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Brief (04-10323)

Sare, 8 Juni 1887.

 

Meine Herzensmama!

 

Das ist ein – für Dich – theures Geburtstagsgeschenk gewesen! Aber ich muss sagen, 3 Mark 75 für die Beförderung eines Kistchens von der Grenze bis nach Gotha, das scheint mir gar zu viel; von Bayonne bis zur Grenze ist es doch viel weiter und kostet lange nicht das. Nun, wenn Dir wenigstens der Wein behagte!

Es beglückt mich sehr zu vernehmen, dass es nun in etwas rascherem Tempo vorwärts geht. Wenn Dein Kopf noch sehr angegriffen ist, |2| so wundert mich das, abgesehen von der Krankheit selbst, schon wegen des langen Liegens nicht. Sei froh dass Du kein Baskisch zu lernen brauchst.

Ich führe ein höchst einfaches aber mir höchst zusagendes Leben. Im Wesentlichen ist es dem Studium gewidmet, und zwar kann ich sagen dass ich so viel arbeite wie nur je; denn schon das Eine sich mehrere Stunden hintereinander in einer Sprache vorlesen lassen, von der man bis vor Kurzem kaum eine Idee hatte, erfordert keine geringe geistige Anstrengung. Ausserdem sind die Spaziergänge - voilà tout. Jetzt sind die schönen Tage gekommen, freilich zuweilen – wie immer in der Nähe des Oceans – durch Nebel und Umwölkungen unterbrochen. Es ist wie gesagt, der idyllischste, lieb- |3| lichste Aufenthalt. Gestern machte ich mit dem Maire-adjoint einen zweistündigen Spaziergang, wobei er mir einen interessanten Kurs über baskischen Häuserbau mit Veranschaulichung gab. Die baskischen Häuser sind nämlich sehr eigenthümlich. Ich bin mit aller Welt auf gutem Fuss, dem jovialen Pfarrer, dem Doktor, u. s. w. Meine baskische Maria*) ist sehr brav und befriedigt meinen nur etwas aufgebesserten Appetit vollkommen; sie wird übrigens trotz ihrer 30 Jahre demnächst heirathen. Am Freitag kommt die Herrschaft aus Spanien zurück; vermuthlich werde ich mit ihnen speisen. Es sollen sehr gemüthliche Leute |4| sein. Was ich für die Wohnung bezahlen werde (die seiner Zeit auch der Prince L.-L. Bonaparte, der beste Kenner des Baskischen inne gehabt hat), weiss ich noch nicht; es wird nicht zu viel sein. Das Leben ist hier billig, Catiche hat während dieser 14 Tage meinen Unterhalt mit 2 Franken täglich bestritten, und andere Auslagen (etwa vom Briefporto abgesehen) habe ich keine. Selbst die Kosten einer längeren Reise wie ich sie gemacht habe könnte man in einiger Zeit hier bequem wieder einbringen. Nun vielleicht wandeln in 50 Jahren Berliner auf diesen noch unentweihten Wiesen.

Weiss meine theuere Mama nicht ob für entzündete Augen kaltes oder laues Wasser besser ist? Die Ansichten scheinen verschieden zu sein. Mein linkes Auge ist seit vorigem Jahre immer mehr oder weniger geröthet und Morgens etwas verschleimt. (Conjunctivitis?). Gib bald Nachricht, aber strenge Dich nicht selbst mit dem Schreiben an.

Tausend Grüsse

von Deinem

treuen Sohn

*) das 19te Kind ihres 84 jährigen Vaters.