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Brief (04-12627)

Aarau, den 18.X.1919

Hochverehrter herr Professor,

Gestatten Sie, das ich Ihnen eine probe einer arbeit[1] vorlege, für die ich nun seit 10 jahren material sammle und an deren redaktion ich mich jetzt machen möchte. Es handelt sich um eine möglichst vollständige darlegung des schriftsprachlichen und mundartlichen wortschatzes Frankreichs. Die anordnung soll eine etymologische sein, wobei ich mir aber ganz klar bin, dass ich nicht daran denken kann, alle probleme wirklich durchzuarbeiten; vielfach werde ich mich halt mit einer zusammenstellung des materials begnügen müssen. — In verbindung damit möchte ich auch eine synonymik der mda.[2] geben, die nicht nur die etymologisch bekannten, sondern auch die unbekannten wörter umfassen soll. Daraus soll man dann zum ersten mal sehen, wieviel eigentlich noch unerforscht ist.

Zur bessern lektüre der probeartikel füge ich hinzu, dass die phonetisch geschriebenen formen gesperrt kursiv, die andern bloss kursiv gedruckt sind; npr.[3] = ganz Südfrankreich (ich besitze nämlich Mistral[4] nicht und kann daher auf die einzelnen mda. nur eingehen, insofern sie mir durch spezialwb. bekannt sind), prov. = die mundart der Provence. Bei den litt. angaben führe ich die namen der autoren nur an, wenn an der betr. stelle etwas wichtiges geäussert ist.

Seit der drucklegung dieser artikel habe ich mich noch zu einigen änderungen in der organisation entschlossen: |2| die definitionen werde ich immer in der form der quelle geben, nicht in deutscher übersetzung. In der etymologischen diskussion werde ich mich soviel nur möglich aufs franz. beschränken. Die ganze synonymik werde ich bis an den schluss des werkes versparen und dann in einem besondern band publizieren; es hat dies auch den vorteil, dass mir unterwegs noch dieses oder jenes wort klar werden wird.

Ich weiss nur zu sehr, wie gross die äusseren schwierigkeiten sind, mit denen mein unternehmen zu kämpfen haben wird. Es ist sehr unsicher, ob sich ein verleger entschliessen wird, das werk zu übernehmen, da der absatz innerhalb des deutschen sprachgebietes wohl minim sein wird, ausserhalb desselben aber mit dem hass gegen alles deutsche zu kämpfen hat. Dazu kommt dass mir hier, in Aarau, wo ich seit diesem frühling weile, keine hilfsmittel als die meinigen zur verfügung stehen und dass meine finanzielle lage mir für absehbare zeit noch nicht erlauben wird, die grossen quellenwerke, wie Godefroy[5] etc. anzuschaffen. Doch, kommt zeit, kommt sicher auch irgendwie rat. — Vorläufig werden wir — allerdings erst im frühling — diese probeartikel als subskriptionseinladung hinausgehen lassen.

Herr Jud[6] wollte mich überreden, das ganze in form eines atlas zu geben. Doch kann ich mich nicht dazu entschliessen, weil in einer solchen form lange nicht alles untergebracht werden kann; weil sie für alle begrifflich feinern nüancen ein prokrustesbett ist, und weil ich glaube, dass es für die sprachwissenschaft ein grösserer gewinn ist, wenn der stoff unter einem andern aspekt gezeigt wird als unter dem gleichen nochmals. M. e. würde eine publikation in atlasform es ungemein erschweren, wieder einmal über die grossartige einseitigkeit Gilliérons[7] hinauszukommen. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie sich mir gegenüber auch über diese frage äussern wollten.

In grösster hochachtung,

W. v. Wartburg

 

[Anlage: 6 Seiten aus dem FEW]



[1] Französisches Etymologisches Wörterbuch (FEW).

[2] Mundarten.

[3] Neuprovenzalisch.

[4] Frédéric Mistral.

[5] Frédéric Godefroy.

[6] Jakob Jud.

[7] Jules Gilliéron.