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Brief (62-09649)

Klagenfurt, 21.10.1925

 

Hochverehrter Herr Hofrat!

Hoffentlich haben Sie den gefangenen Käfer gut behandelt, denn sonst liefen Sie Gefahr, Tors Zorn auf Ihr Haupt herabzuziehen. Damit habe ich schon Ihre Anfrage beantwortet: Roßkäfer ist tatsächlich dasselbe wie Mistkäfer. Daß Herr Hofrat von jeher diesem Tierchen Interesse entgegenbachten wußte ich nicht. Wie mir der Kustos des Berliner Zool. Museums schreibt, u. zw. ganz spontan, ist mir ein Schnitzer unterlaufen. Ich habe nämlich den ägyptischen Pillendreher als eine Abart unseres Mistkäfers bezeichnet, wogegen der Herr Kustos behauptet, zwischen den beiden sei ein Unterschied so groß wie zwischen Mensch und Gorilla.[1]

Da ich O. Keller[2] schon zurückgestellt, I2I kann ich leider nicht mehr feststellen, ob dieser Irrtum auf seine oder meine Rechnung zu setzen ist.

Das wissenschaftliche Arbeiten wird einem hier in der Provinz immer schwerer gemacht. Das Freiporto für Bücher im Bibliotheksverkehr ist aufgehoben worden. Nun muß man sich gründlich überlegen, ob man sich von auswärts ein Buch kommen läßt. In der Schule bin ich infolge des Abbaus von Kollegen sehr überbürdet. Ich habe 22 Wochenstunden, was eine große Korrekturlast bedeutet. Und gerade jetzt tritt die Verlockung zum Produzieren mehr denn je an mich heran. Hoffmann-Krayer und Bächtold-Stäubli planen die Herausgabe eines großen folkloristischen Wörterbuchs und haben mich zur Mitarbeit aufgefordert. Ich soll die Tiere behandeln. Ich habe geantwortet, ich nehme den Auftrag an, jedoch mit Ausschluß der Haustiere. Seitdem habe ich aus Basel nichts mehr gehört. Wahrscheinlich haben sie einen gefunden, der Ihnen das Ganze I3I macht.[3] Der Herausgeber der Neuen Dante-Gesellschaft will wieder für sein Jahrbuch einen Aufsatz über die Tierwelt bei Dante. Ich habe vorläufig abgelehnt, denn ich habe jetzt keine Zeit, mich wieder in den schwierigen Text einzulesen.

Darf ich Herrn Hofrat fragen, ob Sie das erste Heft der neuen Revue de linguistique romane schon gesehen haben? In Meyer-Lübkes Schrift über den gegenwärtigen Stand der Romanistik fiel neben der Glorifikation des Lehrers auch für den Schüler ein kleines Lob ab, das mir sehr wohl getan hat.[4]

Bald nach Übersendung des „Mistkäfers“[5] habe ich mir erlaubt, Herrn Hofrat zwei kleine Artikel aus dem „Archiv f. Religionswissenschaft“ zu schicken, die Sie hoffentlich erhalten haben. – [6]

Von Freund Spitzer höre ich seit seiner Abreise von Leonstein nichts. Er schreibt immer seltener. – Theo war während der Ferien sehr fleißig. Er hat seine zweite Seminararbeit vollendet, u. zw. wieder I4I über E. Th. A. Hoffmann (Meister Floh).

Mit dem Wunsche, diese Zeilen mögen Sie bei bestem Wohlsein treffen, bin ich in unentwegter Verehrung

Ihr ergebener R. Riegler

Von meiner Frau alles Schöne!



[1] Riegler, „Nochmals  schwed. ,tordyvel‘ ,Mistkäfer‘“, Neuphilologische Mitteilungen 27, 1926, 14: „Ferner hatte Herr Kustos Dr. Kuntzen (Berlin)  die Güte, mich darauf aufmerksam zu machen, daß der Scarabaeus (Pillendreher) nicht als eine ,Abart‘ des Mistkäfers bezeichnet werden darf“.

[2] Otto Keller, Tiere des classischen Alterthums in culturgeschichtlicher Beziehung, Innsbruck 1887.

[3] Beide Parteien müssen sich schon bald anders besonnen haben, denn Riegler hat in den verschiedenen Bänden des Handwörterbuchs des deutschen Aberglaubens, das von Hanns Bächtold-Stäubli und Erduard Hoffmann-Krayer bei de Gruyter herausgegeben wurde, fast 60 Artikel verfasst.

[4] Wilhelm Meyer-Lübke, „Die romanische Sprachwissenschaft der letzten zwölf Jahre“, RLiR 1, 1925, 9-34. Riegler wird auf S. 28 erwähnt: „,Es ist in der Regel eine recht schwierige aufgabe, die beziehung zwischen laut und bedeutung eines schallwortes klar zu legen, oder kurz gesagt, ein wort wirklich als schallwort zu erweisen‘, sagt Schuchardt und mahnt damit zum masshalten, warnt vor hemmungslosem nacheifern, wo ja ohnehin es keinen gibt, der es ihm an umfassendem und tief eindringendem blicke auch nur im entferntesten nachtun könnte. Am weitesten kommt noch bei den tierstimmen, wo der vor vielen jahren von W. Wackernagel, und später von Winteler eingeschlagene weg mit glück namentlich von Riegler weiter verfolgt wird“.

[5] „Schwedisch ,tordyvel‘ ,Mistkäfer‘, NPhM 26, 1925, 179-181; „Nochmals schwed. ,tordyvel‘“, NPhM 27, 1926, 13-14.

[6] „Zahnwechsel und Mythus“, ARW 23, 1925, 62-163:  „Die Elster im Mythus “, ARW 23, 1925, 349-353.