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Brief (03-02680)

Sehr geehrter Herr Doctor!

Mit aufrichtigem Bedauern erfahre ich aus Ihrem freundlichen Schreiben, daß Sie noch immer nicht wieder ganz hergestellt sind.[1] Alle Nervenleiden heilen aber nur sehr langsam; ich weiß das auch aus früherer Erfahrung. Eins der besten Hülfsmittel bei ihrer Bekämpfung ist aber eine regelmäßige bestimmte Thätigkeit, zu der man genöthigt ist. Aus diesem Grunde schon würde ich Ihnen sehr rathen, wenn irgend möglich nächstes Semester wieder zu lesen; vielleicht geht es leichter damit als Sie denken. Lesen Sie nur ein Publikum[2]. Sie haben dann doch immer Ihre akademische Thätigkeit wieder aufgenommen. Ich würde zugleich eine Vorlesung nehmen, deren Vortrag keine Schwierigkeit I2I bietet. Italienische Grammatik mit Leseübungen verbunden würde sich dazu wohl empfehlen. Da ich nächstes Semester Geschichte der italienischen Literatur wieder lese, so wäre die Wahl jener Vorlesung Ihrerseits vielleicht um so empfehlenswerther. Sie haben Sie schon einmal gehalten, also mit der Vorbereitung weniger zu thun; beim Vortrag der Grammatik kann man auch leichter Pausen machen, zumal wenn man die Tafel zu Hülfe nimmt. – Wenn Ihr Arzt sich nicht dagegen erklärt, so würde ich an Ihrer Stelle unbedingt die Vorlesung anzeigen und auch halten, selbst auf die Gefahr hin, daß Sie das eine oder andre Mal ein Colleg früher aufhören, oder einmal eine Stunde aussetzen müßten.

Sie können außerdem ja hier auch Ihrer Gesundheit leben. Wenn viel Bewegung in freier Luft Ihnen vortheilhaft ist, so ziehen Sie doch nach Gohlis, wo Sie einen ruhigen Aufenthalt in guter Luft haben[3], und zugleich genöthigt sind einen längeren Spaziergang vor und nach Ihrer Vorlesung zu machen. In dem was Sie über den Werth bloßer Textpublicationen sagen, stimme ich Ihnen vollkommen bei. I3I Solche wissenschaftliche Leistungen sind selbst an u. für sich untergeordneter Art; auch nichts weniger als eine Hexerei ist die Textkritik. Wer sich selbst einmal damit versucht hat, ist überrascht davon, wie wenig dazu gehört. Es würden sie auch sonst nicht so Viele, und die meisten ganz handwerksmäßig, betreiben.

Daß Sie zunächst bloß Abhandlungen schreiben, kann ich keine Zersplitterung nennen. Ich finde es natürlich und nothwendig. Es sind zu viele Einzelfragen in unserer Wissenschaft noch zu lösen, und im Beginn der wissenschaftlichen Laufbahn hat man für sich selbst noch zu viel Vorarbeiten zu machen. Dies wird auch kein Hinderniß für Ihre Carrière sein, zumal Sie ja gerade mit einem mehrbändigen Werke debütirten. Auf Ihren Aufsatz in Kuhns Zeitschrift[4] bin ich recht begierig; ich habe das Heft im Lesecirkel noch nicht erhalten.

Was ich Ihnen rathen möchte, ist Sich specieller mit der altfranzös. Sprache u. Literatur zu beschäftigen: es ist dies ein Feld auf dem noch soviel zu ernten ist, und Arbeiten auf diesem Gebiet würden neben Ihren andren bei einer Berufung gewiß sehr ins Gewicht fallen. – Überhaupt aber brauchten I4I Sie, sollte ich meinen, in Betreff Ihrer Zukunft, nicht besorgt zu sein. Der Anfang Ihrer akadem. Thätigkeit war ein so guter, daß sie dieselbe nur fortzusetzen brauchen, und es kann Ihnen gewiß nicht fehlen, mindestens hier in einiger Zeit Extraordinar. zu werden.

In der Hoffnung, daß Sie mir bald einmal wieder von sich Nachricht geben, bin ich mit allem Antheil

Ihr

hochachtungsvoll ergebener

A. Ebert



[1] Schuchardt hatte häufig Gesundheitsprobleme, vgl. z.B. seinen Brief an G.I. Ascoli vom 20.1.1872 aus Ilmenau, wo er kurte: „Dopo cinque mesi di bagni freddi e di aria di selva i miei nervi vanno un po‘ meglio e ho ricominciato a studiare benchè pian piano“ (HSA, Lfd.Nr. 012-B37-73). Es dürfte sich um eine nervöse Überanstrengung gehalten haben, die ihn immer wieder behinderte.

[2] Collegium publicum (öffentliche Lehrveranstaltung, zu der jedermann Zutritt hatte), im Unterschied zum Collegium privatum, Seminaren u.a. Veranstaltungen, zu denen der Student vom Dozenten persönlich zugelassen werden musste. Das Leipziger Vorlesungsverzeichnis für das SS 1872 vermerkt unter Schuchardts Namen: „Italienische Grammatik nebst Leseübungen, 3 T. in zu best. St. unentgeltlich“. Im WS 1872/3 hielt er „Spanische Grammatik mit Leseübungen, in 3 zu best. St.“ und „Ariosto, in 1 zu best. St. unentgeltlich“.

[3] Schuchardt scheint diesen Rat beherzigt zu haben, denn er logierte eine Zeitlang in Gohlis, Lange Straße 28.

[4] „Albanisches und Romanisches“, Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung auf dem Gebiete des Deutschen, Griechischen und Lateinischen (Kuhns Zeitschrift) 20, 1872, 241–302.