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Brief (04-02681)

Sehr geehrter Herr Doctor!

Ich weiß nicht, ob Sie schon den Artikel über das neue von G. Paris u. P. Meyer gegründete Journal „Romania“ in der Sonntagsbeilage der Augsb. Allgemeinen gelesen haben.[1] Dieser Artikel ist nach dem Eindruck, den er nicht bloß auf mich, sondern auch auf Collegen von mir, wie Prof. Voigt[2], gemacht hat, eine Reclame auf Kosten der deutschen Wissenschaft u. speciell des Jahrbuchs, eine Reclame, von der es ein Scandal ist, sie in einem deutschen Blatte zu lesen. Es wird fast unverblümt ausgesprochen, daß nunmehr das Centralorgan unserer Wissenschaft, welches bis jetzt das Jahrbuch[3] gewesen, in das neue französ. Blatt verlegt worden sei. Der Correspondent scheint von dem Jahrbuch sehr wenig zu wissen, so namentlich nicht daß G. Paris u. P. Meyer dort ihre ersten wissenschaftlichen Sporen sozusagen erwarben, u. daß sie noch bis in die neuste Zeit mitarbeiteten, daß die Verschiedenheit der Sprachen I2I gar nicht in Betracht kam, da ja eine so große Zahl Aufsätze in französ. Sprache geliefert sind, auch daß nicht Ferd. Wolf[4], sondern ich selbst der Gründer des Jahrb. war. Alles das verdiente richtig gestellt zu werden. Wenn Sie nun dieselbe Ansicht von jenem Artikel hegen, so würden Sie der deutschen Wissensch. u. dem Jahrb., so wie mir persönlich einen Dienst leisten können, wenn Sie eine kurze Replik dazu schreiben wollten, was bei Ihrer Verbindung mit der Allgemeinen Ihnen viel leichter als manchem Andern fallen kann. Das neue Unternehmen ist ja nur mit Freude zu begrüßen; aber es soll dies doch nicht auf Kosten von Deutschland geschehn, u. wir Deutsche gedenken trotz alledem an der Spitze unsrer roman. Wissenschaft zu bleiben. Der Artikel ist auch gewiß nicht im Sinne von G. Paris wenigstens.[5] Es ist auch möglich daß sein Verf. es nicht so schlimm gemeint hat, aber es kommt so heraus. Eine kurze Richtigstellung ist aber um so erwünschter, als bei einer Differenz+) [am Rand +) unter uns!] die zwischen Lemcke u. Brockhaus[6] schon länger eingetreten, der Artikel nachtheilig wirken kann, u. es wäre weiß Gott ein wahres Ärgerniß, wenn das Jahrb. in derselben Zeit einginge, wo die Romania ins Leben zu treten anfängt, und nun in der That zur Wahrheit würde, was der Correspondent I3I unverständiger Weise schon jetzt behauptet.

Hätten Sie gerade einen andern Artikel für die Allgemeine fertig u. könnten die Replik daranhängen, so wäre dies auch gut; nur darf wegen des zuletzt von mir bemerkten, die Veröffentlichung nicht zu lange auf sich warten lassen.

Sollten Sie den Artikel der Allgemeinen dort nicht erhalten können, so kann ich Ihnen das Blatt schicken. Wenn Sie aber aus irgend welchem Grunde es ablehnen müßten, auf meine Bitte einzugehn, so haben Sie die Güte mich zu unterrichten; ich würde dann versuchen einen Andern dafür zu interessieren.[7]

Es freut mich, daß Sie – wie ich aus einer Correctur unseres Lectionsverzeichnisses ersehe – für nächstes Semester angezeigt haben, u. die von mir Ihnen vorgeschlagene Vorlesung. Ich hoffe daß Ihre Gesundheit sich noch ferner gestärkt habe, und Sie bald zu uns zurückkehren werden. Haben Sie schon gehört, daß Prof. Dr. Windisch[8], den Sie ja wohl persönlich kennen, sich mit Frl. Roscher verlobt hat? und Prof. Meyer[9] mit Frl. Weigel? Das letztere Paar wird wohl Ostern heirathen.

Mit den besten Grüßen

Ihr freundschaftlich ergebner

A.Ebert.



[1] Der nicht genannte Verfasser dieses Artikels (Ausg. vom 18.2.1872, S. 734-735) scheint den Inhalt des Prospekts der Romania (s.u.) ausgeschrieben zu haben.

[2] Vgl. Lfd.Nr.  01-02678.

[3] Das Jahrbuch für Romanische und Englische Literatur war 1859 von Ebert und Wolf begründet worden und wurde ab 1865 von Ludwig Lemcke herausgeben. Bis 1871 erschienen 12 Bände, dann stockte das Erscheinen und wurde mit neuer Zählung von Lemcke von 1874-76 noch einmal fortgesetzt.

[4] Ferdinand Wolf (1796-1866), österreichischer Romanist, Skriptor an der Kaiserlichen Hofbibliothek.

[5] Vgl. den „Prospectus“ der Romania von 1871: „Un mot encore. La Romania n’est pas le premier recueil qu’on ait consacré à ces études. Depuis douze ans, le Jahrbuch für romanische und englische Literatur, fondé par Wolf, dirigé successivement par MM. Ebert et Lemcke, travaille à la même œuvre que nous; il a rendu, rend et rendra encore les plus grands services à la science. Mais d’une part, bien que les articles écrits dans les différentes langues romanes y soient admis, c’est l’allemand, naturellement, qui domine dans ce recueil, et ce fait a beaucoup nui à sa diffusion dans les pays romans; d’autre part, nous l’avouerons, il nous a semblé que le centre des études romanes devait être en France plutôt qu’en Allemagne, et nous avons cru, en voyant l’activité qui s’éveille depuis quelque temps dans ce domaine, que les deux journaux pouvaient vivre l’un à côté de l’autre. Nous espérons qu’il en sera ainsi, et que la concurrence – toute scientifique – entre le recueil de Paris et celui de Leipzig tournera uniquement à l’avantage du public“. Man muss diese Aussage natürlich auch im Licht des für Frankreich mit einer Niederlage endenden Deutsch-französischen Kriegs lesen!

[6] Es gab einen Verlagswechsel, denn ab 1874 wurde das Jahrbuch bei B.G. Teubner verlegt.

[7] Vgl. Lfd.Nr. 05-02682: demnach scheint Schuchardt im Sinne Eberts geschrieben zu haben, doch wurde seine Replik nicht abgedruckt.

[8] Ernst Windisch (1844-1918), Prof. f. Vgl. Sprachwissenschaft u. Sanskrit; 1873 verh. mit Bertha Roscher, Tochter von Wilhelm Roscher, seit 1848 Ordinarius für Geschichte und Staatswissenschaften in Leipzig.

[9] Gemeint ist der Mathematiker Adolph Mayer (1839-1908), der 1872 Margarete Weigel, Tocher des Verlegers Oswald Weigel, heiratete.