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Brief (15-02691)

Lieber Herr College!

Ich beantworte Ihre freundlichen Zeilen sogleich umgehend; ich bin nämlich im Begriff an Knust[1] zu schreiben, u. wenn Sie ihm etwas mitzutheilen haben, könnte ich es besorgen: Knust war bisher in London und seine Adresse: 26 Bedford Place Russell Square W.C., aber er schrieb mir daß er in diesem Monat nach Paris gehen wollte, u. es ist leicht möglich, daß er dahin schon abgereist ist. Ich werde meinen Brief, den ich ihm schuldig bin, schon seit 4 Wochen, nach London senden. Wollen Sie diese Gelegenheit benutzen, so bitte ich mir umgehend die für Knust bestimmte Nachricht zu geben.

Ich habe es bedauert, Sie so lange nicht gesehen zu haben. Kommen Sie einmal wieder nach Leipzig, so hoffe ich daß Sie mich besuchen; für den Fall eines bloßen Theaterbesuchs bemerke ich daß ich während der Ferien in der Regel Montags u. Donnerstags 5 bis 6 Uhr in der Theaterrestauration zu finden sein werde, wo ich mit einigen Bekannten als Voigt, Kraft, Masius, Brockhaus u. Wundt[2] mich treffe. Der letztgenannte ist ein neuer College, eine liebenswürdige Persönlichkeit.

Ich denke endlich diese Ferien den schon lange für die Rundschau beabsichtigten Aufsatz über die Literatur der Zeit Karls des Großen schreiben zu können[3]; wenn ich ihn Rodenberg[4] I2I sende, will ich Ihrer gedenken. Schade daß Sie Ihre keltischen Briefe nicht der Deutschen Rundschau gegeben, wenn auch die Note über Rodenberg weggeblieben.[5] In einem solchen Journal, das sich die Abonnenten binden lassen, sind doch solche Artikel besser für die Zukunft untergebracht; u. man befindet sich ja da in der ansehnlichsten Gesellschaft. Ihre kelt. Br. haben mich – u. alle Welt hier, wie Curtius, Voigt pp. – nicht bloß sehr amüsiert, sondern auch ernstlich interessirt; könnten Sie, junger Barde, doch einmal über Ihre alten Vorgänger Studien anstellen! Wie wichtig wäre eine kritische Geschichte der keltischen Literatur, oder auch schon einzelner Zweige derselben, wie der Lyrik, oder des Märchens. Auf diesem Felde wären noch die wichtigsten Eroberungen zu machen. Die Kelten sind nur indirect von universeller literar.histor. Bedeutung; aber je mehr ich in meinen Studien fortschreite finde ich daß diese Bedeutung gar keine geringe ist; u. weil eine indirecte, ist sie um so schwieriger zu constatiren. Wie viel haben die gelehrten Scoten gewirkt, u. in welchen Scharen sind sie in der Zeit der Carolinger als Lehrer auf den Continent gekommen. Ich fand darüber einzelnes Interessante beim Studium der Gedichte des Sedulius Scotus[6]. Sie sehen, ich schreite, wenn auch gar langsam, in der Fortsetzung meines Buches, oder zunächst der Vorstudien für den 2. Band desselben fort[7]. Während des Semesters nehmen leider die Vorlesungen oft zu viel Zeit weg, so diesen Winter die Geschichte der franz. Lit. des Mittelalters, doch hatte ich eine Entschädigung in der großen Aufmerksamkeit meiner Zuhörer; auch war das Colleg sehr besucht, 36, von denen auch 20 fast nie versäumten.

