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Brief (045-01082)

Leitmeritz den 2. Sept. 1883

Muyamigo mio:

Gestern ärgerte ich mich den ganzen Tag an Ihrer statt: Collega Peters kam nämlich von Johannisbad zurück u. ich gieng sofort zu ihm um ihm Sporen zu geben, erfuhr aber dass er überhaupt noch gar nichts gethan hätte, ich drückte ihm hierüber meine Meinung so deutlich aus als seinerzeit Genral Pavia in den Cortes. Ihren Brief nahm ich ihm ab und las eben zum erstenmale, was Sie von unserem unberechenbaren Peters verlangten. Unter den 6 Fragepunkten findet sich manches, was ich zwar nicht direct beantworten kann, was aber immerhin zu erfahren Ihnen nicht unangenehm sein wird:

1.) Historisches.

In unserem Jahrhunderte noch bis in die fünfziger Jahre hinein, wurden an dem Prager Theater Possen gegeben, welche im KD geschrieben waren: Wenden Sie sich gefälligst an den mir sonst persönlich ganz unbekannten

Oscar Teuber

Prag-Altstadt

Annahof, Redaction der Bohemia1.

Teuber beschäftigt sich damit eine Geschichte des Prager Theaters zu schreiben, ist Theater-Recensent u. der Mann einer Schauspielerin. Soll sehr liebenswürdig sein.

Bildungsgrad:

Absolvierter Militär-Akademiker (Wr. Neustadt), dann Oberlieutnant. Schrieb Skizzen (o.s.w.dgl.) aus den östr. Militärschulen.

2) Die Frage bezüglich einer Tradition etc. ist für mich zu hoch. Was ich weiß: ist, dass ich der ich als Hofmeister in der Studentenzeit genug mit KD sprechenden Leuten zusammenkommen bin, überall dasselbe schöne Deutsch zu hören bekam.

(Nota bene: Ich erinnere mich, dass in dem "Prager Kalender" Jgg. 1860 ó 61 ó 62 ó 63 ein Aufsatz über die Prager Hausmeister sich findet, welcher einiges Brauchbare enthält.

Hat nicht auch Schleicher in einem älteren Jhg. (1850?) von Herrig2 etwas über das Küchend. geschrieben?

3). Dass in den deutschböhmischen Dialekten das Čechische seinen Einfluss durch Einschmuggeln von Vocabeln geäußert hat, das dürften sie bezüglich des Prachatitzer's Deutsch schon wissen, denn Sie haben wohl meinen Brief erhalten, welcher eine kleine Liste, welche ich den Collegen Felix Wiesner halb abgeschmeichelt, halb mit Grobheiten abgerungen habe, enthielt [.]

Der Saatzer3 Dialect enthält wohl die meisten čechischen Vocabel.

In Böhmen wird allgemein davon gesprochen, dass an der Sprachgrenze in der Böhmerwald Gegend die Leute oft ein aus beiden Sprachen gemengtes Kauderwälsch sprächen:

z.B.

"Habt ihr nicht gesahn die prassahtken (Schweinchen, von prasse4) über die potuhtschken (Bach, von potok) lāfen?"5 Doch weiß ich nicht ob es nicht in die Kategorie von si non é vero ... gehört.

Vom Leitmeritzer Dialecte (verzeihen sie letztere Bezeichnung!) gab ich Ihnen bereits Proben. Hier sind besonders die Obstsorten zu nennen, welche vielfach čechische (reine wie germanisierte) Namen führen, obzwar die Obstbauer des Mittelgebirges seit mindestens 400 J. Deutsche sind.

Theilte ich Ihnen mit, dass hier TascheKapse (v. kapsa) heisst?

4.) Bezüglich der Aussprache besitze ich zuviel negatives philol. Wissen um irgendetwas sagen zu können.

Die Czechen Betonen im Küchendeutsch fast ohne Ausnahme die erste Silbe, wobei sie dieselbe noch dazu stark u schnell hervorstossen:

-wegung, -lĕgĕnheit

Blúm-mĕtritt
Blŭ-mĕtritt
}beides hörte
ich wiederholt

Besonders auffallend ist es eben bei Eigennamen:

z.B. Démel für Dēmel

Blémmr " Blömer

Márrjănenhof " Mariannenhof

Dieses é in der ersten Silbe deutscher, von Čechen gesprochener Worte hat einen merkwürdigen Ton, welchen ich aber leider als Nichtphilolog nicht ausdrücken oder richtiger gesagt zu benennen weiß [.]

