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Brief (45-09632)

Klagenfurt, 13.4.1922.

 

Hochgeehrter Herr Hofrat!

Ihr ausführliches Schreiben ist mir ein süßer Lohn[1] für die kleine Mühe, die mir die Abfassung des Festartikels machte. Ich fürchtete, es könnte die eine oder andere Äußerung Herrn Hofrat mißfallen, Spitzers uneingeschränktes Lob beruhigt mich.

Ich habe nur jetzt nachträglich das Bedenken, meine Kritik – obgleich indirekt –an dem herkömmlichen Universitätsbetrieb könne bei einigen Ihrer Herrn Kollegen Anstoß erregen. So z.B. bei Luick[2], der ein ausgesprochener Pädagoge war und die Lehramtsprüfung häufig bald als Lock-, bald als Schreckmittel im Munde führte. Mir lag natürlich eine I2I Spitze gegen ihn, der mich stets wohlwollend und freundlich behandelte, vollständig fern.

Ihrer Charakteristik Spitzers kann ich nur zustimmen. Ich persönlich bin ihm zu großem Danke verpflichtet, er hat mich ungemein gefördert. Ich würde dies gern bei Gelegenheit öffentlich aussprechen. Seinen Bruch mit Bertoni, von dem er mir merkwürdigerweise nichts erzählt hat, bedaure ich.[3] Er war aber schon seit langem auf B. nicht gut zu sprechen, noch weniger vertrug er sich mit dem Verleger Olsch[k]i, der ein polnischer Jude zu sein scheint. Ich habe mit Bertoni bis jetzt nur die besten Erfahrungen gemacht, was ich von Hilka[4] nicht sagen kann, der mich offenbar nur als Lückenbüßer will, weswegen ich ein 1920 eingesendetes M.S. zurückgezogen habe mit der Bemerkung, ich sei zur Erkenntnis gekommen, er gehe nicht nach chronologischen, sondern hierarchischen Gesichtspunkten vor, worauf er mir I3I eine sehr ungnädige Antwort gab. Großes Entgegenkommen zeigt mir hingegen Küchler[5], der mir unlängst schrieb, er habe die Berufung nach Wien angenommen. Seine Frau dürfte als Französin auch sein Votum für Wien abgegeben haben. Mit Ettmayer wird er sich gewiß gut vertragen, da er als Literaturhistoriker ihm nicht ins Gehege kommt, Spitzer wurde ihm, d.h. Ettm. seinerzeit durch seine erstaunliche Produktivität sehr gefährlich.

Die def. Ausgabe der Miscellanea wird bald herauskommen – aber ohn[e] den Stein des Anstoßes – ich meine den französischen Artikel von Platz. In dem Inhaltsverzeichnis, das man mir zur Korrektur sandte, fehlte der Artikel. Wahrscheinlich ist der Verfasser noch immer nicht fertig oder es sind die Kosten der Drucklegung zu groß. Da der Verlag in Genf (Florenz ist Filiale), der Herausgeber in Turin (jetzt: Via Principe Amedeo 34), die Druckerei in Altenburg ist, so ist der Verkehr zwischen diesen drei Enklaven recht umständlich. I4I Mit dieser Begründung hat sich die Druckerei in zweifelhaften Fragen an mich gewandt, mich dadurch aber nur in Verlegenheit gebracht, denn ich hatte vom Herausgeber keine Vollmacht und wollte mir keine Eigenmächtigkeiten zu Schulden kommen lassen. Wegen des Dankes an die einzelnen Autoren bitte sich keine Sorgen zu machen. Falls der vielbeschäftigte Bertoni keine Zeit hat, Ihnen diese Mühe abzunehmen, würde ich es als Reigenführer in Ihrem Namen mit Hinweis auf Ihre Augenschwäche gerne tun. – Für Ihre freundliche Einladung an die Adresse Hermanns vielen Dank. Wenn es ihm gelingen sollte, seine Schüchternheit zu überwinden, wird er so frei sein, sich Herrn Hofrat vorzustellen. Mehr nach Ihrem Geschmack würde mein jüngster Sohn, Theodor, sein, der temperamentvolle Dichter, bei dem der romanische Einfluss von der Mutter her unverkennbar ist. Er wird im September I5I nächsten Jahres in Graz einrücken.

Vor ein paar Tagen erhielt ich von Urtel den schwungvoll geschriebenen Festartikel.[6] Dem lieben Menschen ist nun doch das herbste Leid nicht erspart geblieben. Aus seiner letzten konfusen Karte konnte man nicht recht klug werden. Er schrieb nämlich: „Meine Frau liegt seit Wochen im Sterben. Das Schlimmste ist – Gott sei’s gedankt – überstanden“. Ich legte diese Karte pessimistisch aus; leider habe ich recht behalten.[7]

Durch Friedwagner‘s Festartikel aufmerksam gemacht[8], las ich den Bericht Ihres Herrn Vaters über seinen Besuch bei Goethe[9], mit welchem Interesse, können sich Herr Hofrat leicht denken. Nur gut, daß Goethe der gourmand und gourmet zugleich war, nicht zu unseren Zeiten in Oesterreich gelebt hat. Seine Produktivität hätte durch Unterernährung gewiß gelitten. I6I Ich lese fleißig in Ihrem Brevier und freue mich schon auf die bedeutend vermehrte Neuauflage zu Ihrem neunzigsten Geburtstag.

Mit den ergebensten Osterwünschen

In Verehrung

Ihr R. Rieger



[1] Vgl. Anm. 1 zu Lfd. Nr. 42-09629.

[2] Karl Luick (1865-1935), Anglist in Graz (1898-1908), dann in Wien.

[3] In der Korrespondenz Spitzers mit Schuchardt findet sich kein derartiger Hinweis. Sollte Rieglers Vermutung wirklich stimmen?

[4] Alfons Hilka in Göttingen war seit 1919 Hrsg. der ZrP.

[5] Walther Küchler (1877-1953), deutscher Romanist in Würzburg, Wien und Hamburg, zu diesem Zeitpunkt Mithrsg. von Die Neueren Sprachen.

[6] „Hugo Schuchardt zum 4. Februar 1922“, GRM 10, 1922, 1-3.

[7] Urtels schwedische Frau Ruth Urtel-Wirén verstarb am 2.6.1922.

[8] „Hugo Schuchardt. Zum 80. Geburtstag“, Frankfurter Zeitung vom 7.2.1922.

[9] Mitgeteilt von Hugo Schuchardt, „Goethe Reliquien“, Goethe-Jahrbuch 7, 1886, 276.