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Ansichtskarte (19-04522)

Aden, 31. Dezember 1901.

Hochverehrter Herr Hofrath!

Herzlichsten Dank für Ihre freundlichen Zeilen vom 14. d.M., die ich heute erhielt. Ich gehe hier bereits in arabischer Tracht, sogar baarfuß [sic], herum.[1] Sofort machte ich mich nach Erhalt Ihrer Karte auf den Weg zum Fischer-Kaffeehaus,[2] wo ich Netze u. dgl. in Augenschein nahm. Ich werde alles besorgen![3] Die Fäden werden mit der Hand auf dem nackten Schenkel gedreht! Nächstens, in etwa 14 Tagen, fahre ich mit meiner Frau nach Kischin, weiter als Makalla. Dort war im Jahr 1894 Dr. Hirsch.[4] Ich habe immer Ihrer [am rechten Kartenrand vertikal] gedacht und Ihren letzten Brief mitgenommen!

[Unterhalb der Abbildungen auf dem Kopf stehend] Mit den besten Empfehlungen von uns beiden Ihr stets

getreuer W. Hein



[1] Wilhelm und Marie Hein trugen während ihres Aufenthalts arabische Kleidung, Wilhelm betonte den Umstand, dass er als Araber unter Arabern lebt, in seinem Reisebericht an das Ministerium für Cultus und Unterricht vom 11. Juni 1902 (Archiv der Universität Wien, Dekanatsakten der Philosophischen Fakultät, Z. 2775/1902). Die von ihm verwendeten Kleidungsstücke gingen in die Sammlung ethnographischer Gegenstände aus Südarabien im k.k. naturhistorischen Hofmuseum ein. "70990-93 ist die arabische Tracht, welche Dr. Wilhelm Hein während der ganzen Zeit seines Aufenthaltes in Südarabien trug, und die er bei einem arabischen Schneider in der alten Araberstadt Aden kaufte." (Weltmuseum Wien, Sammlungsdokumentation, Inventarband 1902) Auch die Fotosammlung des Weltmuseums Wien dokumentiert diesen Umstand. In den beiden Konvoluten "51 Copien der von Dr. Wilhelm Hein in Südarabien (Aden, Schaich-Othman, Gischin) aufgenommenen Photographien, Winter 1901-1902" und "95 Kodakaufnahmen von Aden (Dr. W. Hein.)" befinden sich zehn Aufnahmen von Wilhelm (Inventarnummern 13.592-13.598, 13.657, 13.662, 13.694) und drei von Marie (13.599, 13.704, 13.705) in arabischer Kleidung (Weltmuseum Wien, Fotosammlung, Inventarbuch 1922).

[2] Das Konvolut der Kodakaufnahmen in der Fotosammlung des Weltmuseums Wien enthält ein Foto eines Kaffeehauses mit Laden (Inventarnummer 13.636), eventuell handelt es sich bei dieser Abbildung um das erwähnte Fischer-Kaffeehaus.

[3] Was genau Wilhelm Hein für Hugo Schuchardt besorgen sollte, lässt sich aufgrund des Fehlens der Gegenkorrespondenz nicht sicher eruieren. Im Nachlass Hein gibt es diverse Auflistungen der in Südarabien gesammelten bzw. angekauften ethnographischen Gegenstände: ein Verzeichnis der Sammlung ethnographischer Gegenstände (Signatur D 3 (II)),  ein Notizbuch mit 232 Nummern ethnographischer Gegenstände (Signatur D 13) und ein Notizbuch mit detaillierten Aufstellungen der täglichen Ausgaben (Signatur D 19), die auch die Objekterwerbungen dokumentieren. Alle angeführten Fischereigeräte wie Netze, Netzbeschwerer, Angeln und Reusen sowie zwei Spindeln lassen sich aber im Inventar des Weltmuseums Wien aufgrund der Beschreibungen samt Inventarnummern identifizieren (zwei Tragnetze für Fische 70.809, 70.810; ein Netzsenker 70.827; vier Fischnetze 70.888-70.891; eine Fischangel 70.892; zehn Stück Angelhaken 70.893; vier Angelschnüre 70.894-70.897; vier Fischreusen 70.898-70.901; zwei Spindeln 70.838, 70.908) (Weltmuseum Wien, Sammlungsdokumentation, Inventarbuch 1902). Möglicherweise lautete der Auftrag aber auch, Fischnetzknoten, Reusen und Flechttechniken zeichnerisch zu dokumentieren, ein entsprechendes Konvolut von elf Blättern mit Zeichnungen und schematischen Darstellungen befand sich über Jahre bei Schuchardt in Graz, und die Verhandlungen über die Rückgabe desselben an Marie Hein spielt in deren Briefen eine prominente Rolle (siehe Lfd. Nr. 26, 28, 30-32). Das Kuvert mit den Zeichnungen lagert heute mit der Signatur D ? [tatsächliche Bezeichnung lt. Findbuch] im Nachlass Hein, die Aufschrift am Kuvert "Zeichnungen von W. Hein (Netze) (Netze u. Knoten)" stammt eindeutig von Schuchardts Hand.

[4] Leo Hirsch (geb. 1866) studierte an der Philosophischen Fakultät der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin und promovierte 1888 (Pfullmann 2001: 252). Von November 1892 bis September 1893 unternahm er eine Forschungsreise nach Südarabien, ins Mahraland und ins Hadramaut (Hạdrạmawt) (Sturm 2007: 40). Sein Reisebericht (Hirsch 1897) diente Marie und Wilhelm Hein als wertvolle Quelle bei der Vorbereitung ihrer eigenen Expedition. Mit der Angabe "im Jahr 1894" hat sich Wilhelm Hein geirrt.