Es wird Sie interessieren zu hören, daß eine recht bedeutende I3I Arbeit über den Rumänischen (Walachischen) Vocalismus zunächst als Dissertation hier – später wohl als Buch – von einem Rumänen verf. erscheinen wird. Freilich an Schrullen, namentlich nationalen, u. Irrthümern fehlt es darin nicht; aber es ist bei alledem eine sehr tüchtige Arbeit. Der Prof. studirte dies Semester hier u. macht in den Ferien das mündliche Examen.[8]

Daß sich Dr Settegast[9], der früher auch mein Zuhörer war, hier habilitiert, ist mir sehr angenehm. Er scheint mir recht talentvoll zu sein. – So eben besuchte mich ein Dr Trautmann um mir auch seine Habilitation für Angelsächs. u. Englisch anzukündigen.[10] – Vielleicht habilitiert sich auch noch für Französisch Dr Le Coultre[11], ein Genfer, der auch hier studirte. Die Habilitationen, sehen Sie, stehn bei uns in voller Blüte. – Haben Sie kein größeres Werk in Aussicht genommen?

Wenn Sie mir wieder schreiben, bitte ich Sie mir Ihre Wohnung mittheilen zu wollen, u. ob Sie die Ferien in Halle bleiben; vielleicht komme ich nämlich einmal herüber.

Besten Dank für Ihren Antheil an meiner Familie, die sich unberufen wohl befindet. Hoffentlich sind Sie selbst bald wieder hergestellt.

Mit besten Grüßen

ganz der Ihrige

A.Ebert.



[1] Hermann (Gérman) Knust (1821 Bremen – 1889 Bremen), Anfang der 40er Jahre Studium in Leipzig; ab 1861 längere Spanienaufenthalte; stiftete aufgrund seines Testaments vom 26.6.1887 seinen NL der Universität Leipzig (Vorlesungsmitschriften, Abschriften aus Manuskripten, Vorarbeiten zu seinen Publikationen, Druckfahnen, Korrespondenz mit Ludwig Lemcke, Adelbert von Keller, Ludwig Wilhelm Holland, Gustav Gröber und Adolf Tobler). Knust war Mitarb. des Jb. f. roman. u. engl. Lit., 1867-69.

[2] Georg Voigt (1827-1891), Historiker; Kraft (nicht identifiziert); Hermann Masius (1818-1893), Pädagogikprofessor; Hermann Brockhaus (1806-1877), Indologe; Wilhelm Wundt (1832-1920), Philosophieprofessor.

[3] Adolf Ebert, „Die literarische Bewegung zur Zeit Karl’s des Grossen“, Deutsche Rundschau 11, 1877, 40-408.

[4] Julius Rodenberg (1831-1914), Schriftsteller und Journalist; vgl. Heinrich Spiero, Julius Rodenberg, sein Leben und seine Werke, Berlin 1921; Wilmont Haacke, Julius Rodenberg und die Deutsche Rundschau, Heidelberg 1950.

[5] Romanisches und Keltisches. Gesammelte Aufsätze. Berlin 1886, 320 (Kritik an Rodenbergs Buch Ein Herbst in Wales. Land und Leute, Märchen und Lieder, Hannover 1858); vgl. im einzelnen Bernhard Maier / Stefan Zimmer (Hrsg.), 150 Jahre Mabinogion – deutsch-walisische Kulturbeziehungen,Tübingen 2001, bes. 257.

[6] Sedulius Scotus (848-860 nachweisbar), irischer Gelehrter und Dichter.

[7] Vgl. Lfd.Nr. 18-02694.

[8] Nicht nachgewiesen; sollte es sich um Alexiu Vicius handeln, Vf. von Incercari in vocalismul limbei romane, Blaj 1893 ?

[9] Franz Gustav Settegast (1852-1932), Leipziger Habilitation 1876, ein Jahr später nach Zürich berufen.

[10] Moritz Trautmann (1842-1920), Leipziger anglistischer Privatdozent 1876-80, danach Ordinarius in Bonn.

[11] Jules Le Coultre (1849-1925), in Leipzig promoviert, jedoch nicht habilitiert; er unterrichtete eine Zeitlang am Vizthumschen Gymn. in Dresden, danach in Neapel und Neuchâtel, wo er von 1883-1924 einen Lehrstuhl für die Geschichte der französischen Sprache und Literatur bekleidete.