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Brief (10-02686)

Lieber Herr College!

Ich hatte selbst die Absicht, einmal etwas über die Terzine Dante’s, etwa im Dante-Jahrbuch, zu sagen. Vielleicht machen Sie dies nun überflüssig[1], nur bitte ich bei den nächsten paar Bemerkungen, die soviel ich weiß Beobachtungen enthalten, die ich zuerst machte, mich nennen zu wollen. Die eine finden Sie in meinem unter der Presse befindlichen Buche[2] p. 256 – ich füge einen alten Correcturbogen hier bei – : daß nämlich 3zeilige Strophen von phalaic. hendecasyll. von Prudentius mit Bezug auf die 3Zahl, speciell die Trinität angewandt sind; dann aber kann der Tetrameter trochaic., der oft in 3zeil. Strophen erscheint und dann später auch in der volksmäßig christl. latein. Prosa, die rhythmisch bereits statt metrisch wird, vorkommt, influirt haben. So findet sich der Tetram. troch. bei Prudenz Cathem.9, Peristeph. I (s. bei mir p. 252); bei Fortunat Pange lingua etc., und bei Mone, Latein. Hymnen I, p. 438 (s. Anmerk. 439) [3]; hier ist überall noch der Vers ganz metrisch; dagegen ganz I2I ins bloß Rhythmische und übergehend in den wahrscheinlich in Frankreich zur Zeit Fredegars geschriebenen Versus de Asia etc. in Pertz Aufsatz in den Philol.-histor. Abhandlungen der Berliner Akademie v. J. 1845 p. 264ff. –

Wie rasch der Tetram. troch. – von der 3zeiligen Strophenbildung abgesehn – volkstümlich wurde bei den Christen zeigt der Hymnus (richtiger Psalm) alphabet. des Augustin, s. auf beifolgendem Bogen p. 242.

Meine Meinung ist also, daß die 3Zeiligkeit der Strophe der göttl. Comödie mit Rücksicht auf die Trinität im Hinblick auf die christl.-lat. Dichtung vom Dichter gewählt ist. Mit dem Ritornell hat diese dreizeil. Strophe meines Erachtens gar nichts zu thun. Auch nicht in Betracht der Reimverkettung. Vielmehr glaube ich daß da die Reimverschlingung der Terzetten des Sonetts influirt hat. S. z. b. in Nannucci p. 43 Vedut’ho u. 44 Gentil donzella, Sonette von Guinicelli, u. sogar oft. Das lag doch viel viel näher als der Ritornell.

Ich beschäftige mich gerade mit den rhythmischen latein. Gedichten der Angelsachsen u. Iren. Ich hoffe im 2. Bde. meines Werkes eine Entwicklungsgeschichte der modernen Verskunst geben zu können, indem ich da die im ersten Bd. gefundenen Resultate verwerthe.

I3I Ob der ital. Elfsilbler mit dem Hendecasyll. zusammen hänge?

Ich glaube nicht daß die Heiligen – von der Jungfrau abgesehn – mit Blumennamen genannt wurden; in der älteren christl. Poesie ist es wenigstens nicht der Fall. Was die spätere mittelalterl. seit dem 9. Jahrh. angeht, so kenne ich sie noch nicht so genau. Sehn Sie doch den 2 u. 3. Bd. von Mone nach. Auch in den Anmerkungen können Sie da manches Gute finden.

Darf ich nun auch mit einer Bitte kommen? Wollen Sie wohl, wenn Sie wieder auf Ihre Bibliothek gehen – es hat 8 bis 10 Tage Zeit! – so gut sein u. nachfragen, ob ich das auf beiligendem Zettel notirte Buch erhalten kann? Sie selbst brauchen sich aber nicht mit der Sendung zu bemühen, die kann von Bibliotheks wegen erfolgen.

Ich habe im Augenblick sehr viel zu thun, ich hätte sonst früher u. besser geschrieben. Ich hoffe doch einmal Sie in Halle zu besuchen.

Mit besten Grüßen

ganz der Ihrige

A.Ebert



[1] Schuchardt, Ritornell und Terzine. Begrüßungsschrift der Universität Halle-Wittenberg zum sechszigjährigen Doctorjubiläum des Herrn Prof. Dr. Karl Witte, Halle 1874, 1-174. Vermutlich hat Schuchardt Ebert das Ms. dieser  immerhin 151 Druckseiten umfassendn Abhandlung vor der Drucklegung vorgelegt.

[2] Ebert, Geschichte der christlich-lateinischen Literatur von ihren Anfängen bis zum Zeitalter Karls des Großen, Leipzig 1874; Schuchardt nimmt auf S. 125 Bezug auf Ebert.

[3] Franz Mone, Lateinische Hymnen des Mittelalers, Freiburg i.Br. 1853.