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Brief (40-09627)

Klagenfurt, 15.2.1922

 

Hochgeehrter Herr Hofrat!

Wegen Graggers[1] mögen Herr Hofrat nur vollkommen beruhigt sein. Es scheint mir ganz ausgeschlossen, daß er irgendwie verstimmt ist, denn in seinem Berichte über den Besuch bei Ihnen schreibt er unter anderem: „Ich war tief ergriffen beim Fortgehen und nahm mir vor, den Herrn Hofrat bald wieder aufzusuchen; er bedeutet soviel für mein Leben.“ Wie ich Freund Gragger kenne, ist das keine Phrase; er hat ein goldenes Herz und eine unerschütterliche Anhänglichkeit an seine I2I Lehrer. Für Sie namentlich hat er eine geradezu schwärmerische Verehrung. Die Nichtbeantwortung Ihrer Briefe erkläre ich mir aus einer falschen Adresse. Herr Hofrat haben Sie wahrscheinlich an seine frühere Adresse nach Eggenberg gerichtet.+ Über die Blumenkörbchen bin ich selbst in der Lage, Herrn Hofrat Auskunft zu geben. Die Beträge, die von den vier genannten Herren zu diesem Zweck eingelaufen sind, nahm meine verheiratete Schwester in Empfang. Sie war es auch, die alles Weitere veranlaßte. Freund Gragger habe ich nur ersucht, für die pünktliche Ablieferung zu sorgen, was, wie sich später herausstellte, allerdings nicht nötig war.

Nun möchte ich mir noch ein paar Worte wegen der Festschrift erlauben. Mir ist es wohl bewußt, daß Herr Hofrat eigentlich ein Gegner solcher Kollektivhuldigungen sind und haben dies auch – wenn ich nicht irre – irgendwo öffentlich ausgesprochen.

+(Seine jetzige Adresse ist Klosterwiesgasse 26, ebenerdig).

I2I An dem Zustandekommen der Festschrift trage ich keine Schuld. Die Sache machte sich so. In der Annahme, Herr Hofrat hätte gegen eine Einzelhuldigung von meiner Seite nichts einzuwenden – die Form war mir durch meine durchaus nicht glänzendes Vermögenverhältnisse gegeben – bat ich Bertoni[2], im Februarheft seiner Zeitschrift Ihnen eine Abhandlung widmen zu dürfen, worauf Bertoni freudig einging. Naturgemäß kam ihm dann der Gedanke, seinerseits etwas beizusteuern und auch seine Freunde und Schüler zu diesem Zwecke heranzuziehen. So kam das Beiheft zustande, wovon ich erst erfuhr, als es schon ein fait accompli war. Ich hätte übrigens auf keinen Fall dagegen protestieren können, was Herr Hofrat ja ohne weitere Begründung einsehen werden. So muß ich Sie bitten, sich diese immerhin gutgemeinte Huldigung gefallen zu lassen, wenngleich sie nicht ganz nach Ihrem Geschmack ist.

Über Brüch kann ich leider keine Auskunft geben. Ich habe zu ihm gar keine Beziehungen. Ich möchte übrigens I4I nebenbei bemerken, daß mir seine Abhandlung wegen ihres polemischen Charakters unpassend scheint, Herrn Spitzers Leiche als dedicatio darzubringen, empfinde ich als Geschmacklosigkeit.[3] Solche Schlachtopfer waren seinerzeit den Göttern wohlgefällig, die moderne Welt ist humaner geworden. Daher haben sich Herr Hofrat gewiß beim Weiterblättern über die Resurrectio Spitzers gefreut[4], der sich wieder ganz frisch und munter als strammer Etymologe vorstellt.

Ich hatte schon gefürchtet, Herr Hofrat seien von den Huldigungsstrapazen etwas angegriffen. Doch Ihre ungemein jugendlichen Schriftzüge haben mich beruhigt. Ich wünschte nur, Herr Hofrat, Ihnen etwas näher zu sein, doch bis zum Eintritt in den Ruhestand bin ich an Klagenfurt gefesselt.

Mit den innigsten Wünschen für Ihr ferneres Wohlergehen

in Verehrung

Ihr R. Riegler



[1] Joseph Gragger war Lehrer für Englisch und Französisch an der steiermärkisch ständischen Ober-Realschule in Graz und Schüler Schuchardts. Erhalten ist im HSA (Bibl.Nr. 03921 ein Brief Graggers vom 21.7.1900).

[2] Die Korrespondenz Rieglers mit Bertoni findet sich in Modena, Biblioteca Estense, Carteggio Bertoni (insges. 46 Stücke aus den Jahren 1914-39). Am 3.9.1921 schreibt Riegler an Bertoni: „Il 2 di febbrajo 1922, il prof. Schuchardt, il mio diletto maestro, celebra il suo ottantesimo giorno di nascita. Il sentimento di gratitudine verso di lui mi fa nascere nell’anima il vivo desiderio di onorarlo dedicandogli un mio lavoro. Mi farebbe il favore d’accoglierlo nel  suo Archivum?? Il Maestro gradirebbe la scelta di una rivista svizzera in modo speciale – tenuto conto della sua notissima simpatia per la Svizzera. Il lavoro in questione sarebbe un trattato nel genere della ,Marantega‘, solamente più lungo (circa 20 pag.). Ecco il titolo: Wind und Vogel. Il lavoro e comparativo, parte dalla filologia romanza, ma prende in considerazione anche lingue germaniche. Condizione sarebbe che il lavoro sarebbe pronto a tempo“.

[3] Brüch, „Zu Spitzers katal.-sp. Etymologien in der Bibliotheca archivi romanici III“, 26-74. Vgl. dazu Spitzers Brief vom 15.2.1922 an Schuchardt (Lfd.Nr. 333-11094): „Nun zu Miscell. Ling. Ich habe, um Ihre Bedenken wohl wissend, sofort als der Gedanke bei Bertoni, offenbar von Riegler genährt, greifbare Form gewann, gegen eine Form der Festschrift protestiert, wie sie wohl im Sinn des Detailplans bei Bertoni liegt, aber Ihnen nicht entspricht – aber da schon einige Beiträge gedruckt waren (der Rieglers und der mir polemisierende, mit Ihnen wohl zusammenhanglose Brüchs), meinte Bertoni, er könne meine Einwände nicht mehr berücksichtigen und Sie würden sicher eine Freude haben. Darauf konnte ich nichts mehr tun u. ich sehe auch nicht, was sich machen ließe. Mein eigener Aufsatz ist ebenso wie der folkloristische Rieglers derart gehalten, daß eine Seite Ihrer etym. Tätigkeit, eben die Arbeit mit Onomatopöien, fortgeführt wird, u. ich hatte Bertoni den Titel ,Beiträge z. rom. Wortforschung‘ vorgeschlagen. Nach meinem Gedanken sollte jeder Mitarbeiter eine andere Seite der Wortforschung in Ihren Sinn pflegen. Wollen Sie das ev. Bertoni nochmals mitteilen, da Riegler ja machtlos ist?“ (ed. Hurch, 246). – Zu Spitzers Reaktion auf Brüch vgl. seinen Brief an Schuchardt vom 30.7.1922 (Lfd.Nr. 348-11109, ed. Hurch, 265).

[4] Spitzer, „Über einige lautmalende Wörter des Französischen“, Miscellanea linguistica, 1922, 140-168.