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Brief (08-02684)

Lieber Herr College!

Anbei sende ich mit bestem Danke die beiden Bücher zurück; indem ich Ihnen noch besonders für die Freundlichkeit verpflichtet bin, daß Sie dieselben mir so bald sandten.

Ich hoffe bald einmal von Ihnen zu hören, wie es ihnen in Halle gefällt und welche Erfolge Sie hatten. Wir haben dies Semester wieder ein paar hundert Studenten mehr, so daß die 3000 wohl mit Einrechnung der Nichtimmatriculirten I2I voll werden. Ich habe auch diesmal ziemlich viel Zuhörer.

Bernays ist abgegangen, da er sich nicht einmal die Mühe gegeben, seine Berufung der Facultät oder dem Ministerium anzuzeigen[1]. Es war sehr unklug von ihm; denn er wäre gewiß hier auch Extraordinarius geworden, u. hätte hier viel mehr Zuhörer als in München gehabt u. von weit besserer Qualität, was ebenso sehr ins Gewicht fällt. Andrerseits fehlt es auch nicht an Zuwachs der Lehrkräfte. So hat jetzt Dove[2], der Redacteur vom Neuen Reich seine Habilitationsschrift eingereicht und Dr Wülker[3] liest mit gutem Erfolg. I3I Ich wüßte sonst nichts Neues von hiesiger Universität zu berichten.

Mit besten Grüßen

Ganz der Ihrige

A. Ebert.

 

P.S. Doch noch eins! Vor ein paar Wochen war Liebrecht[4] hier, welcher große Lust bezeigt, ganz nach Leipzig überzusiedeln. Ich habe ein paar interessante Stunden mit ihm verlebt. Er will seine Abhandlungen u. Recensionen gesammelt demnächst herausgeben.



[1] Bernays (vgl.Lfd.Nr.  07-02683) hatte 1873 in München ein Extraordinariat für deutsche Literaturgeschicte angenommen.

[2] Alfred Dove (1844-1916), Historiker, ging 1870 von Berlin nach Leipzig und arbeitete dort für die Zeitschriften Die Grenzboten und Im neuen Reich. Bereits im Jahr 1874 wurde er nach Breslau berufen.

[3] Richard Wülcker (1845-1910), Anglist; 1872 promoviert, konnte er sich bereits 1873 mit der Arbeit Übersicht über die neuangelsächsischen Sprachdenkmäler nebst einer Abhandlung über die Sprache und den Verfasser der Nonnenregel Ancrene Riwle und der Homilie Holi Meidenhad habilitieren.

[4] Vermutlich ist der Volkskundler Felix Liebrecht (1812-1890) gemeint, der seit 1849 in Lüttich lebte.