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Brief (04-07491)

Homberg b. Thun 26.I.22 Ct. Bern (Schweiz).

Sehr verehrter Herr Geheimrat,

Wollen Sie nachsichtig verzeihen, daß ich so lange säumte, mein Versprechen zu halten & Ihnen von meinem geliebten Manne zu erzählen.

Gestern1 hat es sich gejährt, daß er mich verlassen hat. An seinem Grabe ist es still & feierlich; Tannen stehen drum & seine geliebten Berge blicken drauf hernieder.

Sie wissen vielleicht, daß er das letzte Jahr in der Schweiz verbracht hat. Die Verpflegungsmöglichkeiten in Deutschland waren auf einem großen Tiefstand an- gelangt; kein rechtes Personal, keine Nahrungsmittel etc. Nach unendlichen Schwierigkeiten gelang endlich im Dezember 19 die Übersiedlung nach der Schweiz, die ich schon lange so heiß gewünscht. In einer kleinen wunderschön gelegenen Anstalt in der Nähe von Bern2 war er gut geborgen & auf’s Liebevollste gepflegt. Die Rückkehr in die Heimat wirkte sichtbar woltätig auf ihn. Er fing an sich wieder etwas behaglich zu fühlen, was vorher nie mehr der Fall gewesen war & entschiedene Fortschritte stellten sich bald ein. Ich durfe ihn jede Woche besuchen & zwei Tage bei ihm bleiben. Bald konnten wir Spaziergänge machen im nahen Walde, oft über eine Stunde. Natürlich blieben Stillstände & etwa auch kleine Rückfälle nicht aus. Aber im Sommer war es doch so weit, daß ich ihn zu mir holen konnte in das kleine Heim in Homberg in den Bergen über Thun, das ich mir eingerichtet hatte in der Hoffnung, ihn einmal holen zu dürfen. Hier fühlte er sich wol, so weit die tiefe Melancholie, die ihn erfüllte es zuließ & es ging sichtlich voran. Er bekam wieder Lust zu lesen; einige wissenschaftliche Arbeiten, die ihm Freunde schickten, nahm er mit Interesse durch. So ging das Jahr 1920 dahin & meine Hoffnung wuchs.

Da wurde zu Anfang des neuen Jahres (21) eine Operation nötig (Bruch). Die Ärzte hatten keinerlei Bedenken, da er körperlich so erstarkt war.

Am 10. Januar fuhren wir in das Krankenhaus von Thun, das einen ganz vorzüglichen Chirurgen besitzt. Am 11. fand die Operation statt. Alles verlief über Erwarten gut. Am 17. konnte er schon ein wenig aufstehen & die Ärzte waren ununterbrochen sehr zufrieden. Wir freuten uns schon so darauf, wieder auf unserm (sic) Homberg zurückkehren zu können. Aber am 19. trat plötzlich eine große Schwäche ein, die unaufhaltsam zunahm & in wenigen Tagen zum Ende führte. Er hat nicht gelitten; es war ein sanftes Entschwinden & friedvolles Einschlafen in der Frühe des Sonntags vom 23. Januar.

Wie dieses Unheil so plötzlich kommen konnte, ist mir immer noch unfasslich. Die Ärzte sagen, es sei der Zucker.

Wir3 sind jetzt an der Arbeit einen neuen dritten Band „Aus Dichtung & Sprache der Romanen“ herauszugeben, der Vieles von seinem literarischen Nachlaß bergen wird. Aber Bücher drucken ist heute eine schwierige Sache; das Ms. ist fertig. Jedoch der Verleger will sich vorher sichern & erst eine Einladung zur Subscription ergehen lassen. Von deren Erfolg wird es abhängen in wie großem Umfange das Buch gedruckt werden kann.

Für Ihren Brief vom 6. August danke ich Ihnen sehr. Aus seiner schönen klaren Schrift glaubte ich schließen zu dürfen, daß es Ihnen, verehrter Herr Geheimrat, gut geht. Darf ich hoffen, daß es weiter so geblieben ist? Ein andrer Brief außer dem vom 6. Aug. ist bei mir nicht angelangt.

Herzlich grüßt Sie Ihre sehr ergebeneFrida Morf.

Ich nahm an, daß Sie von vielen Nachrufen die hauptsächlichsten kennen; vielleicht aber nicht den von Prof. J. Bosshart4, der in einer schweizer Zeitung erschien. Er ist mir besonders lieb & scheint mir einer der besten zu sein.

Besitzen Sie ein gutes Bild von meinem Manne?


[1] Morf war aber nicht am 25., sondern bereits am 23. Januar gestorben.

[2] Möglicherweise Münsingen, da die bekanntere Klinik Waldau zu klein geworden war.

[3] Vermutlich sie selber und Eva Seifert, vgl. HSA, Lfd.Nr. 10497.

[4] Jakob Bosshart, NZZ Nr 122, 25.1.1921, Bl. 122.