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Brief (41-09628)

Klagenfurt, 27.2.1922.

 

Hochgeehrter Herr Hofrat!

Freund Spitzer schreibt mir, er sei von Herrn Hofrat beauftragt, mir mitzuteilen, daß Sie die Ihnen gewidmete Festschrift wenig befriedigt habe. Ich habe Herrn Hofrat bereits geschrieben, daß ich an ihrem Zustandekommen keine Schuld trage und ich nehme an, daß Herr Hofrat Spitzer vor Empfang meines Briefes benachrichtigt haben.

Ich möchte mir nun erlauben, ein gutes Wort einzulegen für meine Mitarbeiter, namentlich für den I2I „Hauptschuldigen“, Professor Bertoni. Wenn ich Herrn Hofrat recht verstehe, so mißfällt Ihnen die Formlosigkeit der Beiträge. Als Entschuldigung möchte ich geltend machen, daß dies ein bekannter Erbefehler der deutschen Gelehrten ist. Wenn der Romane in denselben Fehler verfällt, so kommt dies eben daher, daß er bei uns in die Schule gegangen ist. Herr Hofrat mit Ihrem feinen Stilgefühl und dem Sinn für die schöne Form sind eine Ausnahme unter den deutschen Gelehrten. Prof. Bertoni zeigte eine solche Begeisterung für das Zustandekommen der Festschrift, daß eine Ablehnung oder kühle Aufnahme für ihn eine schwere I3I Kränkung wäre. Er hat ja übrigens noch auf andere Weise, durch ein Glückwunschtelegramm und die Blumenspende seine herzliche Anteilnahme an Ihrem Ehrentage bewiesen. Auch von allen anderen Mitarbeitern glaube ich mit gutem Gewissen sagen zu können, daß sie die besten Absichten hatten und sich der Formmängel ihrer Artikel gar nicht bewußt sind. Prof. Bertoni ist geradezu stolz darauf, daß es ihm gelungen ist, Vertreter der verschiedenen Nationen (Deutsche, Slawen, Italiener, Franzosen) zusammenzuspannen und so der Huldigung ein internationales Gepräge zu geben. Ich kenne Prof. I4I Bertoni aus dem brieflichen Verkehr als einen entgegenkommenden und liebenswürdigen Herrn von ausgesprochener Deutschfreundlichkeit. Als ich meine letzte an ihn gerichtete Karte der Eile wegen deutsch schrieb und mich deshalb entschuldigte, antwortete er mir: Mi scriva pure in tedesco, poichè è una lingua che conosco bene e che amo molto. Un romanista non può dimenticare che era la lingua de (sic) Federico Diez. Solche Worte bekommt man aus den Ententeländern nicht allzu oft zu hören. Prof. Bertoni ist nämlich nach Turin übersiedelt, wo er Via Gaudenzio Ferrari 3 wohnt. (Bei dieser Gelegenheit erlaube ich mir auch die mir von Freund Spitzer zugekommene Adresse des Dr Brüch I5I mitzuteilen: Wien XI, Lorystraße 44.)

Zum Schlusse möchte ich den Wunsch aussprechen, Herr Hofrat mögen die freudige Stimmung, in die Sie begreiflicherweise das Schuchardtbrevier versetzt hat, einigermaßen der armen Festschrift zugute kommen lassen und sie mit Milde und Nachsicht beurteilen.

Mit dem Ausdrucke

dankbarer Liebe und Verehrung

Ihr R. Riegler