Brief (01-02678)

Sehr geehrter Herr Doctor,

Sehr gern beantwort‘ ich Ihre weiteren Anfragen. Der für die Habilitationsschrift erwählte Gegenstand[1] scheint mir sehr dazu geeignet, zumal bei der Art wie Sie ihn ausführen wollen. Sie fürchten nur, es werde eher ein Buch als eine Schrift werden. Das wäre allerdings unpraktisch, denn Sie müssen eine größere Zahl Expl. an die Universität geben; wie viel weiß ich nicht, aber jeder Professor der Facultät erhält  doch ein solches. Dann würde es auch der Verbreitung der Arbeit schaden. Durch eine strenge Auswahl des Materials, durch eine ökonomische Composition u. eine recht concise Fassung läßt sich auch ein größerer Gegenstand auf kleinem Raum behandeln, und stets zu seinem Vortheil. Verzeihen Sie diese Expectoration; es ist dies aber ein Lieblingsthema von mir; ich halte es fast für eine Lebensfrage der Wissenschaft, je weiter sie sich ausbreitet, daß unsere Bücher wieder anfangen dünner zu werden. Auf welches kleine Excerpt schwindet oft ein dicker Band zusammen!

Was das Colloquium angeht, so werden die 3 Professoren von der Facultät bestimmt, aber mit Rücksicht auf die bestimmte wissenschaftliche Richtung des Candidaten. Ich würde selbstverständlich dazu gehören, und auf meine Stimme würde auch das Meiste an- I2I kommen; außerdem würde wohl ein klassischer Philolog in die Commission gewählt werden, das Lateinische zu vertreten; haben Sie auch germanistische Studien gemacht, so würde den dritten Zarncke[2] bilden, trauten Sie sich das Colloquium im Deutschen nicht zu – es käme freilich darauf an wieviel Zarncke verlangen würde – so könnte der Dritte ein Historiker sein, in welchem Falle man wohl Voigt[3] wählen würde. Die klassische Philologie ist hier durch Klotz, Curtius u. Ritschl[4] vertreten. Wenn Sie das Moment der Sprachvergleichung betonten, würde Curtius gewählt werden.

Übrigens glaub‘ ich täuschen Sie sich darin, daß Ritschl persönlich etwas gegen Sie hätte. Von einem solchen Einfluß aber um Ihnen in Ihrem weiteren Vorwärtskommen hinderlich zu sein, ist er nicht; indem kein Einzelner hier einen solchen Einfluß hat oder haben kann. Wäre Ihr Gebiet das der klassischen Philologie wäre es noch etwas Andres, aber auch darauf würde Curtius‘ Ansehn dem von Ritschl die Wage halten; doch besteht gar kein Antagonismus. Und die Facultät ist so groß, und zählt so manchen anderen bedeutenden Mann, daß die Stimme eines Einzelnen, so gewichtig sie an sich ist, keine Entscheidung gibt.

Sie fragen noch, ob das Thema „der Privatvorlesung“ ganz in Ihrer Wahl liege: Sie meinen wohl die Probevorlesung[5] – denn was Sie später in Ihrem Fache lesen wollen, hängst selbstverständlich von Ihnen ab. Für die Probevorlesung wird unter Berücksichtigung der besonderen Studien des Candidaten von der Facultät ein Thema gegeben. Doch sollen die Statuten über die Habilitation demnächst revidirt werden, und ich glaube daß die Revision gerade diesen Punkt betreffen wird, und das Thema dann wohl dem Candidaten überlassen werden möchte. Indessen bietet dieser Punkt praktisch keine Schwierigkeit. Ich werde ohne Zweifel das Thema zu bestimmen haben, und die nöthige Rücksicht nehmen.

I3I Das Feld der Wissenschaft ist so groß, daß eine allseitige vollkommene Ausbildung nicht erwartet werden kann. Für die Habilitation bildet ohne dies die einzureichende Schrift die Hauptsache.

Ich bitte Prof. Bartsch[6] bestens von mir zu grüßen; und darf ich Sie wohl bitten, einliegendes kleine Billet Prof. K. Justi[7], (dem Verfasser von Winkelmanns Leben) zuzustellen? Ich denke mir, daß Sie ihn wohl persönlich kennen.[8] Bartsch kennt ihn.

Ihr hochachtungsvoll ergebener

A. Ebert.



[1] Das Thema von Schuchardts Habilitationsschrift lautete Über einige Fälle bedingten Lautwandels im Churwälschen, Gotha 1870.

[2] Friedrich Zarncke (1825-1891), 1858-1891 o. Prof. für Deutsche Sprache und Literatur an der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig.

[3] Georg Ludwig Voigt (1827-1891), 1866-1890 o. Prof. für Geschichte an der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig.

[4] Reinhold Klotz (1807-1870), seit 1849 Leipziger Ordinarius; Georg Curtius (1820-1885), 1862-1885 Leipziger Ordinarius; Friedrich Wilhelm Ritschl (1806-1876), 1865-1876 Leipziger Ordinarius (alle für Klassische Philologie). Vgl. den Brief von Georg Curtius (HSA, Lfd.Nr. 01-02208) vom 29.12.1869, der Schuchardt darüber informiert, dass Ebert, Zarncke und Ritschl unter seinem Vorsitz die Kommission zur Beurteilung seiner Habilitationsschrift bildeten; weiterhin HSA, Lfd.Nr. 09-UAL PA HS 4).

[5] Über die Klassifikation der romanischen Mundarten. Probevorlesung gehalten zu Leipzig am 30. April 1870, Graz 1900.

[6] Karl Friedrich Bartsch (1832-1888), Germanist und Romanist, zu diesem Zeitpunkt noch in Rostock (ab 1871 in Heidelberg). Sein belegter Briefkontakt mit Schuchardt beginnt erst 1872, vgl. HSA, Lfd.Nr. 01-00551.

[7] Carl Justi (1832-1912), bekannter Kunsthistoriker, zu diesem Zeitpunkt noch in Marburg.

[8] Wo Schuchardt die beiden Herren treffen sollte, wissen wir nicht, doch könnte es sich um eine Philologentagung gehandelt haben.