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Brief (05-04495)

Wien 10. Jänner 1912.

Hochverehrter Herr Hofrat!

Verzeihen Sie, daß ich mich mit Fragen an Sie wenden u. um gütige Beantwortung bitten möchte.

Als Dr. Pöch[1] 1906 von Neu-Guinea heimkam, teilte ich ihm gelegentlich mit, daß Herr Hofrat sich seinerzeit für Netzknüpfungen interessierten, und auch darüber Skizzen aus verschiedenen Gegenden anfertigen ließen. Vor einigen Tagen fragte er mich nun, wo Ihre Arbeit über diesen Gegenstand erschienen sei,[2] da er nun bei der Durcharbeitung |2| seiner Sammlung bei den Netzen stehe. Leider konnte ich ihm keine Auskunft geben, ob und wo Sie darüber schrieben. Ich erbitte mir daher, hochverehrter Herr Hofrat recht sehr eine gütige Auskunft. —

Nun liegt mir aber noch ein weiteres Anliegen am Herzen, das ich jedoch immer hoffte, persönlich vorbringen zu können; da ich schon lange vorhabe, meine liebe in Graz verheiratete Nichte,[3] wie auch Professor Siegers [sic][4] zu besuchen, bei welcher Gelegenheit ich auch bei Ihnen, hochverehrter Herr Hofrat meine Aufwartung machen wollte.

|3| Ich finde nämlich in den Aufzeichnungen meines leider so grausam früh dahingegangenen Gatten gar nichts über arabische Fischerei, obwohl er sich mehrmals in Aden, Schaich-Othman und Gischin damit beschäftigte. Und da sich Herr Hofrat gerade auch damals dafür interessierten, so erlaube ich mir die ergebenste Anfrage, ob er Ihnen nicht schriftlich einige Mitteilungen über Gerätschaften, Ausdrücke etc. machte.[5] Wäre dies der Falle gewesen, so würde ich Ihnen, hochverehrter Herr Hofrat, sehr dankbar sein, wenn Sie mir dieselben, nur für einige Tage, zur Abschrift senden würden, oder wenn es Ihnen besser er= |4| schiene, ließe ich dies durch meine Nichte in Graz erledigen. Ich muß Sie, hochverehrter Herr Hofrat nur bitten, mir ob meiner Belästigung nicht zu zürnen.

Einer gütigen Antwort entgegen sehend sendet hochachtungsvolle Empfehlungen in aufrichtiger Verehrung

Ihre

ergebenste

Marie Hein.



[1] Rudolf Pöch (1870-1921), Mediziner, Anthropologe, studierte an den Universitäten Wien und Zürich Medizin. Nach mehrjähriger Tätigkeit als Arzt wandte er sich ab 1900 an der Universität Berlin bei Felix von Luschan anthropologischen und ethnographischen Studien zu. Ab 1904 unternahm Pöch interdisziplinär angelegte Forschungsreisen mit einem Schwerpunkt auf physischer Anthropologie, die ihn von 1904 bis 1906 nach Neuguinea, in den Bismarck-Archipel und nach Australien sowie von 1907 bis 1909 in die Kalahari nach Südafrika führten und bei denen er jeweils die neuesten Technologien für Bild-, Film- und Tondokumentationen einsetzte. Seine anthropologischen, ethnographischen, zoologischen und botanischen Sammlungen gingen an das k.k. naturhistorische Hofmuseum, die Tonaufnahmen an das Phonogrammarchiv der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. 1913 erfolgte Pöchs Ernennung zum außerordentlichen Professor für Anthropologie und Ethnographie an der Universität Wien. Als früher Vertreter eines erbbiologischen Ansatzes führte er von 1915 bis 1918 anthropologische Untersuchungen in österreichisch-ungarischen und deutschen Kriegsgefangenenlagern durch. 1919 wurde Pöch zum ordentlichen Professor am neu gegründeten Institut für Anthropologie und Ethnographie ernannt, dessen Grundstock seine Sammlungen bildeten (vgl. Berner 2005: 170-171; Lechleitner 2000; Szilvássy/Spindler/Kritscher 1980; für eine kritische Analyse der Untersuchungen an Kriegsgefangenen und "rassenkundlicher" Forschungsintentionen siehe Lange 2013; Berner 2005). Rudolf Pöch war von 1907 bis zu seinem Tod 1921 Mitglied der AG (Sitzungsberichte 1907: [19]; Sitzungsberichte 1921: [15]), 1911 wurde er zum Ausschussrat gewählt (Sitzungsberichte 1911: [20]), 1917 zum ersten Sekretär (Sitzungsberichte 1917: [22]). Im Nachlass Schuchardts befindet sich eine Postkarte von Rudolf Pöch (B 08889), die bereits veröffentlicht wurde (Hurch 2014b).

