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Brief (16-02692)

Lieber Herr College!

Ich habe mit aufrichtigem Bedauern vernommen, daß Sie noch immer nicht wieder ganz hergestellt sind und deshalb in ein Bad haben reisen müssen, ja daß Sie Ihrer Gesundheit wegen das benachbarte Halle aufgeben und einem Rufe nach Graz folgen wollen. Allerdings soll Graz nicht bloß eine wunderschöne, sondern auch sehr gesunde Lage haben. Und von Halle kann man am wenigsten das letzere sagen.

Indem ich rücksichtlich meines der Deutschen Rundschau versprochenen Aufsatzes an Rodenberg schrieb[1], bin ich Ihrem Wunsche nachgekommen und habe ihn gefragt, ob Einsendungen von Ihnen I2I trotz des Artikels in der Allgemeinen, ihm willkommen wären. Er antwortet mir, wie ich erwartete, daß Beiträge von Ihnen ganz besonders lieb ihm sein würden, daß er den Artikel in der Allgemeinen gar nicht gelesen u. daß er wahrlich „nicht empfindlich gegen Tadel sei, der von einem Mann seiner (d.h. Ihrer) wissenschaftlicher Bedeutung kommt“.

Ich theile dies Ihnen um so eher jetzt schon mit, als Sie vielleicht gerade in dem Bad, wenn es Ihnen bekommt, Muße zu einer Arbeit für die Rundschau finden. Freilich vor dem Spätherbst oder Winter möchte ein größerer Artikel von Ihnen nicht leicht Aufnahme finden, da auch meine Arbeit erst im October gedruckt werden kann.

Daß auch Leskien[2] einen Ruf nach Graz bekommen, wird Ihnen wohl bekannt sein; wir halten ihn aber hier fest, indem er, was schon lange beabsichtigt war, Ordinarius werden wird.

Wenn Sie mich einmal mit einem I3I Brief wieder erfreuen, so bitte ich im Namen meines neuen Specialcollegen Dr Settegast mir für ihn mittheilen zu wollen, ob u. was über Molière[3] in der neuesten Zeit, also etwa in den letzten 2 Jahren, Bedeutendes erschienen ist, das Settegast in seiner Vorlesung über Mo., die er im nächsten Semester halten will, zu berücksichtigen hätte.

Mit den besten Wünschen für baldige Wiederherstellung Ihrer Gesundheit

Ihr

ganz ergebener

A. Ebert



[1] Vgl. Lfd.Nr. 15-02691.

[2] August Leskien (1840-1916), Slavist und Indogermanist, wurde nach Grazer Rufablehnung Leipziger Ordinarius.

[3] Settegast las im WS 1876/77 als 2std. Privatissime „Einleitung in das Studium Molière's, nebst Erklärung des ,Avare‘". Warum er von Schuchardt Auskunft über neuere Molière-Literatur haben wollte, ist nicht ersichtlich.