, auch stiebendes Wasser, und will nicht etwa, wie Schrader Sprachvergleichung und Urgeschichte […] S. 500 sagt, ein regelrecht geheiztes Zimmer bezeichnen, sondern ursprünglich nur eine einfache Vorrichtung zu Erzeugung heissen Wasserdampfes, dadurch, dass man auf Steine, die durch das Herdfeuer glühend gemacht waren, Wasser goss und dieses zu einer Art Dampfbad benutzte, in derselben Weise, wie es noch im Mittelalter geschah. Dazu war ein besonderes kleines Haus hergerichtet, auf welches der Name der Vorrichtung übertragen wurde; erst viel später verallgemeinert sich die Bedeutung und geht auf einen durch Ofen geheizten Raum über.“

[19] In den Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien 30 wird auf S. 152 ein am 10. April 1900 bei der Monatsversammlung der Gesellschaft gehaltener Vortrag Meringers mit dem Titel "Das bosnische Haus und seine kroatischen Verwandten" erwähnt. Augenscheinlich verzögerte sich die Sitzung und damit auch der Vortrag Meringers. Über eine Teilnahme Schuchardts an der Sitzung ist nichts bekannt.