[2] Eine umfangreichere Arbeit Schuchardts über "Netzknüpfungen" ist nicht erschienen, im November 1902 veröffentlichte er im Globus einen kurzen Beitrag über "Fischnetzknoten" (Schuchardt 1902).

[3] Hildegard(e) Kubart (21.7.1883-19.7.1972) wurde in Oberhollabrunn in Niederösterreich als Tochter von Wilhelm Heins Bruder Alois Raimund und dessen zweiter Frau Laura, geborene Lebert, geboren (Wiener Stadt- und Landesarchiv, Meldezettel Hildegarde Kubart). Sie heiratete 1910 Bruno Kubart und übersiedelte nach Graz. Nach ihrer Scheidung 1935 kehrte Kubart nach Wien zurück (Universitätsarchiv Graz, Personalakt Bruno Kubart), wo sie 1948 ein zweites Mal heiratete und 1972 verstarb (Taufbuch der Pfarre Hollabrunn, 01-20, 1870-1886, Bildnr. 02-Taufe_0333).

[4] Robert Sieger (1864-1926), Geograph, studierte von 1881 bis 1886 Geschichte, vergleichende Sprachwissenschaft und Geographie an der Universität Wien und promovierte 1886. 1894 wurde er als Privatdozent für Geographie an der Universität Wien zugelassen, daneben unterrichtete er an Mittelschulen. Sieger wurde 1898 zum außerordentlichen Professor für Wirtschaftsgeographie an der neu errichteten k.k. Exportakademie ernannt, 1903 zum außerordentlichen Professor für Geographie an der Universität Wien. 1905 erfolgte seine Berufung als ordentlicher Professor an die Universität Graz, wo er bis zu seinem Tod wirkte. 1925/26 war Sieger Rektor. Siegers Schwerpunkte waren die historische und physische Geographie, Anthropogeographie, Handels-, Wirtschafts- und Verkehrsgeographie, politische Geographie sowie Geopolitik (vgl. Gatscher-Riedl 2002; Oberhummer 1928). Sieger war ab Februar 1892 vermutlich bis zu seinem Tod Mitglied der AG (Sitzungsberichte 1892: [4]; Sitzungsberichte 1925: [20] [1926/27 erschienen keine Mitgliederlisten in den Sitzungsberichten]). Die Freundschaft mit Wilhelm Hein ist in Siegers Nachruf dokumentiert (vgl. Sieger 1906: XVI). Es ist zu vermuten, dass Sieger nach Wilhelms Tod mit Marie Hein weiterhin in freundschaftlicher Beziehung stand.

Mit Hugo Schuchardt stand Sieger in schriftlichem Kontakt, im Nachlass Schuchardts befindet sich die Korrespondenz aus den Jahren 1909 bis 1922, also aus dem Zeitraum nach Siegers Wechsel nach Graz (B 10545-B 10559). So wie Schuchardt war Sieger Mitglied im Verein für Heimatschutz in Steiermark, Schuchardt von 1910 (Verein für Heimatschutz in Steiermark 1911: 38) bis zu seinem Tod (Steiermärkisches Landesarchiv, Verein für Heimatschutz in Steiermark, Karton 55, Heft 187, Liste vom 31/X/1927: Nichtbezahlte Mitgliedsbeiträge). Sieger trat 1922 als lebenslängliches Mitglied bei (Steiermärkische Landesbibliothek, Signatur II 123.513 A, Verein für Heimatschutz in Steiermark, Jahresberichte 1924-1926, 10. Hauptversammlung am 14.7.1925 [Typoskript ohne Seitenangaben]). Im Nachlass Schuchardts befinden sich unter den Signaturen A 0326-A 0328 seine Mitgliedskarte des Vereins für Heimatschutz für das Jahr 1921 sowie eine Einladung zur österreichischen Bundestagung für Heimatschutz in Murau vom 8. bis 10. September 1922.

[5] Ein Konvolut von elf Blättern mit Zeichnungen und schematischen Darstellungen von Fischnetzknoten, Reusen und Flechttechniken befand sich über Jahre bei Schuchardt in Graz, siehe Fußnote 3 zum Brief Wilhelm Heins an Schuchardt mit der Lfd. Nr. 19-04522.