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Brief (30-06696)

Wien 19/1 Gatterburgg. 6

31 III 1912

 

Verehrter Freund,

Nein, ich bin nicht fort; so habe ich Deinen Brief schon gestern empfangen. Ich werde auch bis einschliesslich Donnerstag hier sein, um mich dann auf eine Woche etwa nach Baden zu begeben, wo ich viel mit M.-L.s zusammen sein werde, also reichlich Gelegenheit habe, Deinen Wunsch auszuführen.

Nun vor Allem eines: Deine Deutung der Karte M.-L.‘s – die Unterlassung der Gratulation zu betonen – ist gewiss irrig. Eine solche raffinierte Bosheit liegt M.-L. ǀ2ǀ gewiss ferne. Ich verkehre ziemlich viel mit ihm und glaube ihn einigermassen zu kennen. Warum er nicht gratuliert hat, weiss ich nicht. Aber gewöhnlich handelt es sich in solchen Fällen darum, dass man auf ein gewisses Datum aufmerksam gemacht wird von irgend einer Seite, sonst kann die Gratulation auch bei wärmster Gesinnung rein zufällig unterbleiben. Ich selbst hätte den Tag versäumt, wenn ich nicht durch Sieger[1] einen Wink erhalten hätte.

Dass bei M.-L. in Folge der Ettmayeraffaire eine gewisse Verstimmung zurückgeblieben ist, ist richtig. Sie richtet sich in erster Linie ǀ3ǀ gegen Cornu, in gewissem Grade auch gegen Dich. Ich bin gern bereit, Deine Darstellung des Vorganges ihm zu übermitteln, möchte mir aber genauere Weisungen erbitten, wie ich dies tun soll. Eine mündliche Nacherzählung Deiner Mitteilungen wird, fürchte ich, die Feinheiten, auf die es ankommt, nicht in’s richtige Licht rücken. Darf und soll ich die betreffenden Briefstellen einfach M.L. vorlesen? Und darf ich im Bedarfsfall (d. h. wenn man mich direkt fragt) zugeben, dass es Dein Wunsch ist, M.L. von Deinen Mitteilungen in Kenntniss zu setzen?

Gegenüber dem was mir in Graz und hier (durch M.L.) über Dein Verhalten ǀ4ǀ bekannt geworden ist, tritt mir als neu vor allem entgegen, dass Du betont hast, Du zögest aus den von Cornu so sehr hervorgehobenen Mängeln der Schrift E.‘s nicht so weitgehende Folgerungen. Das ist gewiss ein wichtiger Punkt, und ich werde ihn gehörig betonen. Aber – offen gestanden: ich glaube doch nicht, dass diese Berichtigung starken Eindruck machen wird. Quelle ist, nebenbei, nicht bloss Meringer. Mir selbst wurde von Pogatscher sowol wie Schönbach[2] mitgeteilt, Du seiest derselben Meinung wie Cornu: von irgend einer Einschränkung war keine Rede! Ich führe ǀ5ǀ das an, ohne Anklagen erheben zu wollen, bloss zu dem Zweck um darzutun, wie Dein Verhalten von Neutralen und Dir Befreundeten aufgefasst wurde.

Doch nun genug! Bitte, sei so gut, mir die erbetenen Weisungen zukommen zu lassen, und ich werde sehr gern Deinem Wunsch nachkommen.

Mit den herzlichsten Grüssen

Dein ergebener

K. Luick



[1] Robert Sieger (1864-1926), Geograph, seit 1898 Professor in Wien, 1905 Ordinarius. Schuchardt stand mit ihm in regem Briefwechsel.

[2] Zu Pogatscher vgl. Lfd.Nr. 23-06691; zu Schönbach vgl. Lfd.Nr. 03-06674.