Noch einige Beispiele čechischer Ausspachen:

(NB. von gebildeten Leuten)

Herr Prófessor (im besten Falle gesprochen: Pro-fe-sor jede Silbe gleich betont)

Štŭ’-dent, Gў’mnasium

bei Dienstmädchen:

Frā´ln = Fräulein

Obzwar das in dieses Capitel nicht hineingehört, so möchte ich es doch an dieser Stelle erwähnen, weil ich fürchte es könnte mir sonst entfallen:

Die früheren Dienstmädchen in Prag sprachen ein Čechisch das mit vielen deutschen (wie fremden) Worten geziert war:

z.B. 2 funty = 2 Pfund

pucovat = putzen

jšel do6 kăffehousu = er ist in's Caffeehaus gegangen

jde do7 týātr = er geht in's Theater

kouří8 feifku = er raucht eine Pfeife

švĭmšula = Schwimmschule

zu 5) kann ich nichts sagen

ad 6) So viele čechische Wörter, wie sie die edlen Böhmathen im Figaro etc in ihrer deutschen Rede gebrauchen, werden nie von deutschredenden Čechen, wenn sie auch noch so wenig von unsrer Sprache kennen, gebraucht. Das würde mehr auffallen, als umgekehrt. Ich bin jetzt Ihrethalben am Samstag, dem Wochenmarktstage in jene Weinstube gegangen, wo die Bauern zusammenkommen, insbesondere die Bauern "aus dem Böhmischen" d.h. von jenseits der Elbe, wo die Čechen hausen. Leider aber habe ich wenig profitiert, die deutschen u. čechischen Bauern tauschen nämlich hier auf 1-2 Jahre ihre Kinder aus, so dass sie die beideseitigen Idiome gleich gut sprechen, so dass man den Čechen nur hie u. da an einem nicht aspirierten K u. einen Deutschen an dem s oder sch für ř erkennt.

Aufgefallen ist mir nur das eine, dass die Čechen nie (ich beziehe mich hier) auf meine Weinstuben-Erfahrungen) "durch volle 4 Jahre, durch volle 3 Wochen etc" sagen, sondern: "ganze 4 Jahre", "ganze 3 Wochen".

Vielleicht liessen sich einige Gesetze aus der Germanisierung čechischer Ortsnamen herleiten, da wäre insbesondere der Aufsatz "über die Deutschen Ortsnamen Böhmens (Mitth. d. Vereins f. Gesch. der Deutschen in Böhmen, 7. Jgg p. 1-12)9 unseres bösen Nazi Peters10 zu erwähnen. Da könnte man sehen, wie die Obersachsen, wie? die Oberpfälzer, wie? die Bajuwaren etc sich die čechischen Namen für ihre Zunge gerecht machten. Noch jetzt geht das so fort:

hart an Leitmeritz (v. Lituměřice) liegt das Dorf Pokratitz (deutsche Bew.), die Dorfinsassen sprechen: Pokraatz; ebenso Schüttenitz officiell, im Volksmunde: Schüttenz; officiell: Skalitz, im Volksmunde: Kallitz; officiell: Deutsch-Mlikoged, im Volksmund: Leikewitz oder Likowitz; officiell Řepnitz im Volksmunde: Sebnitz. Interessant ist der Dehnungswechsel: bei dem seit Jahrhunderten germanisierten Dorfe Sebusein (urspr. čechisch Zebuzín) heisst ein Berg jetzt: Deeblik (geschrieben Deblik) ursprüngl. aber Teplik (das e ganz kurz) d.h. der Warmberg.

Stellen Sie nur noch einige Laienverständliche Fragen an mich, ich werde wohl noch einiges zu sagen haben.

Hoffentlich geht es Ihnen gut?

Meine Correspondenzkarten u. Brief sind wohl glücklich angelangt?

Mit herzl. Grüßen
Ihr ganzergebener

F. Blumentritt


[1] Bohemia „Unterhaltungsblätter für gebildete Stände“.

[2] Ludwig Herrig war Herausgeber des Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen.

[3] Žatec (dt. Saaz), Stadt im Norden Tschechiens.

[4] Tschech.: prase „Schwein, Sau, Dreckvogel“.

[5] Bei Schuchardt (1884: 64): „Habt ihr nicht gesehen die Prassâtken [prasátko, „Schweinchen“] über die Potûtschken [potůček, „Bächlein“] lafen?“

[6] Tschech. für „er ging in“.

[7] Tschech. für „er geht in“.

[8] Tschech. für „raucht“.

[9] Ignaz Petters (o.J.): Über die deutschen Ortsnamen Böhmens.

[10] Ignaz Peters (Petters) Intresse galt der Geschichte des Deutschen in Böhmen. Blumentritts Bemerkung läßt vermuten, dass dieses mit einer nationalistischen Gesinnung einherging.