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Brief (03-09359)

Altenburg, 5.5.69

Stadt Gotha

Geehrtester Herr Doctor!

Herzlichen Dank für die Sprichwörter. Die meisten sind zwar auch in Toscana üblich, indessen hoffe ich doch so viel Varianten darunter zu finden, um sie als speciell römisch mit besonderer Bezeichnung einregistriren zu können. Aus Bari1 und Bittonto wurde mir gestern ebenfalls eine Sammlung apulischer Sprichwörter zugesandt, von denen aber leider nur ganz wenige im Dialekt sind, der Rest in italiänischer Schriftsprache, mit italiänischen Worten aus der Mundart vermischt, abgefaßt ist. So z.B. Come è brutto il villano con la giamberga. Kennen Sie vielleicht das Wort und seine Bedeutung?2 Ich fand es noch nie.

Für das Romansch kann ich Ihnen zu meinem Vergnügen eine Quelle angeben, die Ihnen jede Reise nach Graubünden erspart: es ist der Privatgelehrte Dr. H. Lotze in Leipzig, (Sternwartenstraße), der nicht nur die größte Sammlung von Drucksachen und Handschriften in Romansch besitzt3, sondern auch viel persönliche Beziehungen mit Lehrern und Geistlichen im Engadin und in Chur hat. Seiner Bibliothek habe auch ich die meisten meiner Sprichwörter in den ladinischen Mundarten zu danken, andere hat mir ein Prediger aus Münster geschickt, der seitdem, wie ich hörte, verstorben ist. Dr. Lotze ist ein Bibliomane und ist bloß dadurch zu gewinnen, daß man ihm Bücher schenkt. Je seltener, je besser. Können Sie irgend ein Werk in einer womöglich noch unbekannten Sprache, ein Buch wer weiß wo gedruckt oder eine Handschrift auftreiben, um ihm Ihre Erkenntlichkeit zu bezeugen, so steht Ihnen seine ganze reiche Bibliothek zur Verfügung, die in seinen Händen wie ein vergrabener Schatz ist. Er will Alles machen und herausgeben und kommt zu nichts.

Sehr verpflichtet haben Sie mich, daß Sie mich auf die Übersetzung von span. naypes 4 aufmerksam gemacht haben. Ich hatte es rein übersehen, und, wie es bei Stoffmassen, die bewältigt sein wollen, häufig geschieht, hingeschrieben, weil ich im Zuge war, „Würfel“ zu schreiben, ohne daran zu denken, daß im Text naypes steht. Man kann so gedankenlos werden, wenn man viel abschreibt.

Mit freundschaftlicher Ergebenheit Ihr Reinsberg-Düringsfeld.


[1] Im Quellenverzeichnis der Sprichwörter (Anm. 5) wird der Konsul des Norddeutschen Bundes in Bari, Friedrich Alexander Marstaller, als Gewährsmann für Sprichwörter im Dialekt von Bari angegeben.

[2] Das Wort bezeichnet einen „Gehrock“; das Sprichwort „Wie hässlich ist ein Bauer im Gehrock“ bedeutet, dass ein Bauer immer ein Bauer bleibt, auch wenn er sich wie ein Herr anzieht.

[3] Vgl. Verzeichniss der hinterlassenen werthvollen Bibliothek des Herrn Dr. ph. Hermann Lotze Privatgelehrten zu Leipzig, welche am 22. Mai 1876 in T. O. Weigel's Auctions-Lokal in Leipig ... versteigert werden soll, Leipzig 1876. Der Bestand an romanistisch relevanten Büchern wird auf den S. 82-132 beschrieben, die rätoromanischen auf S. 125-131. Lotze, 1829 in Dippoldiswalde bei Dresden geboren und nicht mit seinem berühmten Vetter, dem Philosophen Rudolph Hermann Lotze, zu verwechseln, verstarb am 27.4.1875, wie wir dem Katalogvorwort seines Freundes Franz Delitzsch (1813-1890), seines Zeichens Alttestamentler und Hebraist, entnehmen können, der Lotzes unermüdlichen Sammlerfleiß charakterisiert („Einen erstaunlichen Umfang des Wissens fand ich in ihm mit kindlicher Anspruchslosigkeit gepaart“). Näheres zu Lotzes romanistischen Kontakten bei Paul Videsott, „Die rätoromanischen Handschriften der Sammmlung Böhmer im Berliner Bestand der Biblioteka Jagiellońska / Universitätsbibliothek Krakau“, VRom , 70, 2011, 150-90, hier 180; weiterhin Francesca Antonini (Università di Pavia), Bibliotheken von Philosophen, Scuola Normale Superiore di Pisa / Università degli Studi di Cagliari (online) mit einem Brief des Philosophen Hermann Rudolf Lotze an Carlo Cantoni vom 21.12.1869, in welchem er schreibt: „Ihr Brief ist mir lange ganz unverständlich gewesen. Ich kenne Herrn Professor Ascoli nicht; ich beschäftige mich auch nicht mit Linguistik; ich verstehe nichts vom romanischen Dialecte, bin auch nicht in Bressanone gewesen und habe noch weniger von dort irgend welche Documente mit fortgenommen. Deshalb wusste ich lange Zeit gar nicht, wie ich mir Ihre Worte erklären sollte, zuletzt hat mich ein glücklicher Einfall meines Sohnes wahrscheinlich auf die richtige Spur gebracht. Es existirt nämlich ein anderer Gelehrter, der ganz wie ich, Hermann Lotze heisst, auch wirklich mein Cousin ist, obwohl ich ihn nicht kenne, und der sich seit langer Zeit mit Linguistik erfolgreich beschäftigt hat. Er lehrt aber nicht in Göttingen, sondern in Leipzig, wo er früher Privatdozent an der Universität war; ich weiß nicht, ob er das jetzt noch ist. Diesen hat ohne Zweifel Herr Ascoli gemeint”.

[4] Die heutige Schreibung ist „naipes“.