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Brief (22-10340)

Sare 20 August 1887.

 

Meine Herzensmama,

 

Von meinem Ausflug, der nicht ganz ohne Beschwerden und vom Wetter nicht allzu sehr begünstigt war, der mich aber doch ausserordentlich befriedigt hat, bin ich gestern um 5 Uhr Nachmittags hierher zurückgekehrt.

Am 17. um 2 Uhr kam ich in Mauléon an und fuhr gleich mit der Diligence weiter (14 Kilometer für 60 Centimes) nach Tardets. Dort speiste ich im Hôtel recht gut und reichlich, nachdem ich einige Tage mehr oder weniger gefastet hatte.

|2| Ich machte die Bekanntschaft eines dortigen Herren welcher seine Equipage anspannen liess und mich nach Laguinge kutschierte wo wir einen Schmied besuchten der die um Ostern stattfindenden theatralischen Aufführungen (Pastorales) dirigiert. Ich sah mir die Texte dieser Pastorales – sie nehmen immer einen ganzen Tag in Anspruch – mit Interesse an. Abends verbrachte ich mit gedachten Herrn bei der Verwandten einer mir sehr bekannten Familie von Sare. Vorher war ich bei dem höchst originalen und liebenswürdigen Pfarrer Adéma gewesen, dem ich vor 8 Tagen einen baskischen Brief geschrieben hatte. Am andern Morgen fuhr ich nach Mauléon und wohnte der Preisverleihung im Collège St. François bei; nach den einleitenden, mehrere Stunden dauernden Festlichkeiten |3| Musik, Theatervorstellung der Schüler, Reden, erst des Superiors dann der Präsidierenden, eben des Pfarrers Adéma. Derselbe sprach mehr oder weniger humoristisch und wurde vielfach beklatscht; er nannte auch mich in seiner Rede als Verfasser eines baskischen Briefes und las denselben da einige Stimmen ihn dazu aufforderten, vor (er war in einem andern Dialekt als dem zu Tardets üblichen abgefasst). Nachdem ich im Gasthof eine Kleinigkeit genossen, trank ich den Kafe bei dem liebenswürdigen Ehepaar Sallaberry (er ist Notar und Herausgeber einer baskischen Liedersammlung). Um 5 Uhr fuhr ich per Eisenbahn ab und langte in Bayonne nach 9 Uhr an. Uebernachtete dort. Am andern Morgen um 9 Uhr nach St. Jean-de Luz, wo |4| ich zuerst den Bürgermeister besuchte, dann den mir schon bekannten Baskologen Campion aus Pamplona besuchen wollte, mich aber mit Abgabe einer Kondolenzkarte begnügte, da sein Vater vor 2 Tagen daselbst gestorben war. Darauf setzte ich mich längere Zeit unter das elegante, fast ganz spanische Publikum an den Strand, unmittelbar an’s Wasser und sah Männlein und Weiblein in allerhand drolligem Aufzug hineinspazieren. Ich verzichtete darauf selbst zu baden, da der Wasserstand gerade sehr niedrig war; auch hätte es mich geniert mir ordentlich den Weg bahnen zu müssen durch alle diese Spanierinnen hindurch. Um 2 Uhr fuhr ich mit der Post nach Sare zurück. Der Enkelin Goyetche’ns, der allerliebsten |5| vierjährigen Eugenie Garmendia brachte ich eine hübsche Puppe mit; sie hat sich in Folge dessen sehr lebhaft an mich attachiert.

Ich wiederhole, ich bin nur noch einige Tage hier um meine Aufzeichnungen zu kontroliren und zu berichtigen und manche Zweifel zu lösen; gerade über die Dinge, die mich besonders interessiren, würde ich auf brieflichem Wege keine Auskunft erhalten können und dass ich wieder hierher kommen sollte, ist auch nicht wahrscheinlich, würde auch für meine nächsten Arbeiten natürlich nichts nützen. Ich werde dann an einem Tage den ich noch nicht bestimmen kann, morgens von hier nach St. Jean de Luz fahren, um dort noch Einiges zu ermitteln, Abends |6| nach Bayonne, um am andern Tage der Bibliothek einen längeren Besuch abzustatten, von dort (wo mich Grand Hôtel du Commerce Briefe oder Telegramme treffen würden) gegen Abend mit dem Expresszug nach Paris, wo ich am Vormittag eintreffen würde. Wann ich von dort – an einen Aufenthalt denke ich nicht – nach Frankfurt gelangen würde, weiss ich noch nicht.

Ich bitte Dich nicht eher von Gotha abzureisen, bevor ich Dich – wahrscheinlich telegraphisch – benachrichtige. Es schadet ja Nichts, wenn ich einen Tag früher in Frankfurt bin als Du; ich will auf jeden Fall Dich dort in Empfang nehmen.

 

Mit tausend Grüssen

Dein treuer Sohn.

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