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Brief (57-s.n.)

Verehrter Herr Kollege *),

Ich danke Ihnen verbindlichst; Sie sind der liebenswürdigste und rascheste Briefbeantworter der mir vorgekommen ist. Fürchten Sie nicht das ich nicht Ihre Qualität jetzt missbrauchen werde; meine Zeilen bedürfen der Erwiderung nicht, sie sollen Sie nur davon in Kenntniss setzen dass ich heute an Meyer-Lübke und an

*) nicht im Sinne von „Hofrath“ (wie Sie mich auf den Adresse betiteln); die hohe Obrigkeit hat mir noch nicht wie meinem Freunde Straup u. A. so wehe gethan um ein solches Pflaster auflegen zu müssen. |2| Mussafia in Bezug auf die Form des Bartolischen Berichtes einige Bemerkungen gerichtet habe.  Wenn ich das Gleiche nicht schon in meinem ersten Brief an Sie that, so begründet sich das damit dass ich annahm, Alles erfreue sich Ihrer vollen Billigung. Nun sehe ich aber dass auch Sie es nicht für angebracht hielten dass B. wegen einzelner Punkte polemisierte und dass Sie das berichtigten; ich finde es ganz ungehörig das B. Ihren Intentionen zuwider handelte und seine Kritiken in den Anmerkungen unterbrachte. Die Sache ist doch die. Bartolis Werk, so werthvolle Aufschlüsse es uns auch geben mag, ist dem Wesen nach eine Nachlese; sehr umfängliches neues |3| Material war nicht zu erwarten und ist, so viel ich sehe, auch nicht geliefert worden. Es ist nicht nur begreiflich, sondern auch durchaus notwendig dass er sich mit seinen Vorgängern auseinandersetzt; aber das muss im Zusammenhang, in gründlicher Weise und kann daher nur in der definitiven Arbeit geschehen. Es muss gesagt werden was Sie Gutes geleistet und was Sie gefehlt haben. Die Einstreuung solcher kleiner Hiebe in den Bericht macht keinen sehr guten Eindruck. Es wird ja die Richtigkeit der Bemerkungen als solche von Ive nicht bestritten, aber er ist doch gegen den versteckt darin liegenden Vorwurf der Fahrlässigkeit nicht mit Unrecht empfindlich. Gestatten Sie mir (sic) Beispiel einer kleinen Erläuterung den auffälligsten und komischsten Irrthum Ives zu wählen medul, ventre (S. 147 Anm. I), der mir übrigens schon längst bekannt war |4| Ive zeigte mir die handschriftlichen Quellen die er benutzte, da steht panciaviantro (medul). Da bei anderen Gelegenheiten die Parenthese ein synonymes Wort einschliesst, so nahm Ive auch medul als gleichhend mit vianto. Er hätte hier nur Konjekturalkritik üben sollen, auf den Wortlaut der die Fassung seiner Vorlage kein unbedingtes Vertrauen setzen – dass er es nicht gethan, daraus kann man ihm allerdings einen Vorwurf machen. Nun frägt es sich aber ob Bartoli bloss durch seinen Scharfsinn auf das Richtige gekommen ist, oder ob ihm andere erschlossene Quellen das Richtige ohne Weiteres darboten; im letzteren Fall hat er kein Verdienst bei der Berichtigung und keine Ursache sich über Ive zu erheben. Der Bericht hätte viel kürzer sein sollen und können; er enthält eine Menge schon bekannter Dinge, von denen der Uneingeweihte meinen muss dass B. sie entdeckt hat. |5| Ich glaube nicht dass die bisherige Auffassung bezüglich der Sprachverhältnisse eine wesentliche Veränderung erfahren wird; Bartoli gibt sich den Anschein als ob ihm eine solche zu verdanken sei. Er stellt z. B. „die verbreitete Ansicht richtig, das Dalmatische sei eine ladinische Mundart“. Ich weiss nicht wer – unter den Sachverständigen – diese Ansicht hegt. Er will mit der Verwirrung im Bezug auf den Begriff „istrisch“ aufräumen; das Wort „istrisch“ wird natürlich unter verschiedenen Bedingungen verschieden gebraucht, die Rumänen nennen etwas anderes istrisch als die Italiener, und die Slawen wieder etwas anderes -  es kommt da eben nur auf die Konvention an. Er spricht von den Beziehungen des romanischen im Nordosten der Adria zum Südostitalienischen, als ob er nicht vor zwei Jahren Ive gegenüber die Annahme eines solchen Zusammenhanges für eine Utopie |6| erklärt hätte. Kurz an verschiedenen Stellen des Berichts macht sich eine Wichtigthuerei unangenehm bemerkbar die man gerade unter den gegebenen Verhältnissen am Wenigsten erwarten sollte.

Wenn Bartoli S. 168 ganz unten von den Materialsammlungen u. A. auch Ives als „nicht immer zuverlässig“ spricht, so hätte es diese Äusserung, die er durch keine Belege erläutert, wohl bis zum Erscheinen von Ives Buch über die istrischen Mdd.- das in aller kürze erfolgen wird – verschieben können. Ich habe mich davon überzeugt dass das hier gebotene Material ein sehr werthvolles und wichtiges ist (gewiss ein ungemein reichhaltigeres als das welches Bartoli vorlegt und vorlegen kann), und habe deshalb das Subventionsgesuch Ives bei den Akademien befürwortet, was natürlich nicht |7| heisst dass ich für jede darin vorkommende Aufstellung verantwortlich wäre. Dass nun in den Schriften der Akademie die Fähigkeit Ives solche dialektischen Arbeiten in befriedigender Weise zu liefern  - wenigstens in indirekter Weise – angezweifelt wird, ist für keinen der bei dieser Sache irgendwie Betheiligten sehr angenehm.

Für Ihre Mitteilung über krkača bin ich Ihnen sehr verbunden. Wenn wir das a cacon en carcalho u.s.w. (huckepack) des Westens im Venezianischen und im Friaul hätten, so würde ich an der reinen Slawität des Ausdrucks zweifeln (Ive hatte cacuče, ohne r aufgezeichnet), so aber nicht, und zwar um so weniger als ich nun sehe dass auch im |8| Polnischen na Karku in demselben Sinn gesagt wird.

Nachdem Sie mich im vorigen Jahre haben aufflammen sehen, werden Sie gar nicht glauben dass ich den Tschechen nicht nur den Justitzminister in den feuerspeienden Rachen werfen würde, sondern auch das Tschechisch als innere Dienstsprache für die tschechischen Bezirke gewähren würde. Aber kann man es den Deutschen verdenken wenn sie die Hoffnung auf eine Verständigung aufgeben? Man hat von einer papiernen Wand gesprochen die zwischen beiden Nationen stehe; ich weiss nicht ob man das böhmische Staatsrecht so bezeichnen kann – im Sinne der Tschechen ist es eine dicke Steinmauer.

Mit verbindlichstem Gruss

Ihr ergebenster

H Schuchardt